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Leben aus dem Stein

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Von: Alexandra Flieth

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Da hängt ein Stein am Tropf: Bildhauerin Birgit Cauer zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung in der Weißfrauen-Diakoniekirche, wie Steine an der Entstehung des Lebens beteiligt waren.
Da hängt ein Stein am Tropf: Bildhauerin Birgit Cauer zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung in der Weißfrauen-Diakoniekirche, wie Steine an der Entstehung des Lebens beteiligt waren. © Hamerski

In der Weißfrauenkirche beschäftigt sich eine neue Ausstellungsreihe mit der Entstehung des Lebens. Drei Künstlerinnen und Künstler werden dazu im Laufe des Jahres ihre großen Installationen in dem Gotteshaus in der Gutleutstraße zeigen. Den Anfang macht die Bildhauerin Birgit Cauer.

Der quaderförmige, schwergewichtige Marmor, der unweit des Eingangs zur evangelischen Weißfrauen-Diakoniekirche im Bahnhofsviertel steht, ist nicht perfekt: Seine Oberfläche weist große Löcher auf, an den Seiten durchziehen das Gestein tunnelartige Strukturen. Nicht die Natur hat dem Material seinem Stempel aufgedrückt, sondern Chemie, genauer Salzsäure, die über mehrere Wochen hinweg über einen Tropf langsam auf den Marmor geträufelt wurde und sich in das Gestein hineingefressen hat. Das Ergebnis ist eine veränderte Erscheinungsform, die zwar von Menschen gemacht ist, dennoch aber den langwierigen Prozess der permanenten natürlichen Wandlung von Gesteinen in eine Art Zeitraffer bringt und spiegelt.

Hinter dem Objekt steckt die Bildhauerin Birgit Cauer – das Werk ist eines, das Teil ihrer aktuellen Ausstellung „PETRA – Morphologie der Steine“ in der Weißfrauen-Diakoniekirche ist- Die Schau bildet den Auftakt einer neuen Reihe am kürzlich sanierten Kirchort. Drei Künstler, erläutert Thomas Kober, Kurator der Weißfrauen-Diakoniekirche, würden sich im Laufe des Jahres mit dem Thema „Leben und dessen Entstehung“ beschäftigten. Nach Birgit Cauer folge im Mai Ernst Stark und im Spätsommer Yasuaki Kitagawa. Alle drei benötigten für ihre großen Kunst-Installationen, für die sie eigens Werke aus Naturmaterialien erarbeiteten, Raum, den ihnen der Kirchort bieten könne.

Für Birgit Cauer, die in Berlin lebt und in Frankfurt studiert hat, sind Steine etwas ganz eigenes, etwas, das eine gewisse Form von Leben in sich trägt. Sie spielten bei der Frage nach den Anfängen der Erde und ihrer Entwicklung auch mit Blick auf die Zukunft eine entscheidende Rolle, sagt sie. In ihrer künstlerischen Arbeit geht Birgit Cauer daher der Frage nach, inwieweit die gängige Abgrenzung zwischen organischen, also lebenden Stoffen, und anorganischen Materialien, zu denen Steine zählen, durch eine veränderte Betrachtung eine andere Haltung der Menschen zur Umwelt zur Folge haben könnte. Ganz konkret: Wie waren Steine an der Entstehung des Lebens beteiligt? Birgit Cauer verweist auf Forschungsteams, die an den ältesten bekannten Gesteinen der Welt mikrobielles Leben nachweisen konnten.

Dass sich die Künstlerin mit den wissenschaftlichen Grundlagen auseinandersetzt, verdeutlichen auch ihre detaillierten „Materialzeichnungen“, die in der Schau zu sehen sind. Ebenso tauscht sie sich mit Wissenschaftlern aus. In der Kirche in der Gutleutstraße 20, die seit vielen Jahren als etablierter Kunstort bekannt ist, hat sie nun auf unterschiedlich hohen, stelenartigen Holzpodesten verschiedene Kalksteine wie Travertine platziert, über denen wie bei einer Versuchsanordnung zu einem Teil Tröpfe mit Flüssigkeiten befestigt sind – mit Salzsäure, Kochsalzlösung, Kupfersulfat, Chrom- und Nickelchlorid. Kupfersulfat etwa, so die Bildhauerin, setze sich auf den Kalkstein drauf und verändere dessen Erscheinungsform.

Das Ergebnis selbst birgt eine zufällige Komponente, die mit der inneren Struktur des Gesteins und dessen Reaktion auf die Chemikalien zusammenhängt. Wie viel und für welchen Zeitraum davon zum Einsatz kommt, bestimmt indes die Bildhauerin. Doch nicht jedes ihrer ausgestellten Werke ist durch chemische Prozesse verändert worden. Birgit Cauer hat manchen Stein auch bildhauerisch in Form gebracht – der Unterschied zu den anderen Werken ist jedoch erst bei genauerem Hinsehen deutlich.

Die Ausstellung in der Weißfrauen-Diakoniekirche, Gutleutstraße 20/Ecke Weserstraße, ist bis zum 14. April dienstags bis samstags, von 12 bis 16 Uhr, zu sehen.

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