Justina Honsel will rund drei Wochen lang täglich Focacce im Bahnhofsviertel verteilen. So lange das Geld reicht.
+
Justina Honsel will rund drei Wochen lang täglich Focacce im Bahnhofsviertel verteilen. So lange das Geld reicht.

Coronavirus

Sandwiches für die Armen im Frankfurter Bahnhofsviertel

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
    schließen

Justina Honsel verteilt Focacce an Obdachlose und Drogenabhängige. Die Lage im Viertel spitzt sich zu und droht zu eskalieren.

Justina Honsel biegt in die Elbestraße ab. Sie trägt zwei gefüllte Kisten mit 100 Focacce vor sich her. Es dauert nur wenige Sekunden, bis die erste Person auf sie zukommt. „Habt ihr ein Euro für mich? Ich brauche nur ein Euro“, fragt ein Mann. Seine Augen sind rot unterlaufen. Ein paar Meter neben ihm steht eine Frau vor dem Drogennotdienst und hämmert gegen die Eingangstür. „Geld kann ich dir nicht geben, aber ein Sandwich“, sagt Honsel zu dem Mann. Und ruft rüber zur Frau: „Hey, willst du auch was haben?“

Es ist Justina Honsels erste Tour an diesem sonnigen Nachmittag. Die 30-Jährige wird nun täglich durch das Bahnhofsviertel laufen und belegte Sandwiches an Bedürftige verteilen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Masha Schubbach gründete sie die Initiative „100 Nachbarn“. In ihrem Aufruf schrieben sie: „Die Schwächsten in unserer Gesellschaft werden von Krisen immer als Erste getroffen.“

Die beiden Frauen, Honsel ist Designerin und Schubbach Stylistin, riefen über ihre Instagram-Profile, wo sie zusammen mehr als 20 000 Follower haben, zu Spenden auf. Bereits innerhalb von fünf Tagen sammelten sie rund 7000 Euro, ihr Ziel sind 10 000 Euro. „Das geht alles so wahnsinnig schnell“, sagt Honsel, die zu ihrer roten Mütze und der Sonnenbrille einen Mundschutz trägt. Sie wohnt selbst im Bahnhofsviertel und erlebt, wie sich der Alltag dort verändert, seitdem das Leben jedes Einzelnen auf ein Minimum beschränkt wurde. Wo sonst zwischen Rotlichtviertel, hippen Bars und Restaurants Obdachlose und Drogenabhängige zum Inventar des Viertels gehören wie der Apfelwein zu Sachsenhausen. Jene Menschen, die fast schon nicht mehr auffallen zwischen Touristen und jungen Partygängern.

Bahnhofsviertel wie ausgestorben

Doch jetzt wirkt das Bahnhofsviertel wie ausgestorben, Obdachlose und Drogenabhängige prägen es zwischen Elbestraße, Taunusstraße und Moselstraße. In den sonst belebten Münchener und Kaiserstraße laufen nur wenige Menschen entlang, ab und zu verirrt sich ein Auto ins Viertel. Keine Polizei, keine Ordnungsamtsmitarbeiter patrouillieren durch die Straßen, alles ist geschlossen bis auf Drogerien und Kioske.

„Die Stimmung kippt. Der Ton wird rauer“, sagt der Mitarbeiter eines Kiosks in der Taunusstraße. Er trägt Mundschutz und Sonnenbrille und zieht seine Kapuze tief ins Gesicht, als hätte er Angst, erkannt zu werden. „Die Junkies können nicht mehr betteln oder sich irgendwo Essen holen“, sagt er. Dieses Problem schildert auch Honsel, während sie weiter mit ihren Kisten durch die Straßen läuft. „Sie haben kaum Möglichkeiten zu betteln, weil hier keine Touristen mehr sind. Sie können auch keine Pfandflaschen sammeln. Sie kriegen keinen Döner mehr umsonst, weil alle geschlossen haben.“

„100 Nachbarn“

Justina Honsel und Masha Schubbach sind die Gründerinnen von „100 Nachbarn“.

In Zusammenarbeit mit dem Restaurant 91 RAW verteilen sie täglich 100 frisch zubereitete Focacce an Obdachlose und Drogenabhängige.

Innerhalb von fünf Tagen nahmen sie fast 7000 Euro an Spenden ein. Ihr Ziel sind 10 000 Euro. Damit wollen sie auch andere Initiativen unterstützen.

Unter https://paypal.me/pools/c/8nxE5STRap kann gespendet werden. Kontakt via E-Mail: mail@justinahonsel.de
stn

Weiter auf der Taunusstraße sucht ein junger obdachloser Mann im Mülleimer nach Essbarem. Honsel bietet ihm direkt eine Focaccia an. Er lächelt.

Nur wenige Sekunden später überquert eine Frau die Straße. Sie ist abgemagert, ihr Gesicht ist vom Drogenkonsum gezeichnet. Normalerweise bekomme sie Essen in der Drogenhilfeeinrichtung La Strada in der Mainzer Landstraße. „Immer nach dem Drücken geben sie mir was mit“, sagt sie mit gebrochener Stimme. Doch das La Strada wird von der Tafel beliefert. „Ich hoffe, dass sie uns weiter versorgen können“, sagt Oliver Henrich, Pressesprecher der Aids-Hilfe. Die Essensvergabe sei im Bahnhofviertel eingebrochen. Dort gehe niemand mehr rein, sagt Gabi Becker, die Leiterin der Integrativen Drogenhilfe.

„Die Spielhallen sind geschlossen. Die gehören normalerweise zu den Umschlagpunkten für Drogen – und die Preise dafür wurden sicher angehoben“, schätzt sie. Und wenn die Klienten auf Entzug seien, „dann sind sie gesundheitlich extrem gefährdet“, sagt Becker. Im Drogennotdienst in der Elbestraße gebe es täglich Verpflegung. Doch was passiert, wenn der erste Corona-Fall gemeldet wird? „Dann muss es radikale Lösungen geben.“

Honsel läuft mit ihren Kisten weiter durchs Viertel und biegt in die Moselstraße ab. Vor dem Hotel Rossija stehen drei Männer mit Mundschutz, auf dem Boden steht eine Wodkaflasche. Die Stimmung ist aggressiv. Honsel ignoriert das Trio und steuert auf eine Gruppe zu, die vor einem Kiosk herumlungert. Zwei Leute sitzen am Boden und bereiten ihr Crack vor, die anderen laufen langsam auf Honsel zu und fragen nach einem Sandwich. „Schön Abstand halten“, sagt die 30-Jährige. Sie befolgen ihre Anweisungen. „Du kannst es auch zu mir rüberwerfen“, sagt einer von ihnen.

Diese Leute seien allem schutzlos ausgeliefert, sagt Becker. „Sie zählen zur Hochrisikogruppe. Sie sind alle krank, viele haben Hepatitis C.“ Die Obdachlosen und Drogenabhängigen vom Bahnhofsviertel haben keinen Rückzugsort, keinen Schutz und können nicht in Quarantäne. „Keine Einrichtung hat so etwas“, erläutert Becker. Und was passiert, wenn sich die Lage weiter zuspitzen sollte? „Die Junkies drehen durch. Wenn wir auch noch unsere Kiosks schließen müssen, dann eskaliert es hier“, sagt der Kioskmitarbeiter aus der Taunusstraße.

Justina Honsel lässt sich von alldem nicht unterkriegen. Sie wird morgen wiederkommen. Dann läuft sie erneut durch die Straßen rund um das Rotlichtviertel und verteilt 100 Focacce. So lange, wie es eben geht.

Gewerbetreibende und Gastronomen beklagen eine zunehmende Aggressivität im Bahnhofsviertel am Hauptbahnhof Frankfurt und sehen die öffentliche Sicherheit in Gefahr.

Kommentare