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Renate Stegmann holt Jana (16) vom Zug ab und hilft weiter. 

Bahnhofsmission

Bahnhofsmission Frankfurt: „Wenn das Leben aus der Spur gerät“

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Ein Besuch beim Leiter der Frankfurter Bahnhofsmission zeigt, wie sich die Arbeit mit der Zeit gewandelt hat.

Eine Suppenküche. In der Ecke hängen ein paar Obdachlose rum, daneben stehen ein paar nette ältere Damen mit der Bibel unterm Arm und barmherzigen Sprüchen auf den Lippen. So oder so ähnlich, witzelt Diakon Carsten Baumann, stelle sich die Öffentlichkeit die Bahnhofsmission in der Regel vor. Inzwischen sei die Arbeit aber um einiges facettenreicher geworden. Denn dort, wo Pendler über ihre verspätete S-Bahn klagen, bestimmen nun Probleme wie Wohnungsnot, Altersarmut, Krankheit und Einsamkeit die alltägliche Arbeit des Teams an Gleis eins.

Gegründet wurde die erste Bahnhofsmission vor rund 125 Jahren in Berlin, um junge alleinreisende Frauen vor Ausbeutung zu bewahren. Dieses Jubiläum feiert die Stiftung der Deutschen Bahn mit einer Wanderausstellung, die seit Freitag am Frankfurter Hauptbahnhof zu sehen ist. Und das, obwohl die Station dort erst 124 Jahre alt ist, so der schmunzelnde Hinweis des Diakons.

In Frankfurt findet man die Bahnhofsmission an der Südseite des Hauptbahnhofs. Etwas abseits, aber doch mittendrin im Drehkreuz, das täglich etwa 450.000 Menschen durchlaufen. Quer durch die Gesellschaftsschichten hindurch finden sich hier alle, von der eilig hetzenden Geschäftsfrau bis zum Flaschen sammelnden Rentner. Eine Art Mikrokosmos, an dem, so Baumann, „wir gesellschaftliche Veränderungen sehr früh wahrnehmen“.

Bahnhofsmission: Bestürzung nach ICE-Attacke

Zuletzt war das eine enorme Bestürzung und ein gewachsenes Sicherheitsbedürfnis unter den Menschen. Ende Juli hatte ein Mann einen achtjährigen Jungen vor einen einfahrenden Zug gestoßen. Die Betroffenheit war groß – nicht bloß unter den Zeugen der Tat.

Die Bahnhofsmission hatte daraufhin die Türen geöffnet, um Raum zu geben für Vernehmungen und Notfallseelsorge. Baumann selbst musste die Geschehnisse daraufhin erst einmal Revue passieren lassen. Aber nur kurze Zeit später sei die Herkunft des Täters in Medien und sozialen Netzwerken ausgeschlachtet worden.

Als Kirche am Bahnhof, einer weiteren Funktion der Mission, hatte man daraufhin ein Zeichen setzen wollen. Gemeinsam mit der Hoffnungsgemeinde, der Domgemeinde und christlichen Vertretern der eritreischen Gemeinde wurde eine Andacht am Bahnhof organisiert.

Fraglos eine sehenswerte Ausstellung.

„Nach dieser Andacht haben alle Beteiligten noch mal ziemlich unter den hässlichen Reaktionen gelitten“, erzählt Baumann betroffen. Er will nicht näher auf die Details eingehen, aber es habe sich um ätzende E-Mails mit klarer Positionierung gehandelt.

Bahnhofsmission: Viele Menschen kondolieren

In den ersten Wochen danach seien viele Menschen erschienen, um sich bei der Bahnhofsmission ins Kondolenzbuch einzutragen, erinnert sich Baumann. Die Menschen hätten auf einmal Angst gehabt. Eltern, die die Reisebegleitung der Bahnhofsmission in Anspruch nahmen, also die sichere Begleitung alleinreisender Kinder, wollten plötzlich lieber mit zum Gleis kommen. Auch die erhöhte Polizeipräsenz sollte den Reisenden ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

„Ich glaube aber, dass das letztendlich nicht verhinderbar ist“, meint Baumann dazu. „Man muss auf sich ein bisschen aufpassen und in unserer Gesellschaft ein bisschen weg davon gehen, dass sich jeder nur um sich kümmert.“

Draußen in der Bahnhofshalle eilen derweil Menschen mit Kopfhörern im Ohr umher und rempeln sich aufgrund ihrer fesselnden Smartphone-Bildschirme gegenseitig an.

Es gibt zwei Türen, die in die Bahnhofsmission führen. Grob stehen sie für zwei Aufgabenfelder, denen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dort nachgehen. Die Tür auf der Innenseite des Bahnhofs führt in den sogenannten Reisebereich. Dort spielen alleinreisende Kinder mit Bausteinen oder der Spielkonsole, bevor sie zu ihrem Zug begleitet werden. Gerade getrennt lebende Eltern nutzen diese Leistung häufig.

Bahnhofsmission: Menschen stehen Schlange

Von außen gibt es einen Eingang an der Mannheimer Straße. Dort stehen meist Menschen Schlange, um bei der Bahnhofsmission um Hilfe zu bitten. Diese Hilfe kann viele Formen annehmen: eine Fahrkarte zum Bewerbungsinterview, einen Schlafsack für kalte Nächte oder auch eine vertrauensvolle Ansprechperson.

Schon seit längerer Zeit nimmt Baumann unter den Gästen steigende Belastungen wahr. Das äußere sich immer häufiger in psychischen Erkrankungen und Drogenkonsum.

Mit diesen Beobachtungen ist er nicht allein. Seit Jahren verzeichnen Bahnhofsmissionen in ganz Deutschland einen deutlichen Anstieg in der Anzahl psychisch kranker Hilfesuchender. „Für mich war das ein Zeichen, dass sich der gesamtgesellschaftliche Druck erhöht. Dass viel früher Menschen aus dem System herausfliegen. Es geht ja heute nur noch Ausbildung zack zack“, mutmaßt der Diakon. Eine Gefährdungslage sei in diesem Bereich daher schon lange gegeben.

In der Öffentlichkeit werde unterschätzt, wer alles die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch nimmt. „Ich hatte hier vor vier Wochen ein Ehepaar, Anfang 60“, erzählt er. „Weil er zu ihr in die Wohnung gezogen ist, hat die Vermieterin gekündigt und sie waren auf einmal obdachlos. Beide in Arbeit und haben das überhaupt nicht verstanden. Dann saßen sie hier in der Bahnhofsmission und haben gefragt, wie es denn weitergeht.“

Bahnhofsmission: Zuwanderung verändert Arbeit

Gerade in Ballungsräumen mit zunehmender Wohnungsnot könne ein Leben schnell ins Ungleichgewicht geraten. Nicht jeder wisse in diesem Moment, wo es Hilfe gibt.

Alexander Sawelew begleitet Menschen zum Zug. 

Auch die Zuwanderung aus dem EU-Ausland habe die Arbeit der Mission nachhaltig verändert. Es gebe vermehrt junge Familien, die in der EU Asyl beantragt haben. Viele von ihnen verlassen ihr Erstankunftsland mit der Hoffnung, in Deutschland besser andocken zu können. „Aber den Menschen zu empfehlen, hier Fuß zu fassen, ist sehr schwierig. Gerade mit jungen Kindern.“

Eine Wohnung zu finden, sei quasi unmöglich und minderjährige Kinder dürfen in Deutschland nicht auf der Straße leben. Da müsse dann gemeinsam mit dem Jugendamt nach Lösungen gesucht werden. Häufig werde eine Rückreise in das Erstankunftsland empfohlen, um eine Inobhutnahme der Kinder durch das Jugendamt zu vermeiden, sagt der Diakon.

Um in derart emotionalen Situationen sensibel zu reagieren, arbeitet die Bahnhofsmission seit zwei Jahren mit einem Video-Dolmetschsystem. Mit dem Gerät, einem Touch-Monitor mit integrierter Webcam, könne man innerhalb von 120 Sekunden geschulte Übersetzer und Übersetzerinnen erreichen. „Wenn die Leute ihren Landsmann oder ihre Landsfrau sehen, da geht die Sonne auf“, berichtet Baumann, während er durch die 40 verschiedenen Sprachen des Systems scrollt.

Bahnhofsmission: Wirklich ruhig wird es nie

Wirklich ruhig wird es in der Bahnhofsmission allenfalls in dem dort vorhandenen Raum der Stille. Sonst herrscht reges Gewusel, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind stets auf dem Sprung. Mal müssen zwei junge Mädchen pünktlich zum Zug gebracht werden, mal stehen 20 Gäste auf einmal vor der Tür und bitten um eine heiße Dusche.

Ab und an, erzählt Baumann, werden die Gäste auch mal lauter, wenn sie eine bestimmte Leistung nicht bekommen. Spucken und Beschimpfungen seien keine Ausnahmen, tätige Übergriffe zum Glück schon. Aber sie kommen vor. Dennoch müssen die Teammitglieder ihr Bestes tun, weiterhin ohne Vorurteile und Missgunst zu arbeiten.

Frankfurt: B-Ebene am Eschenheimer Tor ist wieder Nachtquartier für Obdachlose

Für die Angestellten und Ehrenamtlichen bei der Bahnhofsmission sei das oft stressig, sagt Baumann. Da müsse er als Chef auch darauf aufpassen, dass niemand ausbrenne. Daher sei es schade, wenn die Professionalität des Teams immer noch unterschätzt werde. „Die Mitarbeiter hier müssen schon viel wegbeißen und wegdrücken, viel aushalten, viel kompensieren. Wir haben es ja nicht mit der Upper Class der Gesellschaft zu tun, sondern mit den Menschen, die eigentlich immer ein Problem in der Tasche haben.“ Das Ziel sei daher immer auch zu schauen, wie man die Situation der Leute an diesem Tag ein klein wenig verbessern könne.

Gerade hat Baumann die Dienstplanbesprechung hinter sich gebracht. Die Weihnachtszeit steht an und in der Bahnhofsmission gibt es viel zu tun: Krippe, Adventskalender und der Weihnachtsgottesdienst wollen organisiert werden. Und währenddessen gilt es weiter die Gäste zu versorgen. An diesen Feiertagen wollen die wenigsten Menschen arbeiten. Hier gehören sie zu den restlichen 365. Und das bedeutet, einfach da zu sein.

Die Bahnhofsmission in Frankfurt

3500 Fahrkarten  hat die Bahnhofsmission im vergangen Jahr ausgestellt.
Rund 9000 Mal  hat das Team im Jahr 2018 Fahrgästen beim Umsteigen geholfen.
80 000 Getränkewerden durchschnittlich pro Jahr ausgeschenkt. Jeder Gast bekommt pro Schicht ein Getränk. Wasser schenkt das Team frei aus.
16 fest angestellte  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich im Schichtdienst rund um die Uhr um die Gäste. Hinzu kommen vier Stellen aus dem Bundesfreiwilligendienst und Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs und 65 Ehrenamtliche.
Ein Raum der Stille  kann für stille Momente, Gebete und Meditation genutzt werden. Für muslimische Gläubige ist dort auch die Richtung nach Mekka ausgezeichnet.
Als Notkleiderkammer  sammelt und verteilt die Bahnhofsmission ein begrenztes Kontingent an Kleidungsstücken. Im Winter werden dort Schlafsäcke ausgegeben.
Für Frauen  mit Gewalterfahrungen gibt es dort außerdem eine Notunterkunft mit zwei Betten. Falls alle Frauenhäuser in Hessen belegt sind, versucht die Bahnhofsmission zu überbrücken bis ein Platz außerhalb Hessens gefunden ist.
Geld spenden  kann man an den Verein zur Förderung der Bahnhofsmissionen in Deutschland e.V. unter der IBAN: DE58 5206 0410 0005 0159 95, BIC: GENODEF1EK1.
Bei Kleider- und Sachspenden  aufgrund der begrenztem Räumlichkeiten am besten vorher den Bedarf erfragen. 

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