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Klare Ansage im Drogennotdienst in der Elbestraße 38.

Drogenhilfe in Frankfurt

Drogennotdienst Frankfurt: Von Crack und Heroin loskommen

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Im Methadonprogramm des Drogennotdiensts Frankfurt beginnt für fast 80 Menschen in kleinen Schritten ein neues Leben.

In mehrere Jacken gehüllt, hat Ziad die Nacht durchgemacht. Er will pünktlich beim Aufnahmetermin für das Methadonprogramm sein. Der 45-Jährige hängt schräg auf einem der blauen Plastikstühle im Drogennotdienst Frankfurt und droht jeden Moment herunterzufallen. Seit zwei Stunden schläft er hier in unbequemer Position. Feste Schlafzeiten einzuhalten ist schwer für den Drogensüchtigen.

Es ist Mittag, die Vergabezeit ist gerade vorbei. Der winzige Flur in der Ambulanz im ersten Stock dient während der Methadonvergabe als Wartezimmer. Bis auf den kleinen Mann in verdreckten Klamotten ist der Raum jetzt allerdings leer.

Ziad erzählt: Gestern noch habe er Heroin geschnieft und im Rauchraum der Einrichtung an seiner Crackpfeife gezogen. Um sich die Drogen zu finanzieren, sei er Klauen gegangen. Gerade erst sei er aus der Haft entlassen worden. Warum er eingesperrt war, sagt er nicht. „Ich wollte erst mal feiern, dass ich draußen bin.“ Aber nun habe er genug, und die Substitution soll ein erster Schritt nach vorne sein. Wird er ins Programm aufgenommen, darf er den Rauchraum nicht mehr betreten. Das ist eine feste Regel beim Drogennotdienst.

Sozialarbeiter helfen

Der Drogennotdienst in der Elbestraße im Bahnhofsviertel ist die einzige Einrichtung in Deutschland, die einen Konsumraum und Opiatsubstitution anbietet, erklärt Einrichtungsleiter Wolfgang Barth. Suchtkranke, die vom Heroin loskommen wollten, könnten direkt in der Ambulanz eine Behandlung mit Methadon beginnen. Sie würden weiter von den Sozialarbeitern betreut werden, die sie schon kennen. Praktisch alle der fast 80 Patienten, die hier zurzeit substituiert würden, seien vorher regelmäßige Gäste im Druckraum eine Etage tiefer gewesen oder belegten eines der Notschlafbetten im Haus. Manche seien dort nach einer Überdosis auch schon wiederbelebt worden.

Die Serie

Teilnehmer
des Fortbildungsprogramms Buch- und Medienpraxis an der Goethe-Universität haben Texte für eine kleine Serie in der Frankfurter Rundschau verfasst.

Alle Beiträgeentstanden in einem Journalismus-Kurs , den FR-Redakteur Florian Leclerc im Wintersemester geleitet hat. FR

Leise Schnarchgeräusche unterbrechen das Aufnahmegespräch. Ziad schläft immer wieder ein. Zwischendurch beantwortet er Fragen zu seiner Biografie und seinem Drogengebrauch, erzählt von Eltern, die ihn abgelehnt hätten und von chronischen Krankheiten wie seiner Hepatitis C. Er sagt, dass er in Betten nicht schlafen könne, seit zehn Jahren schon. Daher schlage er sich die Nächte um die Ohren und nicke nur hier oder dort kurz ein. Das Ergebnis sei eine ständige Übermüdung. Das Crack, das er neben dem Heroin rauche, halte ihn ebenfalls wach.

Methadonveteran Markus weiß, wie lange es sich hinziehen kann, von der Sucht loszukommen. Seit vier Jahren nimmt der Endvierziger am Substitutionsprogramm im Drogennotdienst teil. Er erinnert sich noch gut an seine Anfangszeit. Damals habe er seine Wohnung verloren und in der Einrichtung gelebt. Mit der Aufnahme ins Programm sei plötzlich der Zwang weggefallen, Geld für die Drogen zu beschaffen.

Zunächst habe er nichts mit sich anzufangen gewusst. „Drogen waren der Inhalt meiner Tage“, sagt Markus. Es habe eine Weile gedauert, sich an den neuen Zustand zu gewöhnen. Nach vielen Rückschlägen habe er irgendwann wieder eine eigene Wohnung beziehen können. Seit einiger Zeit dürfe er am Wochenende sein Methadon zu Hause einnehmen.

Für Markus steht nun der nächste Schritt an: In einigen Wochen will er in eine Arztpraxis wechseln. Bald möchte er auch seinen Führerschein zurück – mit sauberen Urinkontrollen und einem psychologischen Gespräch sei das möglich. Er weiß, dass er es langsam angehen muss. Jederzeit kann ihm ein Rückfall passieren.

Zwei Monate später: Ziad hat sein Leben wieder etwas im Griff. Er tauche regelmäßig zur Vergabe auf und nehme die meisten Amtstermine wahr, erzählt seine Sozialarbeiterin. Das Schlafproblem aber konnte er immer noch nicht lösen.

Sie habe ihn neulich in der B-Ebene im Hauptbahnhof gefunden, wie ein Käfer mit ausgestreckten Gliedmaßen auf dem Rücken liegend. Als wäre er mitten im Gehen umgefallen und eingeschlafen.

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