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Mario Dieringer hat seinen Lebenspartner durch einen Suizid verloren. Jetzt startet er das Projekt "Trees of Memory".
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Mario Dieringer hat seinen Lebenspartner durch einen Suizid verloren. Jetzt startet er das Projekt "Trees of Memory".

Suizid-Baum in Frankfurt

Bäume für Suizidopfer

  • Friederike Tinnappel
    VonFriederike Tinnappel
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Einmal um die ganze Welt: Mario Dieringer will rund um den Erdball Bäume für Suizidopfer pflanzen und Mut zum Leben machen. Den ersten Baum pflanzt er in Frankfurt.

„Wir Hinterbliebenen haben lebenslänglich“, sagt Mario Dieringer (50) im Gespräch mit der FR. Trauer, Schmerz, Schuldgefühle, verbunden mit der Frage, „hätte ich mehr tun müssen?“. Am 27. März 2016 erreichte den heute 50-Jährigen die Nachricht, dass sich sein Lebensgefährte getötet habe. Sie waren im Streit auseinandergegangen. Dieringers Freund weigerte sich weiterhin, Medikamente gegen seine Depressionen zu nehmen.

Über 100 SMS schickte der Freund Dieringer nach Berlin hinterher. Zuletzt eben auch „einen letzten Gruß“. Die Drohung, sich das Leben zu nehmen – „ein Aufschrei“, ein „Hilferuf“ sagt Dieringer, der drei Mal die Polizei holte. Doch niemand konnte den Freund aus seinem Zustand befreien. „Der Isolationskäfig“ schloss sich immer mehr.

„Ich laufe für das Leben“

Am 2. Todestag des Freundes, im März 2018, wird Dieringer den ersten Baum in Frankfurt pflanzen und sich auf den Weg machen: nach Mainz, auf die Schwäbische Alb, nach München, und weiter, zurück Richtung Norden an die holländische Grenze. „Trees of Memory“ nennt Dieringer sein Projekt, das ihn um die ganze Welt führen soll: Die Angehörigen der Menschen, „die es nicht mehr gibt“, laden ihn ein und bestimmen so die Route. „Ich laufe nicht gegen den Suizid. Ich laufe für das Leben.“

Seine Ausrüstung als Gleitschirmflieger hat er verkauft, um sich zum Beispiel das Zelt zu besorgen, in dem er schlafen wird. Seinen Beruf als erfolgreicher Fernsehjournalist und Dozent wird er aufgeben, um zu zeigen: „Auch wenn man nichts hat, kann das Leben funktionieren. Man muss sich nicht umbringen.“

Der sogenannte Werther-Effekt

Oft sei es ein winziger Tropfen, der bei einem Menschen, der an Depressionen leidet und suizidgefährdet ist, das Fass zum Überlaufen bringt. Auf seinen Seminaren warnt Dieringer immer wieder vor dem sogenannten Werther-Effekt. Dieringer zitiert Goethe, der über die Suizid-Epidemien, die sein Werk „Die Leiden des jungen Werther“ auslöste, erschrocken formulierte, man möge sein Werk zwar als Trost, nicht aber als Ansporn zum Suizid verstehen. Ein solcher Nachahmungseffekt ist inzwischen mehrfach wissenschaftlich belegt. Unmittelbar nach der Berichterstattung über den Tod von Robert Enke nahm die Zahl der Schienen-Suizide um das Vierfache zu.

Es gibt aber offenbar auch den umgekehrten, den „Papageno-Effekt“, der an Mozarts „Zauberflöte“ und zwei verhinderte Suizide erinnert. Berichte, die zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, die Krise zu meistern, können eine stabilisierende Wirkung entwickeln.

Der eigene Suizid-Versuch scheiterte

Dieringer kennt die Gefahr und die Gefühle, verloren zu sein, keinen Ausweg zu finden, es einfach nicht mehr auszuhalten. Ein eigener Suizid-Versuch mit 120 Tabletten scheiterte. Schon in der Kindheit habe er an Depressionen gelitten und berichtet in diesem Zusammenhang von einem gewalttätigen Vater, dem er nichts recht machen konnte. Den ganz großen Zusammenbruch erlebte er mit 45 Jahren. „Ich habe mich selbst in die Psychiatrie eingewiesen, weil ich Angst hatte.“ Er wollte, dass „jemand auf mich aufpasst“.

Fast ein halbes Jahr war er im Frankfurter Universitätsklinikum in Behandlung. „Das hat mir sehr viel gebracht. Man muss ja wissen, was mit einem los ist und was einem die Kraft raubt.“ Anders als in seiner Berliner Zeit, als er sich, wenn er sich müde und antriebslos fühlte, stundenlang auf der Tanzfläche austobte, war die Therapie im Klinikum keine Party, sondern der Weg zu sich selbst. Er habe den „eigenen Motor“ entdeckt.

Offenbar hatte er unabsichtlich die überhöhten Ansprüche des Vaters übernommen, wollte sich nie zufrieden geben, ohne überall der Beste zu sein. Vier Berufsausbildungen, die Leidenschaft für seinen Beruf als Fernsehjournalist – überhaupt sei er der Typ, der lieber auf einen Berg in Alaska klettert, als auf Mallorca Urlaub zu machen.

„Irgendwann lernt man sich selber kennen“, sagt Dieringer. Heute habe er sein Leben im Griff. Dazu habe auch das Projekt „Trees of Memory“ beigetragen. Die Idee dazu sei ihm unter der Dusche gekommen. Noch ein Buch über Depressionen und Suizid habe er nicht schreiben wollen. Er könne den Leuten, „die zu Hause rumsitzen und verzweifelt sind“, nur raten, sich selbst mehr Aufmerksamkeit zu schenken, auf sich acht zu geben und herauszufinden, „was macht Dich persönlich kaputt und krank“.

75.000 Kilometer Fußmarsch

Dass Dieringer, dessen Projekt unter anderem vom Boxcamp in Offenbach unterstützt wird, gut zu Fuß ist, hat er schon als 18-Jähriger bewiesen. Kaum konnte er fort vom ungeliebten Elternhaus, sei er quer durch Afrika vom Senegal nach Madagaskar gereist, mal mit dem Bus, mal gelaufen. Den Jakobsweg hat der 50-Jährige auch schon hinter sich. Jetzt also einmal um die ganze Welt.

75 000 Kilometer hat er sich vorgenommen. Bei einer Sechs-Tage-Woche mit 20 Kilometern pro Tag, wäre er 15 Jahre unterwegs. Derzeit tendiert er jedoch eher dazu, nur an vier Tagen zu laufen und zwei Tage der Dokumentation und der Pflege seiner Website zu widmen. Wenn er dann in circa 20 Jahren zurück nach Frankfurt kommt, ist der erste Baum, den er hier pflanzte, schon richtig groß.

Kontakt: Wer das Projekt von Mario Dieringer mit Spenden unterstützen oder einen Baum bestellen möchte, findet alle Informationen auf www.trees-of-memory.eu

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