Frankfurt

Autofahrer bewirft Motorradfahrer

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Eine Auseinandersetzung auf der A3 landet vor dem Frankfurter Amtsgericht.

Gegen die Hells Angels kann man zu Recht viel vorbringen, aber immerhin haben sie Prinzipien. Eines davon lautet, sich niemals an die Polizei zu wenden, sondern lieber selbst aktiv zu werden. Und wäre Christian M. ein Hells Angel, Zafer A. säße an diesem Freitagmorgen wohl nicht vor dem Amtsgericht, sondern beim Kieferchirurgen.

Laut Anklage fährt A. am 26. August 2018 mit seinem Audi auf der A 3 Richtung Köln. Nahe dem Frankfurter Kreuz wechselt er ohne zu blinken von der mittleren auf die linke Spur und schneidet den Motorradfahrer Christian M., der voll in die Eisen gehen muss - und seinem Unmut mit Hupen und einer „Handgeste“ Luft macht. Die Geste: zwei Finger Richtung Augen, was in der Sprache von Zafer A. soviel wie „Guggsdu!“ bedeutet.

Jedenfalls ärgert sich A. so maßlos über die Geste, dass er das Fenster öffnet und einen „Gegenstand“ Richtung M. wirft, der diesen am Bein trifft. M. ist erst einmal geschockt und verliert A.s Audi aus den Augen, sieht ihn aber in einem Stau am Wiesbadener Kreuz wieder, merkt sich das Kennzeichen und informiert die Polizei, die A. bei Bad Camberg vorläufig aus dem Verkehr zieht.

Frankfurt: Beworfen werde er eher selten

Gegen einen Strafbefehl von 30 Tagessätzen à 40 Euro wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr hat A. Einspruch eingelegt. Vor dem Amtsgericht will sich der 50 Jahre alte Koch aus Leverkusen zur Sache nicht äußern, er wird wissen warum.

Das tut dafür Christian M., 34 Jahre alter Vertriebs- und Projektleiter aus Bad Orb. Und wohl auch so eine Art Rocker, jedenfalls trägt er eine wallende Mähne und eine Kutte über dem Norwegerpulli - auf der allerdings kein Totenkopf, sondern unter anderem das Rehkitz Bambi aufgenäht ist. „Von Autofahrern geschnitten werde ich täglich, das macht mir nichts mehr aus“, sagt M. Aber beworfen werde er eher selten, „und da hört der Spaß auch auf“. Er wisse bis heute nicht, was ihn da am Bein getroffen habe, vielleicht ein kleines Feuerzeug, weh getan habe es nicht. „Aber ich brauche mich nur zu erschrecken und den Lenker zu verreißen - dann lieg’ ich da.“

Der Verteidiger des schweigenden A. wittert Morgenluft, als die Polizistin, die ihren Mandanten damals angehalten hatte, im Zeugenstand berichtet, dass sie keinerlei Erinnerung mehr daran habe. Dummerweise hat die Polizei es auch versäumt, irgendeine schriftliche Notiz über den Vorfall zu machen.

Frankfurt: „Ein typisches Verhalten für aggressive Leute“

Der Anwalt tut daraufhin kund, dass auch er über eine enorme Zweirad-Erfahrung verfüge, und wenn er im Sommer durch die Landschaft radele, dann flögen ihm ständig Hummeln ans Bein, vielleicht sei das ja auch bei M. so gewesen, der zudem durch sein Hupen „ein typisches Verhalten für aggressive Leute“ an den Tag gelegt habe - der friedliche Motorradfahrer reagiere auf Geschnittenwerden stets „gelassen“.

Angesichts der tatsächlich dürftigen Beweislage signalisieren auch Staatsanwalt (selbst Motorradfahrer) und Amtsrichterin (Motorradfahrerversteherin), dass sie sich eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Zahlung von 500 Euro vorstellen könnten - und selbst das sei, so die Richterin, „noch ein Schnäppchenpreis“.

Nach kurzer Beratung mit seinem Mandanten vor der Gerichtstür verkündet der Verteidiger freudestrahlend: „Für 300 Euro machen wir’s!“ Aber nicht das Amtsgericht. Ein Folgetermin wird beschlossen, neue Zeugen müssen geladen, weitere Polizisten angehört werden.

Vielleicht haben die Hells Angels manchmal ja doch recht.

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