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Peter Maffay mag die Festhalle. Er präsentierte dort 2014 sogar exklusiv das Modell der Bühne für seine große Tournee.

Festhalle

Auf der Suche nach dem Rock

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Im Festhallenprogramm 2019 ist wenig laute Musik zu finden ? oder täuscht das?

Kleine Umfrage unter Kollegen aus der Redaktion: Habt ihr eigentlich das Gefühl, es gibt noch viele Rock- und Popkonzerte in der Frankfurter Festhalle? Antworten, klare Tendenz: Nein – absolut nicht – hat extrem nachgelassen – kommen denn überhaupt noch Rockbands in die Festhalle? 

Der Eindruck ist also kein Einzelfall. „Ich glaube, die machen inzwischen einen großen Bogen um Frankfurt, weil sie sich hier nicht viel vom Publikum versprechen“, sagt der Kollege aus der Online-Redaktion. „Die Konkurrenz ist aber auch groß“, sagt der Mann aus dem Politikressort. „Da sind die großen Hallen etwa in Mannheim, und auch hier in Frankfurt, Offenbach, Neu-Isenburg gibt es viele Möglichkeiten für etwas kleinere Auftritte.“ 

In der Tat: Die Jahrhunderthalle in Unterliederbach beispielsweise, mit knapp 5000 Plätzen weniger als halb so groß wie die Festhalle, hat für 2019 ein volles Programm anzubieten. Ein schneller Überblick übers Jahresprogramm ergibt rund 40 feststehende Gastspiele aus den Bereichen Rock und Pop, darunter beispielsweise im Juni eine beeindruckende Serie mit richtig Großen von einst: King Crimson, Alan Parsons, Take That, Beach Boys, es kommen Element Of Crime, Kool Savas, die Erste Allgemeine Verunsicherung, Max Giesinger, Massive Attack, und an sage und schreibe 16 Abenden geht im Kuppelsaal das Musical „Wahnsinn!“ mit den Hits von Wolfgang Petry über die Bühne. 

Wahnsinn. Aber noch gar nichts gegen die Batschkapp mit ihrem prallen Pop-, Rock- und HipHop-Kalender. Dagegen in der Festhalle, Frankfurts größtem Auftrittsort: gerade mal 20 Veranstaltungen, die diesen Genres zuzurechnen wären. Darunter zwar auch Stars wie Mark Forster, Udo Lindenberg, Revolverheld oder die Publikumslieblinge AnnenMayKantereit. Aber doch – wie gesagt: gefühlt – kein Vergleich zu früheren Zeiten, als die Weltstars sozusagen ihre Equipment-Trucks in einer langen Schlange vor der Festhalle parkten. 

Oder trügt das Gefühl? Ja, das trüge, lautet die Botschaft von Festhallen-Marketingdirektorin Ina Stoltze. „Die Zahl der Konzerte in der Festhalle zeigt seit Jahren eine steigende Tendenz, so auch für das Jahr 2018“, betont sie und zählt auf, wer im vorigen Jahr alles da war, darunter Westernhagen, Justin Timberlake, Aha, David Guetta, Maffay, Kendrick Lamar, die Kelly Family, Sunrise Avenue, Santiano, Arcade Fire, Imagine Dragons, Freiwild, Nickelback, Lenny Kravitz, Rea Garvey – nicht so viele wie anderswo, aber doch viel Qualität. 

Andererseits aber auch nicht so viel Qualität wie anderswo, kritisiert der Musikfreund Sammy Alsmann zum wiederholten Mal. Er hat sich auch für dieses Jahr die Mühe gemacht, Auftrittsorte der Top-Acts aufzulisten. So singen Rod Stewart und die Backstreet Boys in Mannheim, die Eagles in Köln und München, Fleetwood Mac in Berlin, Phil Collins in Stuttgart, Bon Jovi in Düsseldorf, ZZ Top in mehreren Städten – aber nicht in Frankfurt. Der Kritiker bezieht in seine Enttäuschung auch das Waldstadion ein, in dem er sich mehr Hochklassiges wünscht. Möglich, dass es am Charakter der Stadt liegt, von außen betrachtet. Frankfurt stehe eben mehr für After-Work-Partys als für Rockkonzerte, schätzte im vorigen Jahr Frank Diedrich die Lage ein, vormals Betreiber des Musikclubs Das Bett. Und Konzertveranstalter Bernd Hoffmann schlug vor, die Stadt müsse ihre eigene kulturelle Strahlkraft entwickeln, sich selbst neu erfinden. Er arbeitet persönlich daran mit seinem Women-of-the-world-Festival. Ende Mai lockt es wieder mit Stars von einst und heute wie Suzi Quatro, Bonnie Tyler, Kovacs, Alice Merton und Namika. 

Auf eher praktische Gesichtspunkte führt Andre Lieberberg das Vorbeidriften der Stars an Frankfurt zurück: Es gebe hier eben keine Halle mit genug Platz – zumindest für bestuhlte Konzerte mit 11 000 oder 12 000 Besuchern, sagte der Mann von der Konzertagentur Live Nation dem „Journal Frankfurt“. Andere Städte hätten mehr Sitzplatzkapazität zu bieten. 

Die Festhalle, sagt Marketingdirektorin Stoltze, sei ein multifunktionaler Ort für verschiedene Arten von Veranstaltungen: „Die Messe Frankfurt nimmt als Betreiberin beziehungsweise Vermieterin ihrer Locations keinen Einfluss auf Inhalte.“ Der Anteil an Messe, Show, Sport und Event variiere dabei von Jahr zu Jahr. 

Das könnte sich weiter verschieben, wenn irgendwann die geplante Multifunktionshalle am Kaiserlei fertig werden sollte. „Natürlich hat die Festhalle eine Zukunft“, sagte der Medienmanager Steffen Ball im FR-Interview im Sommer. „Aber sie sollte noch stärker in das Messeprogramm eingebunden werden. Es gibt viele große internationale Kongresse, die dort stattfinden könnten.“ Für manche ist der Kongress ja der neue Rock’n’Roll.

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