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Meterhoch türmen sich die Sandberge in Südhessen – aber trotzdem reicht es nicht. Bauunternehmen müssen den Rohstoff importieren.

Rohstoff

Bäume fallen für den Frankfurter Sandhunger

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Die Großstadt schreit für ihre Bauprojekte nach dem wertvollen Rohstoff, doch neue Abbauflächen werden wegen Protesten und Rechtsstreitigkeiten kaum noch erschlossen.

Hier ein druckfrisches Schreiben des Aktionsbündnisses Langener Bannwald an Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) mit der Bitte, am Langener Waldsee die Rodung von weiteren vier Hektar Wald für den Sandabbau aufzuhalten, dort fast zeitgleich die Nachricht, dass das Sand- und Kieswerk Kaspar Weiss seine Abbaufläche in Babenhausen um 17 Hektar vergrößern wolle. Walderhalt versus Sandabbau: Allein schon diese Meldungen zeigen die Interessenskollisionen, die die Rohstoffversorgung in Rhein-Main mit sich bringt. Die Bauindustrie wird hier immer gefräßiger, vor allem die Großstadt Frankfurt wächst – und mit ihr die Nachfrage nach Sand und Kies für Mörtel und Beton, um Neubauten hochzuziehen.

32 Abbaustellen für Sand und Kies gibt es laut hessischem Umweltministerium in Südhessen, zwölf davon allein im Gebiet des Regionalverbands Frankfurt/Rhein-Main. Rund vier Millionen Tonnen Sand und Kies werden mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt (RP) jährlich gefördert; dazu kommen noch baurechtlich genehmigte Mengen, für die die Zuständigkeit bei den Kreisen liegt.

Riesige Massen also – und trotzdem reicht das nicht. „Im Frankfurter Raum müssen fast 60 Prozent der Sande und des Kieses importiert werden“, sagt Peter Ruhm, Geschäftsführer von Geo-Consult. Die fehlenden Rohstoffe für die Frankfurter Bauten kämen vor allem aus dem Elsass und vom Oberrhein, so der Experte. „Der Umweltschaden durch die weiten Transportwege ist größer, als wenn man den Sand umweltgerecht abbauen würde.“

Alternativen gibt es bisher keine. Material, das durch Baustoffrecycling entstehe, könne zwar im Straßen- und Tiefbau oder für Verfüllungen verwendet werden, aber es sei verunreinigt durch Putz- oder Estrichteilchen, so Ruhm. Die Recyclingquoten seien zwar enorm hoch, aber fürs Bauen brauche man qualitativ hochwertige Quarzsande. Auch Wüstensand eignet sich für die Betonherstellung nicht, er ist zu feinkörnig, zu rund. Laut RP gibt es zwar vielversprechende technische Ansätze, aber noch erheblichen Forschungs- und Entwicklungsbedarf.

Die langen Transportwege und die weltweite Verknappung der Resource Sand verteuern Bauvorhaben in Rhein-Main immer mehr. „Im Raum Frankfurt sind die Preise für Sand auf einem sehr hohen Niveau, da wird fast jeder Preis bezahlt“, sagt Ruhm. Genehmigungsverfahren zum Sandabbau würden aktuell drei bis fünf Jahre dauern, erklärt er. Zeitlich und kostentechnisch sei das alles für einen Unternehmer nicht mehr einschätzbar, meint Stefan Sehring, Chef der gleichnamigen Firma, die am Langener Waldsee Sand und Kies abbaut. Deshalb müsse sich Rhein-Main kurz- und mittelfristig auf Rohstoffknappheit einstellen. Umweltschützer machen den Kieswerken in Rhein-Main schon seit Jahren das Leben schwer. Die Firma Sehring ist eines der größten, fördert nach Auskunft der Stadt Langen jährlich 400 000 bis 500 000 Kubikmeter hochwertigen Quarzsand und Kies am Langener Waldsee. Der Kiesabbau an dem Standort reicht bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, doch aktuell habe man „vielschichtig laufende Gerichtsverfahren seitens verschiedener Organisationen und Parteien“ am Hals, erklärt Firmenchef Sehring.

Hauptgegner des Sandabbaus ist der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Er hatte gegen die Südosterweiterung der Abbaufläche geklagt, die das RP 2013 genehmigte, als die alten Abbauflächen, aus denen der Langener Waldsee entstand, zur Neige gingen. Sehring erhielt damals die Erlaubnis, bis zum Jahr 2038 auf 63,7 Hektar Sand und Kies zu fördern. Derzeit läuft beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel immer noch eine Revisionsklage des BUND. Die Hauptkritikpunkte der Umweltschützer: Bannwald müsse weichen, die Rekultivierung und Wiederaufforstung der Abbauflächen dauere zu lange.

Der Landesverband des Naturschutzbunds (Nabu) ist nicht generell gegen den Sand- und Kiesabbau. „Viele Rohstoffgewinnungsbetriebe haben eine sehr hohe Biodiversität in ihren Abbaugebieten“, sagt Dominik Heinz, Nabu-Projektleiter für die Kooperation mit Abbauunternehmen. Erst werde zwar die Landschaft zerstört, aber dann entstünden Kleingewässer und Pfützen. „Der Bagger schafft einen Lebensraum für Arten, die sonst kaum mehr vorkommen“, so Heinz. Die Gelbbauchunke etwa lebe fast nur noch in Abbaugebieten und auf ehemaligen Bundeswehrarealen. Auch die Uferschwalbe, die einst an den Abbruchkanten von Flüssen brütete, profitiere von den Sandgruben.

Am Rodgauer Badesee geht die Erweiterung des Tagebaus fast „geräuschlos“ über die Bühne. 2015 hat die Firma Kaspar Weiss mit der Stadt einen neuen Rahmenvertrag geschlossen, darf deshalb noch weitere 40 Jahre Sand und Kies fördern. „Das Unternehmen kann sich somit flächenmäßig in Richtung Kreisquerverbindung und Heusenstammer Weg ausdehnen“, sagt die städtische Pressesprecherin Sabine Hooke. Aktuell sei es auch schon „am ersten Abschnitt dran“, grabe im Trockenabbau bis zum Grundwasser in zehn Metern Tiefe.

Trotzdem: „Die Konflikte nehmen spürbar zu“, heißt es vonseiten des RP. Entscheidungen, die in Planfeststellungsbeschlüssen festgelegt worden seien, würden immer weniger akzeptiert. Peter Ruhm drückt das anders aus: „Überall gründet sich erst einmal eine Bürgerinitiative, die sagt: Das wollen wir nicht.“ Er weiß, wovon er spricht: Als Generalbevollmächtigter der Firma Q-Sand hatte er im Februar dieses Jahres den Trockenabbau von Sand und Kies auf einem Areal beantragt, das der Stadt Dietzenbach gehört. Der Aufschrei in der Bevölkerung war groß, sofort gründete sich die Bürgerinitiative „Hände weg vom Sand im Wald“ und auch die Stadtverordneten sagten schließlich Nein. „Das Gebiet war vom Land Hessen als Rohstoffgebiet ausgewiesen, das Regierungspräsidium hatte bereits im Vorjahr Probebohrungen genehmigt“, sagt Ruhm. Seine Pläne musste er begraben.

Keine zwei Prozent der Fläche von Hessen seien für den Rohstoffabbau ausgewiesen, sagt Ruhm. In diese zwei Prozent sei auch der Abbau von Kaolin, Lehm und Granit mit eingerechnet. Neugebiete würden kaum noch erschlossen, es gebe nur „kleine Erweiterungen“. Das RP spricht von 13 neu genehmigten Flächen in den vergangenen 15 Jahren. Der riesige Flächenverbrauch für die Sandgewinnung führt im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet zu Nutzungskonflikten. „Wir kommen an einen Punkt, an dem die Landesregierung deutlich sagen muss, wie sie zur Rohstoffsicherung steht“, fordert Ruhm.

Aushub

Wegen des Baubooms sind die verfügbaren Deponiekapazitäten für Erdaushub innerhalb von fünf Jahren im Regierungsbezirk Darmstadt um 43 Prozent geschrumpft. Die Preise für die Entsorgung sind gestiegen. Dies ergab eine FDP-Anfrage an die Landesregierung.

Immer mehr Bauherren würden deshalb aus Kostengründen auf einen Keller verzichten, was den Flächenverbrauch vergrößere, sagte Fragesteller Stefan Naas. Auch aus Klimagründen dürfe Erdaushub nicht per Lastwagen durch halb Hessen gefahren werden.

Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) müsse „dringend“ die verfügbaren Kapazitäten vergrößern und die anhängigen Genehmigungsverfahren für neue Deponien beschleunigen. Sie dürfe nicht auf die Fortschreibung des Abfallwirtschaftsplans in zwei Jahren warten. (jur)

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