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Engagierter Experte: Harald Müller.

Konfliktforscher

Nachdenken über Krieg und Frieden

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Harald Müller, langjähriger Leiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, wird pensioniert. Publizieren wird er weiterhin.

Was haben der Zauberlehrling Harry Potter und sein böser Gegenspieler Voldemort, was haben Frodo, der Hobbit aus dem Auenland, und Sauron, der dunkle Herrscher von Mordor, mit den Theorien der internationalen Beziehungen zu tun? Ganz einfach: Sowohl bei Harry Potter als auch im Herrn der Ringe seien Urmythen vom Kampf des Guten gegen das Böse verarbeitet, sagt Harald Müller, nur deshalb seien die Romane so erfolgreich. Und zudem handle es sich um Mythen, die „schon lange durch unser politisches Denken wabern“. Die Bereitschaft, einen politischen Gegner zum existenziellen Feind zu erklären, von Carl Schmitt einst zum Kern des Politischen erklärt, bestehe bis heute: „Ich glaube, dass dieser Schmittianismus ziemlich tief sitzt.“

Deshalb will Müller in seinem nächsten Buch der Frage nachgehen, was man von Joanne K. Rowling und J. R. R. Tolkien über die Beziehungen zwischen den Staaten lernen kann. Jetzt, wo er in den Ruhestand gehe, werde er endlich Zeit zum Schreiben finden, sagt Müller. Denn das sei es, was die Pensionierung vor allem für ihn bedeute: „Ich kann produktiver arbeiten.“

Frankfurter Bahnhofsviertel, Baseler Straße, vierter Stock. Bei Harald Müller herrscht etwas Unordnung, der 67-Jährige muss gerade umziehen. Seine Nachfolgerin Nicole Deitelhoff bekommt sein Büro. „Es war schon immer das natürliche Chefzimmer, weil es ein Vorzimmer hat“, sagt Müller. Fast zwanzig Jahre, von 1996 bis 2015, war er geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), einem der renommiertesten Konfliktforschungs-Institute der Republik. Unter der Führung des Politikwissenschaftlers stieg die 1970 auf Bestreben der damaligen SPD-Landesregierung gegründete, kleine HSFK zu einer renommierten Denkfabrik auf. Nach einer Evaluation durch den Wissenschaftsrat wurde die HSFK 2009 sogar als Leibniz-Institut anerkannt und damit in die Gruppe der 90 bundesweit führenden Forschungseinrichtungen aufgenommen – die denkbar größte Auszeichnung. Am 30. September hat der in Frankfurt geborene Müller, der seit 1999 Professor für internationale Beziehungen an der Goethe-Uni ist, nun seinen offiziell letzten Arbeitstag.

Forschen und Schreiben, so viel ist schon absehbar, werden Müller weiter begleiten. „Das ist in meiner Branche wohl so“, sagt er. Neben dem Buch über Harry Potter und den Herrn der Ringe arbeitet er an einer neuen Studie über den gerechten Frieden. Die Frage von Krieg und Frieden hat Müller sein ganzes Forscherleben lang umgetrieben, er hat zur Theorie des demokratischen Friedens gearbeitet und Ende der 90er Jahre ein viel beachtetes Buch gegen Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ veröffentlicht. Heute scheinen diese Themen aktuell wie lange nicht mehr, die Spannungen zwischen Russland und der Nato und die Kriege im Irak, in Syrien oder im Jemen schüren die Angst vor neuen, zerstörerischen Konflikten.

Müller sieht die globale Lage bei weitem nicht so pessimistisch, wie sie in der Öffentlichkeit derzeit diskutiert wird. Der Konflikt mit dem „Islamischen Staat“ (IS) neige sich erkennbar dem Ende zu, meint er. Der Konflikt zwischen der Nato und Russland werde trotz eines „unangenehmen Restrisikos“ wohl regional begrenzt bleiben, weil der Westen letztlich politisch und ökonomisch stärker sei. „Bei aller Kleingeistigkeit von Putin: Das weiß er auch.“ Und die komplexe politische Krise der EU, sagt Müller, sei ebenfalls lösbar, solange Deutschland und Frankreich weiter zusammenhielten.

Viel mehr Sorge bereitet ihm der unterschwellige Konflikt zwischen den USA und ihren Verbündeten und der aufstrebenden Weltmacht China. China mache gegenüber Japan und Taiwan große Gebietsansprüche geltend und experimentiere mit neuen Militärstrategien, zwischen Peking und Washington fehle es zudem an Vertrauen und etablierten Kanälen für den Ernstfall. „Das ist sehr riskant“, sagt Müller. Und überhaupt stelle sich derzeit, auch aus Anlass des US-Präsidentschaftswahlkampfs, eine zentrale Frage für die Stabilität des internationalen Systems: „Sind die USA überhaupt noch führungsfähig bei ihrer inneren Zerrissenheit?“

Harald Müller ist ins Reden gekommen. Seine pointierten Gedanken unterstreicht er mit den Händen, man merkt ihm an, dass er vom Nachdenken über Politik auch im Ruhestand kaum wird lassen können. Etwas anderes wird er aber wohl nicht vermissen: den Druck und die Verantwortung für die Verwaltung. Die Bürokratisierung der Wissenschaft werde zu einem immer größeren Problem, klagt Müller. Die guten Leute verbrauchten viel zu viel von ihrer kostbaren Zeit mit Berichten, Anträgen „und völlig trivialen Sachen wie Reisekostenabrechnungen“. Bei Beamten wie ihm sei das allein schon aus ökonomischen Gründen unvernünftig: „Wir sind teure Leute.“ Ihn selbst habe die Last seiner vielen Verpflichtungen zuletzt krank gemacht, das sei der Hauptgrund gewesen, warum er schon im vergangenen Jahr die Leitung der HSFK abgegeben habe.

Auch seine vielen politischen Ämter will Müller weiter zurückschrauben. Immer wieder hat er sich in der Vergangenheit in die Politik eingemischt – ein Engagement, dass durchaus nicht bei allen Politikwissenschaftlern üblich ist. Müller saß im Beratungsausschuss zu Abrüstungsfragen des UN-Generalsekretärs, hat sich bei der Verlängerungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages engagiert und den Planungsstab des Auswärtigen Amts zum Thema Krieg und Frieden beraten. Er glaube schon, dass Wissenschaftler mit ihrer langfristigen Perspektive durchaus etwas zur Verbesserung der Politik beitragen könnten, sagt Müller – sofern beide Seiten das wollten. Das Hauptproblem sei banal: „Spitzenpolitiker haben sehr wenig Zeit und sehr viel zu tun.“ Politische Entscheidungen fielen außerdem oft kurzfristig, „aus momentanen Lagen heraus“. Echte Politikberatung finde daher vor allem auf der Arbeitsebene statt, für die man kluge Formate entwickeln müsse. Sich in der Wissenschaft auf Analyse und Kritik zurückzuziehen, sei seine Sache jedenfalls nie gewesen, sagt Müller. Selbst bei zwei schlechten Entscheidungsoptionen gebe es noch eine bessere, und im Falle eines bewaffneten Konflikts „kann das 100 000 Menschenleben ausmachen“.

Für seinen Ruhestand wünsche er sich vor allem mehr Gelassenheit, sagt Müller. „Der entscheidende Punkt ist: Ich muss nicht mehr.“ Er werde sicher mehr Zeit finden, im Taunus spazieren zu gehen oder Langlauf-Ski zu fahren. Und er genieße es, mit seiner Frau am reichen Frankfurter Kulturleben teilzunehmen, ins Schauspiel, die alte Oper zu gehen. „Ein Konzertsaal, da können Sie in Deutschland lange suchen“, schwärmt Müller. Er werde Frankfurt, seiner internationalen Heimatstadt, in der er „tiefe Wurzeln“ habe, in jedem Fall erhalten bleiben. „Ich bin Frankfurter mit Leib und Seele und aus Überzeugung.“

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