+
Hausärztin und Patientin im Gespräch. Anonymität war Voraussetzung dafür, dass der Reporter dabei sein durfte.

Ärztemangel

Gibst du Krankmeldung!

  • schließen

Ein ganz normaler – nein, ein „superguter“ Montag in einer Hausarztpraxis, oder: Der wahre Ärztemangel kommt erst noch.

Herr A. hat sich am Freitag „ein bisschen dusselig gefühlt“. Dann Fieber bekommen. „Soo ein Hals und soo ein Kopp.“ 39 Grad, aber keine Gliederschmerzen. „Keine Gliederschmerzen?“, fragt Dr. Schmidt zurück. Nein, sagt der Patient. Er heißt genauso wenig Herr A., wie die Hausärztin Dr. Schmidt heißt. Ebenso werden alle weiteren Beteiligten in diesem Text nach dem Alphabet durchbuchstabiert, denn wenn irgendwo Anonymität wichtig ist, dann auf jeden Fall in einer Arztpraxis.

Ob er noch die Mandeln habe, fragt Dr. Schmidt. Unklar, sagt Herr A., ein Mann im mittleren Alter, er sei zwar operiert worden, aber als kleiner Junge. Im Übrigen gehe es ihm heute schon viel besser, eigentlich wisse er gar nicht, warum er hier sei. Herr A. muss „Aaaah“ sagen. „Das ist ein grippaler Infekt“, sagt Dr. Schmidt, „ich schreibe Sie für zwei Tage krank, das sollte reichen.“ Im Gehen krächzt der Patient: „Meine Mutter sagt, das liegt alles daran, dass ich Fahrrad mit offenem Mund gefahren bin.“ Alle lachen.

Ein Reporter im Sprechzimmer? Wieso? Weil die Frankfurter Rundschau vor einiger Zeit einen Bericht über einen Landarzt veröffentlichte, der Dr. Schmidt in manchen Passagen nicht gefiel. Der Landarzt erzählte aus seinem Alltag in Ostsachsen, von seinem „Glück auf dem Lande“, wie es im Titel hieß. Dr. Schmidt war das zu wenig. „Das ist alles zu lieb“, urteilte sie, „das klingt mir alles zu rosig“ – und lud die FR ein, sich selbst ein Bild zu machen vom Ärztealltag. Was sich die FR natürlich nicht entgehen lässt.

Schreibtisch, Computer, zwei Stühle, Hocker, Liege, Ultraschallgerät, drei Bilder an der Wand. Frau B. kommt herein. Sie war vorige Woche schon zum Blutabnehmen da. „Da war alles okay“, sagt Dr. Schmidt. „Aber Sie hatten über Gedächtnislücken geklagt.“ Die junge Patientin ist ratlos. „Ich hatte wieder so ein Erlebnis bei der Arbeit. Ich habe einer Kollegin etwas nicht gesagt, obwohl das vereinbart war. Das verunsichert mich. Ein Gefühl, als wäre die Festplatte voll, und was ich mir neu merken muss, wirft ältere Sachen runter.“ – „Ich sage immer: zu viele Windows-Fenster offen“, vergleicht Dr. Schmidt. Sie checkt Bauch, Lunge, Rachen der Patientin. Blutdruck 140 zu 80. „Sind Ihre Impfungen aktuell?“ – „Muss ich zu Hause gucken.“ Bekannte sagten, es gehe ihnen genauso, erzählt Frau B., sie mache sich trotzdem Sorgen. „Und Ihr Mann?“ – „Der lacht.“ Vielleicht sei es auch wegen der Kinder, sagt Frau B. „Es ist so viel im Moment. Ich muss an so viel denken.“

Problematisch, Nachfolger  zu finden

Wie alle anderen, die heute in der Praxis sind, hat Frau B. ein ausführliches Schreiben von Dr. Schmidt in die Hand bekommen. Darin steht, dass der Hausärztemangel zunehmend Probleme mache. Dass in Hessen ein Großteil in den nächsten zehn bis 15 Jahren in Rente gehe und dass es schwer sei, Nachfolger für die Praxen zu finden, selbst in Frankfurt. Frau Schmidt schreibt ihren Patienten, dass sie gern einen Beitrag zu der Diskussion leisten möchte, ob und wie künftig noch eine flächendeckende wohnortnahe Versorgung mit Hausärzten möglich sei. Und dass ein Reporter der FR heute schauen möchte, wie es in so einer Praxis zugeht – „in was für einer Schlagzahl dort Medizin gemacht wird“. Die Patienten sollen unterschreiben, wenn sie mit der Anwesenheit des Redakteurs einverstanden sind. Alle unterschreiben bis auf eine einzige Frau.

Herr C. war tags zuvor in der Sonne. Jetzt dröhnt der Kopf, er hat nicht schlafen können. Starke Schmerzmittel nimmt er schon wegen der Bandscheibe. Ob er arbeiten gehen kann? Schlecht. Er ist Minijobber. Früher hat er 23 Jahre am Stück körperlich gearbeitet. Dann Bandscheibe. „Ruhe!“, rät Dr. Schmidt. „Soll ich Sie krankschreiben, drei Tage?“ Ja. Als Herr C. draußen ist, schnell einige Notizen in den Computer. Eine Mitarbeiterin kommt herein, bei Frau D. sei der HB-Wert wieder im Keller, na gut, die hat gerade ihren 90. gefeiert, und bei Frau E. sei die Tochter jetzt gestorben. Dr. Schmidt schluckt. Die beiden Damen sind zu Routineterminen da, sie müssen heute nicht ins Sprechzimmer. „Ich gehe mal eben Frau E. kondolieren.“

Frau F. ist die Nächste, sie hat ihr Baby dabei. „Ich wollte die Ergebnisse“, sagt sie. Dr. Schmidt schaut in ihre Unterlagen. „Sie haben keine Schilddrüsen-Unterfunktion.“ Sechs Jahre lang hat die junge Frau versucht, schwanger zu werden, mit künstlicher Befruchtung klappte es schließlich. „Mir war es wichtig, sicherzugehen, dass ich während der nächsten Schwangerschaft keine Unterfunktion bekomme“, sagt sie. Die passenden Heuschnupfentabletten für die Stillzeit sucht Dr. Schmidt schnell per Online-Recherche für Frau F. heraus.

9.30 Uhr. Alles, was bisher passiert ist, ist in weniger als einer Stunde passiert. Wieder ein kurzer Blick in den PC. Die Mitarbeiterin kommt herein. Frau G. möchte einen Hausbesuch. „Ja ja, geht nicht gibt’s nicht.“

Frau H. hatte Probleme mit einem Zahnimplantat, seither einen pelzigen Fuß, sie fühlt sich unsicher auf den Beinen, sie möchte einen roten Knopf: Hausnotruf. Dr. Schmidt berät ausführlich. Herr I. fliegt in drei Wochen nach Südostasien und will die Impfungen für sich und seine Partnerin checken lassen. „Polio müssen wir machen, sonst ist alles okay.“ Herr J. hat schwer definierbare Beschwerden, Luft im Bauch, Kopf- und Gliederschmerzen. Frau K. lobt das herrliche Wetter und sagt: „Früher ist man zum Arzt gegangen, wenn man was hatte. Jetzt wird so viel geknottert.“ Frau L. kommt mit einem MRT-Befund der Schulter. „Arthrose“, sagt Dr. Schmidt, „und Sie haben gewackelt bei der Aufnahme.“ – „Ich? Ganz ruhig gelegen hab’ ich.“ Nachts wache sie oft auf vor Schmerzen. Herr M. spricht kaum Deutsch, hat eine chronische Virus-Hepatitis und keine Zeit, zur Spezialistin zu gehen – seit 2016. Jetzt wird Dr. Schmidt zum ersten Mal ein wenig ungehalten. „Trinken Sie Alkohol?“ – „Nur ein Bier am Abend.“ – „Für Ihre Leber wäre es besser, gar nicht zu trinken.“ Ein Anruf bei der Spezialistin, dann die ultimative Aufforderung an Herrn M.: „Machen Sie da sofort einen Termin.“

10.45 Uhr. An der Anmeldung stehen die Leute Schlange. Was ist das heute für ein Tag? „Heute ist wenig los“, sagt die Mitarbeiterin am Empfang. „Supergut ist das heute“, sagt ihre Kollegin. „War ja klar.“ Vorführeffekt. Aber wenn das „supergut“ ist, wenn das also „wenig los“ bedeutet – was ist dann hier los, wenn viel los ist?

Pro Quartal hat Dr. Schmidt 1300 „Scheine“. Ein Begriff aus der Zeit, als jeder Patient zu jeder Behandlung einen Krankenschein mitbrachte, den er vom Zettelheft seiner Krankenkasse abriss. 1300 Patientenkontakte also in drei Monaten. Vormittags vergibt Dr. Schmidt Termine im Viertelstundentakt bis 11 Uhr, danach kommen die Leute unangemeldet.

„Ich habe heute doppelt so viele Patienten wie vor 15 Jahren“, sagt sie. Noch sei der nächste Hausarzt in Frankfurt oft nur fünf Minuten entfernt. „Aber das wird nicht mehr so sein, wenn Sie und ich 80 sind.“ Die Leute würden älter, die Praktischen Ärzte weniger, die Krankenhaus-Liegezeiten kürzer. „Die Leute fühlen sich oft so durchgeschoben. Manchmal muss man schauen, dass sie nicht unter die Räder der Diagnostik kommen. Die Menschen brauchen das Gefühl, dass jemand mit ihnen redet. Wir Hausärztinnen genießen immer noch einen riesigen Vertrauensvorschuss.“ Einen so riesigen offenbar, dass die Leute einverstanden sind, einem wildfremden Reporter ihre Körperbeschwerden zu erzählen, nur weil die Hausärztin ihm vertraut.

Das Telefon. Die Sprechstundenhilfe. In der Leitung: Herr N., der mit einem Darmverschluss ins Krankenhaus eingeliefert wurde und sich nicht operieren lassen will, bevor er mit Dr. Schmidt gesprochen hat. „Ist der Tumor zurück? Eine Verschlingung einfach? An einem Darmverschluss stirbt man, und nicht auf eine schöne Weise. Sie werden es machen lassen müssen. Augen zu und durch, Sie haben schon so viel überstanden.“ Dr. Schmidt legt auf. Drei verschiedene Karzinome, sagt sie, der Mann frage sich, ob er die Narkose überleben werde. „Bei ihm eine berechtigte Frage. Das geht einem ans Herz.“

Viele Familien kennt sie vom Urgroßvater bis zum Urenkelchen, manche besucht sie auch zu Hause, aber „nicht flächendeckend“ – dazu fehle die Zeit. Es ist ein bisschen wie bei den Lehrern: Jeder sieht die Öffnungszeiten; die Arbeit, die hinterher noch anfällt und oft den Löwenanteil ausmacht, die kriegt kaum jemand mit. Ganz zu schweigen von der Verantwortung. „Man muss aufpassen wie ein Höllenhund, dass einem nichts durch die Lappen geht“, sagt Dr. Schmidt, „gerade wenn der Patient einen Krankenhausaufenthalt nach dem anderen hat, da passieren oft Anschlussfehler mit der Medikation.“

Herr O. ist ein Busfahrer mit Schnupfen und darf nicht fahren, wenn er Medikamente nimmt. Was er genommen habe? „Mucosolvan.“ Bitte krankschreiben. Bis Freitag. Frau P. ist gestürzt. Über die Katze. Die ganze Seite dunkelblau, Schmerzen, Atembeschwerden. Als sie schon fast wieder draußen ist, sagt sie: „Und dann habe ich noch Ohrenschmerzen. Es läuft auch raus.“ Oh, sagt Dr. Schmidt und schaut ins Ohr: „Sie haben ja auch eine ganz ordentliche Gehörgangsentzündung. Das muss doch weh tun!“ – „Ich nehme ja genug Schmerzmittel.“ Frau P. geht. Die Mitarbeiterin kommt herein. „Draußen steht ein Mann und sagt: Gibst du Krankmeldung!“ Kollektives Seufzen.

Frau Q. ist aus dem Krankenhaus zurück, Bandscheibe, Reha. „Ich habe so Schmerzen gehabt, dass ich weinen musste. Die wollten mir Morphium geben. Ich habe gesagt, so weit bin ich noch nicht.“ Herr R. war in seiner früheren Heimat Profifußballer. Hier in Deutschland muss er sehr viel arbeiten. Als er sich bücken soll, kommt er mit den Händen gerade noch bis kurz hinter die Knie.

12 Uhr. Ende des Praxisbesuchs. „Eines ist mir wichtig“, sagt Dr. Schmidt. „Ich will nicht jammern. Mein Beruf macht mir total Spaß, ich verdiene okay, ich kann davon leben. Aber ich muss gut auf mich aufpassen, sonst macht’s keiner.“ Die Sinnfrage brauche sie sich abends jedenfalls nicht zu stellen, sagt Dr. Schmidt. „Ich würde mir nur mehr Zeit wünschen, damit meine Patienten auch spüren: Die sieht mich als Mensch.“

13 Euro erhält sie nach eigenen Angaben für einen „Erstkontakt“. 13,85 Euro „Chronikerpauschale“. 16 Euro für einen Ultraschall des Bauchs. Für ein Drittel der Leistungen erhalte sie nichts – wegen der Budgetierung. „Und wenn einer reinkommt und tönt: Ich bin Privatpatient, antworten meine Mitarbeiterinnen: Ja, und?“

Früher, sagt Dr. Schmidt, hätten die Leute gesagt: „Der heißt Hausarzt, weil er ein Haus hat.“ Die Zeiten seien vorbei.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare