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Frankfurter Arbeiterwohlfahrt (Awo)

AWO-Affäre

Die Basis der AWO versteht die Welt nicht mehr - Führung will im Amt bleiben

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Vor dem Sondertreffen der Spitze der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt setzt es heftige Kritik von den Mitgliedern. Aber die Führungsspitze will im Amt bleiben.

Die Zentrale der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt (AWO), verantwortlich für knapp 1200 Beschäftigte in sozialen Einrichtungen, liegt recht ruhig und versteckt im Stadtteil Ostend. Doch für den heutigen Dienstag erwartet AWO-Sprecher Johannes Frass wieder Besuch, den er schon aus jüngster Vergangenheit kennt: Journalisten und Kamerateams.

AWO kommt nicht aus den Schlagzeilen

Denn am Nachmittag tagt in Sondersitzung zunächst das Präsidium und danach der knapp 100-köpfige Beirat der Wohlfahrtsorganisation, die seit Tagen nicht aus den Schlagzeilen kommt. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue gegen führende AWO-Funktionäre, jeden Tag bestürzende Nachrichten aus dem Inneren der AWO: von Luxus-Dienstwagen für 80 000 Euro und hohen Gehältern.

„Wir sind alle sehr, sehr sprachlos“, sagt Klemens Mielke. Ganz im Westen der Stadt, weit von der Zentrale entfernt, führt er den Ortsverein Nied, mit 300 Mitgliedern der größte Frankfurts. Die Menschen an der Basis, die in Altenheimen und Kitas für die AWO arbeiten, „verstehen die Welt nicht mehr“, berichtet Mielke im Gespräch mit der FR: „Es ist unbegreiflich, wir sind fassungslos.“

AWO-Sprecher - Presse nicht willkommen

Die Nieder haben die Sondersitzung von Präsidium und Beirat beantragt, und ihre Stimme hat Gewicht in Frankfurt. „Es wird viel Kritik geben“, prophezeit der Ortsvereinschef. Wenn nur die Hälfte der Vorwürfe zutreffe, dann beweise das, dass sich über Jahrzehnte Strukturen verselbständigt hätten in der Wohlfahrtsorganisation. „Die hohen Gehälter und die teuren Dienstwagen – das kann einfach nicht sein“, sagt Mielke.

In Goldstein, im kleinsten Ortsverein, wo der Kreppelnachmittag mit dem Karnevalsverein „Schlippcher“ ein beliebtes Angebot ist, ahnt die Vorsitzende Marion Pfaff-Brandt: „Das alles ist nicht gut für uns in der AWO.“ Sie erhofft sich vor allem Aufklärung und Informationen von den heutigen Sitzungen. Pfaff-Brandt sagt auch: „Es wäre vielleicht gut, wenn der Vorstand seine Ämter ruhen ließe.“ Der große Verein in Nied fordert das rundheraus: „Vorstand und Präsidium müssen ihre Ämter ruhen lassen“, sagt Mielke. Das verlangt auch der AWO-Bundesverband in Berlin, der um den Ruf der Organisation in ganz Deutschland bangt. Der Bundesverband erwähnt in einem offenen Brief, den er am Montag an alle Frankfurter Ortsvereine schickte, dass er zur heutigen Sitzung nicht eingeladen worden sei. Auch die Presse ist nicht willkommen, wie AWO-Sprecher Frass am Montagabend klarstellte.

SPD: „Es ist nicht alles gut gelaufen bei der AWO“

Die führenden Funktionäre denken jedenfalls gar nicht daran sich zurückzuziehen. „Ich werde mein Amt nicht ruhen lassen – meine Aufgabe ist es, kritische Fragen zu stellen“, erklärt die Frankfurter SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen. Sie gehört als Revisorin dem Frankfurter AWO-Präsidium an. Nissen behauptet gegenüber der FR: „Ich habe wichtige Fragen.“

Die SPD-Politikerin ahnt immerhin: „Es ist nicht alles gut gelaufen bei der AWO.“ Ihr als Revisorin im Präsidium ist allerdings an dieser zentralen Stelle nichts Negatives aufgefallen: „Ich habe keine Ahnung, wie es so weit kommen konnte.“

Der 83-jährige Sozialdemokrat Rudi Baumgärtner, früher jahrzehntelang SPD-Stadtverordneter im Frankfurter Römer, besitzt seine eigene Sicht der Dinge. „Ich sehe keinen Grund, aus dem AWO-Präsidium zurückzutreten“, sagt der Sozialpolitiker. Nach 37 Jahren in der AWO Ginnheim ist er überzeugt: „Bei der AWO ist rechtlich alles in Ordnung – da wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht.“ Baumgärtner, ehemals sozialpolitischer Sprecher der SPD im Rathaus, glaubt an Werte wie „Solidarität“ und an ein gutes Ende für seine Organisation: „Ich bin froh, dass der Staatsanwalt eingeschaltet wurde – denn es wird nichts hängen bleiben an der AWO.“

Führungsspitze der AWO kommt zusammen

So verschieden sind also die Überzeugungen, wenn am heutigen Nachmittag im Frankfurter Ostend die Führungsspitze der Arbeiterwohlfahrt zusammenkommt. Klemens Mielke vom Ortsverein Nied bemängelt massiv die fehlende innerorganisatorische Demokratie. Man habe aus dem Interview in der FR erfahren, dass die bisherige stellvertretende Geschäftsführerin Jasmin Kasperkowitz vom 1. Januar 2020 an den großen Frankfurter Verband leiten solle. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen“, sagt Mielke. So könne das Präsidium nicht vorgehen.

Die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen glaubt, dass die AWO noch reformierbar ist. „Es muss Veränderungen geben.“ So will sie zum Beispiel, dass bei Dienstwagen und Gehältern von führenden AWO-Funktionären in Zukunft „der Vorstand mit eingeschaltet werden muss“. Mielke möchte auch Tochterfirmen der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt durchleuchten, wie zum Beispiel das Sicherheitsunternehmen AWO Protect GmbH, das für Unterkünfte von Geflüchteten zuständig ist.

Gar nichts zu hören ist seit Bekanntwerden der Vorwürfe von dem Mann, der über Jahrzehnte die Frankfurter Arbeiterwohlfahrt verkörperte: Der langjährige Geschäftsführer Jürgen Richter – seine Ehefrau Hannelore war bis vor kurzem AWO-Geschäftsführerin in Wiesbaden – soll zum Jahresende aus dem Amt scheiden. Damit dürfte die Affäre um die Arbeiterwohlfahrt aber nicht beendet sein.

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