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Zum Diakoniegottesdienst für Obdachlose in der Weißfrauenkirche kamen 550 Bedürftige.

Bahnhofsviertel

Essen für Bedürftige

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Zu Weihnachten gibt es in der Weißfrauenkirche Essen und Schlafplätze für Bedürftige. Viele Freiwillige helfen dabei.

Der fast volle Mond steht noch tief an Heiligabend im Bahnhofsviertel. Hell und klar kündigt er nach milderen Temperaturen an den vorangegangenen Tagen eine kalte Nacht an. Aus Lautsprechern vor der Weißfrauen-Diakoniekirche tönt englische Weihnachtsmusik. Eine Frauenstimme säuselt: „Santa, Baby“.

Drinnen ist es warm. Die Kirche wird für Bedürftige bei der „Langen Nacht an Heiligabend für alle“ bis zum nächsten Morgen geöffnet bleiben. Klassische Musik hallt aus Boxen durch das Kirchenschiff bis zur hohen Decke. An fünf langen Tischreihen sitzen Menschen und essen. Alle Plätze sind belegt. Auch im Eingangsbereich sitzen einige mit ihren Tellern links und rechts auf dem Boden. An zwei Essensausgaben schöpfen ehrenamtliche Helfer mit violetten Westen aus silbernen Terrinen Gemüse, Hühnerfrikassee und Gulasch auf Teller der Besucher. Andere laufen durch die Tischreihen, schenken Getränke nach und räumen Teller ab.

Auch Victor Starr ist unermüdlich in Bewegung, wird von Leuten angesprochen, gefragt und begrüßt. Seit zehn Jahren veranstaltet der gebürtige New Yorker die durch Spenden finanzierte Armenspeisung mit anschließender Übernachtungsmöglichkeit in der Kirche an der Ecke Gutleut-/Weserstraße.

Zunächst schätzt er die Besucherzahl auf 400 bis 450, korrigiert im Laufe des Abends dann aber hoch auf 550. Eine Besucherin, die zum dritten Mal dabei sei, sagt: „Heute ist es sehr voll, aber das verläuft sich auch sehr schnell“. Sie finde gut, dass es eine solche Veranstaltung „überhaupt“ gebe, die der verstorbene Pfarrer Gerald Hintze vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Ihr Tischnachbar mischt sich ein. Er sagt: „Es ist traurig, dass es das geben muss“.

Beide wollen ihre Namen nicht verraten. Auf einen Schlafplatz seien sie nicht angewiesen, sie hätten ein Zuhause. Sie ergänzt: „Wir gehören zu denen, die durch Geld ausgegrenzt sind“. Organisator Starr sagt: „Wir fragen nicht, ob jemand obdachlos ist“. Wie viele der Besucher etwa zu „working poor“, zu den arbeitenden Armen zählten, könne der 59-Jährige nicht schätzen.

Besucher bekommen Weihnachtsgebäck und Obst

Während des Essens wechseln sich vorne im Altarraum verschiedene Musiker ab: ein Chor, eine Band, ein Solo-Sänger, der „Feliz Navidad“ intoniert. Die Besucher bekommen Weihnachtsgebäck und Obst an ihre Plätze gebracht. Manch einer macht schon jetzt ein Nickerchen. Eine Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf dem Boden an die Wand und ihren großen Rucksack gelehnt, auf den Helfer Äpfel und Bananen gelegt haben.

Agata Ranjabar schenkt Kaffee und Tee aus einem Samowar-Teekocher aus. Die Fuldaerin, die aus Indonesien stammt, hilft zum zweiten Mal mit, hat über eine Plattform im Internet von der Veranstaltung erfahren. „Meine Familie ist nicht in Deutschland, hier fühle ich mich aber wie in einer großen Familie“, sagt die 34-jährige Sozialwissenschafts-Doktorandin. Bis zwei Uhr nachts will sie helfen, danach mit dem ersten Zug nach Hause fahren. Rund 70 Helfer unterstützen Victor Starr in mehreren Schichten bis zum Morgen, wenn es noch Frühstück gibt und aufgeräumt werden muss. Dafür sei es allerdings schwieriger, Freiwillige zu finden, so Starr. Die meisten wollen wohl den direkten Kontakt zu den Beschenkten. Wichtig ist Starr am Abend vor allem der soziale Austausch. Deshalb wähle er seine Helfer auch nach Sprachfähigkeiten aus, damit sich jeder in seiner Landessprache unterhalten könne. Neben Gesprächsangeboten gebe es die Möglichkeit, Schach und Karten zu spielen.

Christian Schlicht, der seit zwei Jahren wohnungslos sei, wie er berichtet, hat seine Karten zum Spielen mitgebracht. Gegessen habe er ein „anständiges Gulasch mit Bohnen und Spätzle“. Er freut sich über Gesellschaft und „ein bisschen festliche Atmosphäre“ an diesem Abend. Unter den Tischen steht bei vielen anderen ihr Hab und Gut, verpackt in Taschen und Tüten. Seines habe er in einem Raum gelassen, wo er sonst schlafen könne, berichtet der 55-Jährige.

Trotzdem will er zum Übernachten bleiben. Die Helfer werden für die Nacht hunderte Decken an die Besucher verteilen.

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