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In der Henschelstraße in Frankfurt werden die Delegierten das neue Präsidium wählen.

Interview

AWO-Frankfurt versucht Neuanfang: „Es bringt nichts, alle rauszuwerfen“

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Die renommierte Compliance-Anwältin Sylvia Schenk (SPD) moderiert am Samstag den geplanten Neuanfang bei der AWO in Frankfurt. Im Interview erklärt sie, worauf es dabei ankommen wird.

Vor gut acht Monaten ging bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt eine anonyme Strafanzeige gegen führende Personen der AWO-Kreisverbände Wiesbaden und Frankfurt ein. Seither wurde die Liste der Vorwürfe immer länger. Jetzt versucht die AWO in Frankfurt, mit der Neuwahl des Präsidiums am Samstag (15.02.2020) aus der Krise zu kommen. Die ehemalige Frankfurter Sportdezernentin Sylvia Schenk (SPD) wird die Versammlung in der AWO-Zentrale moderieren und erklärt im FR-Interview, wie es mit der AWO weitergehen soll.

Frau Schenk, seit wann sind Sie Mitglied der Arbeiterwohlfahrt?

Seit 1982. Im September 1982 brach in Bonn die sozialliberale Bundesregierung auseinander, weil die FDP die Seiten gewechselt hatte. Es war Landtagswahlkampf in Hessen, und ich hatte das Gefühl, ich müsste einen Akt der Solidarität organisieren – das war dann der Eintritt in die AWO.

Ist es für Sie immer noch die Schwesterorganisation der SPD? Was bedeutet das heute noch für Sie?

Es gibt eine enge Verbundenheit und personelle Verflechtung. Man darf aber gerade bei einer Schwesterorganisation das Familiäre nicht über die Transparenz stellen.

AWO-Skandal in Frankfurt: „Wir sind nicht automatisch die Guten.“

Die AWO-Kreisverbände Frankfurt am Main und Wiesbaden sind in den letzten Monaten stark in die Schlagzeilen gekommen durch Missstände, aber es gibt noch andere AWO-Kreisverbände in Deutschland, bei denen Probleme deutlich wurden. Wenn Sie als erfahrene Anwältin, die sich in der Bekämpfung von Korruption insbesondere im Sport engagiert, das beurteilen: Was ist da schiefgelaufen?

Es ist nicht anders als im Sport. Man denkt jahrelang, alles ist in Ordnung, lässt sich durch wirtschaftliche Erfolge in Sicherheit wiegen, aber dann merkt man plötzlich: Wir sind nicht automatisch die Guten. Wir müssen den Rahmen dafür schaffen, dass Regeln eingehalten werden. Es gibt die gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Transparenz, zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Das gilt auch für die Wohlfahrtsverbände.

Ist es bei der AWO so gewesen, dass sie sich zu schnell zu einem großen Wirtschaftsunternehmen entwickelt hat und die ehrenamtlichen Kontrolleure einfach überfordert waren?

Es kommen mehrere Faktoren zusammen. Zu den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen kommen der Alterungsprozess in der Mitgliedschaft der AWO sowie das wirtschaftliche Wachstum, verbunden mit einer besonders engagierten Person, die sich in den Vordergrund spielt. Da fehlte dann einfach die nötige Kontrolle.

Rechtsanwältin Sylvia Schenk im Anwaltsbüro Herbert/Smith/Freehills, in Frankfurt.

AWO-Skandal in Frankfurt: „Mit der Wahl des neuen Präsidiums ist nichts gelöst.“

Noch einmal: Waren die ehrenamtlichen Kontrolleure der AWO überfordert?

Auch ein ehrenamtliches Präsidium kann sich professionelle Hilfe holen, etwa eigene Anwälte beauftragen. Das kann man organisieren, wenn man es will.

Der Ruf der AWO ist ziemlich angeschlagen. Es gibt die Befürchtung, man könne in Teilen die Gemeinnützigkeit verlieren. Was muss die AWO tun, um da herauszukommen?

Die neue Führung in Frankfurt, die es hoffentlich ab Samstag gibt, muss sich erst einmal einen Überblick verschaffen. Wo gibt es welche Probleme, wie sieht es finanziell aus, welche Risiken bestehen? Schwierig wird sein, dass es Jahre dauern kann, bis man weiß, was bei den strafrechtlichen Ermittlungen herauskommt. Meine Erfahrung ist, dass solche Ermittlungen lange dauern und kompliziert sind. Dann braucht es Gespräche mit den Beschäftigten, da ist aber auch schon was passiert. Der Rudi Kraus, der schon bisher im ehrenamtlichen Vorstand eine kritische Stimme war, hat Gespräche geführt mit Beschäftigten. Weiter geht es um die AWO-Einrichtungen in Frankfurt. Dort, wo die eigentliche Arbeit gemacht wird, habe ich nichts an Kritik gehört. Das läuft offensichtlich gut. Trotzdem muss das neue Präsidium auch gegenüber den Nutzern der Einrichtungen vertrauensbildende Maßnahmen ergreifen. Klar ist aber: Man muss sich um die Reputation kümmern. Reputation wird über Jahre aufgebaut und in kurzer Zeit zerstört. Da hat die AWO eine schwierige Zeit vor sich. Das heißt: Allein mit der Wahl des neuen Präsidiums ist nichts gelöst. Man muss wieder Anschluss finden, an die Geldgeber zum Beispiel.

Was spüren Sie bei den Beschäftigten? Gibt es Verunsicherung, Wut?

Ich habe nicht mit einer Vielzahl von Beschäftigten gesprochen. Ich halte mich da raus, ich will neutral bleiben.

Aber es hat noch keine Betriebsversammlung gegeben?

Doch, meines Wissens schon. Aber ab Samstag muss die neue Führung den Beschäftigten zeigen: Das ist ein Neustart.

AWO-Skandal in Frankfurt: „Es soll kein Schaulaufen werden.“

Vertrauen Sie dem Betriebsrat des AWO-Kreisverbandes Frankfurt?

Dazu kann ich nichts sagen. Mich haben kurz zwei Vertreter angesprochen, das war offen, und es gab keinen Anlass zu Misstrauen. Es ist nicht meine Rolle, da weiter einzusteigen. Das muss das neue Präsidium machen. Es bringt aber nichts, Tabula rasa zu machen und alle rauszuwerfen. Selbst wer Fehler gemacht hat, kann eine zweite Chance verdienen. Das kommt jeweils auf den Einzelfall an.

Wie sind Sie bei der AWO aufgenommen worden? Hatten Sie Kontakt zur noch amtierenden Geschäftsführung?

Nein. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich bin gebeten worden, die Kreisversammlung, die am Samstag ein neues Präsidium wählen soll, zu leiten.

Muss sich die Kommunikation der AWO nach außen ändern? Für Journalisten gestaltete sich ja die Kommunikation mit der AWO-Spitze in den zurückliegenden Monaten sehr schwierig.

Die Presse wird bei der Versammlung in der AWO-Zentrale am Samstag zugelassen, aber ohne Film- und Tonaufnahmen. Es soll kein Schaulaufen werden. Ich gehe auch davon aus, dass das neu gewählte Präsidium hinterher eine Pressekonferenz gibt. Ich rate immer dort, wo ich beratend tätig bin, zu offensivem Umgang mit der Presse.

AWO-Skandal in Frankfurt: „Die AWO muss wieder in ruhiges Fahrwasser kommen.“

Der Bezirk Hessen-Süd hat eine Task Force eingerichtet mit ihrer Parteifreundin Herta Däubler-Gmelin an der Spitze, der früheren Bundesjustizministerin. Was halten Sie davon?

Die Herta und ich kennen uns ganz gut. Wir sitzen zusammen seit 2010 im Datenschutzbeirat der Deutschen Bahn AG. Die Herta hatte ja den Skandal mit dem Screening von 270 000 Bahnbeschäftigten gemeinsam mit dem früheren Bundesjustizminister Gerhart Baum aufgeklärt. Sie hat sehr gute Arbeit geleistet. Das wird sie auch bei der AWO in Hessen-Süd tun. Laut Satzungslage hat der Bezirk Hessen Süd die Aufgabe, den Kreisverband Frankfurt zu kontrollieren. Das hat er aber nicht wirklich getan. Es war auch schwierig, weil Ansgar Dittmar seit Sommer in Hessen-Süd Geschäftsführer und in Frankfurt Vorsitzender des Präsidiums war. Das ist ein krasser Interessenskonflikt.

Wie geht es mit der AWO weiter?

Die Arbeiterwohlfahrt muss unbedingt wieder in ruhiges Fahrwasser kommen. Das Durchschnittsalter der Mitgliedschaft ist hoch. Der Umgang mit der SPD muss überarbeitet werden. Der AWO-Bundesvorstand wird sein Compliance-Programm verschärfen. Da habe ich schon Gespräche geführt und habe auch die ersten Ideen. Das werden wir im Austausch machen.

Da werden Sie die AWO-Bundesführung beraten?

Ja. Der Vorsitzende der AWO, Wilhelm Schmidt, gehört auch dem Beirat von Transparency International an. Wir stehen jetzt in Kontakt. Neben Compliance stellt sich die Frage, wie man jüngere Mitglieder als Führungsnachwuchs gewinnt, das heißt, welche Formen von ehrenamtlichem Engagement es jenseits von Kaffeenachmittagen geben kann.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Zur Person

  • Sylvia Schenk (67) war erfolgreiche 800-Meter-Läuferin und von 1989 bis 2001 Frankfurter Sportdezernentin. 
  • Von 2001 bis 2004 war sie Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer. 
  • Als Vorstandsmitglied von Transparency International kämpfte sie international gegen Missstände im Sport. jg

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