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Da vorne bohrt sich die Eva ihren Weg.
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Da vorne bohrt sich die Eva ihren Weg.

Frankfurt

U-Bahn-Tunnel im Europaviertel vor dem Durchbruch

  • VonAlina Hanss
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Die Bohrmaschine „Eva“ kann ihre Arbeit im U-Bahn-Schacht unter dem Frankfurter Europaviertel beenden. Auf den letzten Metern ist bergmännische Kraft gefragt.

Mit der Lok geht es auf Schienen hinein in den dunklen Tunnel, das Tageslicht aus Richtung der Baugrube im Rücken wird langsam weniger. Immer tiefer schiebt sich die Bahn mit den vier Waggons unter ächzendem Lärm voran. Bis die große Maschine, die sich bis vor kurzem noch wie eine Raupe unermüdlich ins Gestein gefräst hat, den Weg versperrt.

Was nach Bergbauromantik und Kumpelarbeit klingt, spielt sich jeden Tag unter dem Europaviertel in Frankfurt ab. Für die Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 sind zwei 800 Meter lange Tunnel entstanden, die unter den Straßen des Stadtquartiers entlangführen. Die gigantische Baustelle über der Erde in der Europa-Allee mit einer Größe von knapp zwei Fußballfeldern macht das Ausmaß des Projekts deutlich.

Die Tunnelbohrmaschine ist seit Ende Mai und damit planmäßig an ihrem Ziel unter dem Platz der Republik in der Nähe des Bahnhofs angekommen. Sie ist mehr als 80 Meter lang und wird hier nur „Eva“ genannt. Klingt wie ein netter Kosename für den sieben Meter hohen Koloss, steht in Wahrheit aber für „Europaviertel anbinden“. Hervorgegangen ist der Name aus einem Wettbewerb.

Aus diesen Betonklötzen, Tübbinge genannt, wird die Tunnelröhre gebaut.

Beide Tunnelrohre – eine für den Hin-, eine für den Rückweg der U-Bahn – sind jetzt fertiggestellt. Unterhalb des Platzes der Republik treffen die zwei neu gebohrten Tunnel auf den bereits vorhandenen, damit die Verlängerung gelingen kann. Die vom Hauptbahnhof über den Güterplatz nach Westen verlaufende Bahnlinie wird bis kurz vor der Station „Emser Brücke“ unterirdisch verlaufen. Mit Hilfe einer Rampe gelangt die Bahn auf Straßenniveau. Die folgenden Stationen werden überirdisch gebaut.

„Eva“ hat in den vergangenen Monaten unermüdlich gearbeitet, war an sieben Tagen in der Woche jeweils 24 Stunden im Einsatz. Im September 2019 begann sie mit dem Vortrieb für die erste Röhre. Nach Rück- und Wiederaufbau begann Ende Januar dieses Jahres der zweite Vortrieb. Für die 830 Meter der einfachen Strecke von der Baugrube in der Europa-Allee bis zum Platz der Republik brauchte sie 120 Tage.

Die Maschine gräbt sich nicht nur Schritt für Schritt Richtung Tunnelanschluss vor, sondern bringt gleichzeitig die Betonringe an, die die Wand bilden. Ein Betonring besteht aus sechs Tübbings (rechts im Bild zu sehen), insgesamt 8358 Tübbings hat „Eva“ auf 1700 Tunnelmetern in beide Richtungen verbaut. Die höchste Leistung waren 15 Ringe innerhalb von 24 Stunden, was 18 Tunnelmetern entspricht. Vor den beiden Tunneleingängen in der Baugrube stützen massive Stahlträger und Querverstrebungen die 25 Meter hohen Betonwände an der Seite. Das ist nötig, weil das Grundwasser einen enormen Druck auf die Außenwände der Baustelle und der Tunnelrohre ausübt.

Rund um die Baugrube findet sich der sogenannte Frankfurter Ton. Die Gesteinsschicht enthält Kalksteinbänke, die in unregelmäßigen Abständen im Boden eingebettet sind und ihn deswegen in Verbindung mit dem Grundwasser wenig standfest machen. Nicht nur deswegen fiel die Entscheidung auf die Erschließung per Tunnelbohrer, der gleichzeitig die Wände stabilisiert. Um nicht nur die Arbeiter im Tunnel, sondern auch die Gebäude darüber zu schützen, ist „Eva“ da.

Bis hierhin hat die Bohrmaschine gegraben. Nun geht es bergmännisch voran.

Die Idee zur Verlängerung der U5 sei bereits in den 90er Jahren aufgekommen, erzählt Stadtrat Klaus Oesterling (SPD). Damals sei noch darüber debattiert worden, ob eine Straßen- oder die U-Bahn den Westen der Stadt erschließen solle. Mit ihm seien mittlerweile sieben Verkehrsdezernenten an dem Bau beschäftigt gewesen. Ein achter dürfte hinzukommen, denn die Inbetriebnahme der neuen Strecke ist nach aktuellem Stand für das Jahr 2025 geplant. Wenn es nach Oesterling geht, wird sein Nachfolger die Eröffnung übernehmen.

„Das Europaviertel entwickelt sich prächtig. Natürlich ist es unbefriedigend für eine Stadt, wenn das Quartier fertig ist, aber der richtige Anschluss fehlt“, sagt Oesterling. „Trotzdem können wir hier durchaus von einem Meilenstein für die Mobilität in Frankfurt sprechen.“

Während der Bauzeit musste 2017 und 2018 der Kampfmittelräumdienst anrücken. Zwei Zünder von Brandbomben seien gefunden und entschärft worden. „Im Zweiten Weltkrieg ist der Güterbahnhof immer wieder Ziel von Bombardements geworden“, sagt Oesterling. „Die Blindgänger waren eine Herausforderung für den Baufortschritt.“

Seitdem Tunnelbohrmaschine „Eva“ alle Tübbings angebracht hat, ist im Europaviertel rund um die Baugrube auch ein wenig Ruhe eingekehrt. Vor allem die nächtlichen Arbeiten auf dem Baufeld nähmen wieder ab, lässt die Projektbaugesellschaft wissen. Die Gleise werden auf festem Grund gebaut. Auf eine Schotterschicht wird verzichtet, um die Lärmemission gering zu halten.

Bis zum Durchbruch der beiden Tunnel am Platz der Republik zur vorhandenen Tunnelröhre ist nun bergmännische Kraft notwendig. Dafür werden, auch wenn es antiquiert wirkt, tatsächlich Spitzhacke und Schaufel gebraucht. Die Tunnelbohrmaschine mit dem paradiesischen Namen hingegen hat ihre Arbeit erledigt und wird während des Rückbaus Stück für Stück in ihre Einzelteile zerlegt, um auf anderen Baustellen der Welt erneut eingesetzt zu werden.

In dieser Grube kommt die von Tunnelbohrmaschine Eva ins Freie beförderte Erde an.

Ein bisschen Steigerromantik muss also sein, wenn es an die letzten Meter der U-Bahn-Verlängerung geht. Die Einfahrt in das im Jahr 2019 gesegnete Tunnelmassiv zieren der Bergmannsgruß „Glückauf“ samt Hammer und Schlegel. Die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute, wacht aus einer Nische an der meterhohen Betonwand über das Geschehen in der Baugrube. Und „Glückauf“ heißt es auch für die Bauarbeiten, die noch kommen werden.

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