_201022juedischesmuseum07_2_1
+
Jahrhundertelang verboten, nun im Jüdischen Museum zu sehen: Holzfigur mit Maria, Gott und Heiligem Geist.

Ausstellung

Jüdisches Museum Frankfurt: Auf der Suche nach der „weiblichen Seite Gottes“

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
    schließen

In der Ausstellung „Die weibliche Seite Gottes“ wirft das Jüdische Museum Frankfurt einen ungewöhnlichen Blick auf die Buchreligionen.

  • Das Jüdische Museum in Frankfurt überrascht mit einer ungewöhnlichen Schau.
  • Wie hat man sich Gott vorzustellen?
  • Muss er zwingend ein Mann sein?

Frankfurt – Männer waren die Redakteure der Bibel. Und diese Männer schrieben die Geschichten der Bibel ganz in ihrem Sinne auf. Indem sie die weiblichen Aspekte der Gottheit heraus redigierten. Oder sie dämonisierten, wie bei Lilith, Adams erster Frau.

Das ist, vereinfacht gesagt, eine These der Ausstellung „Die weibliche Seite Gottes“ im Jüdischen Museum Frankfurt. Die Ausstellung geht auf die Schau im Jüdischen Museum Hohenems im Jahr 2017 zurück. Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser haben sie kuratiert.

Jüdisches Museum Frankfurt: Aufräumen mit der überholten Vorstellung von Gott als Mann

„Du sollst dir kein Bildnis von mir machen“, heißt es. Doch ploppt bei der Gottesvorstellung sogleich das Bild des rauschebarttragenden weißen Großvaters auf. Gott als Mann. Mit dieser kulturgeschichtlich und geschlechterpolitisch hochproblematischen Vorstellung räumen die Kuratorinnen auf.

Der Monotheismus habe sich in einem langen Prozess entwickelt, erläutern die beiden Frauen. Ursprünglich waren verschiedene Gottheiten für verschiedene Bereiche der Schöpfung zuständig. Schließlich verdrängte Jahwe die mesopotamischen und ägyptischen Götterfiguren, darunter die weiblichen.

Die Ausstellung

Das Jüdische Museum Frankfurt am Bertha-Pappenheim-Platz 1 zeigt „Die weibliche Seite Gottes“ von heute an bis 14. Februar 2021. Der Eintritt kostet zwölf Euro beziehungsweise sechs Euro ermäßigt. Führungen gibt es dienstags um 18 Uhr und sonntags um 11 Uhr - jeden zweiten Sonntag im Monat in englischer Sprache. Anmeldung mit Kontaktdaten unter: besuch.jmf@stadt-frankfurt.de. Im Kerber-Verlag ist der 290-seitige Katalog erschienen, 45 Euro.

Weibliche Übermacht zwingt Moses in die Knie

Um die Ausstellung zu sehen, laufen die Gäste vom hellen Lichthof in den fensterlosen Ausstellungssaal hinab. Dort scheint fahles Licht, das an Mondlicht erinnern soll. Boden, Vorhänge, Wände sind grau. Die einzelnen Räume sind durch blaue Bodenkreise getrennt. Martin Kohlbauer ist für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich.

Der Eingang ist der Ausgang, das A und O der Ausstellung. Zwei Filzstühle mit hohen Lehnen drehen sich hier, die laut Katalog Assoziationen an weibliche Geschlechtsteile und eine Stiergottheit wecken können (Ayala Serfaty, TutGamToo). Wild wird es im nächsten Raumteil. Moses läuft in einem Film an tanzenden Göttinnendarstellungen vorbei, etwa der Venus von Willendorf, die sich keck in die Brüste kneift. Vor so viel weiblicher Übermacht fällt Moses schließlich auf die Knie (Nina Paley, „You Gotta Believe“).

Ein Raum weiter sieht man Figurinen, die durch die Jahrtausende hindurch weibliche Gottesaspekte darstellen, allen voran die Fruchtbarkeit. Nicht nur im alten Orient, auch bei den Griechen und Römern war es üblich, weiblichen Gottheiten zu huldigen.

Jüdisches Museum Frankfurt: Die von der Kirche verbotene „Schreinmadonna“

Die Gegenwart Gottes in der Welt, die Schechina, stellt Anselm Kiefer auf Leinwand dar: ein weißes Brautkleid, umgeben von vertrockneten Sonnenblumen. Es ist eines der Hauptexponate der Ausstellung (Anselm Kiefer, „Schechina“).

An den Wänden sind kurze Erklärtexte, die einordnen. Auf Bänken liegen Erläuterunghefte. Das ist sinnvoll, denn die Kunst ist voraussetzungsreich. Ohne Erklärungen oder Katalog wäre es kaum zu verstehen, warum die „Schreinmadonna“ aus Olivenholz, die Mitte des 15. Jahrhunderts in Frankreich entstand, lange von der Kirche verboten wurde. In der Holzfigur trägt Maria Jesus auf dem Arm. Öffnet man den Schrein, sitzt dort ein bärtiger Mann, der Gott darstellen soll, mit blutigen Händen, wohl nachträglich rot gefärbt, um ihn zum Christus umzudeuten. Die Taube schwebt über ihm. Die Deutung: Maria hätte gleichen Status mit Gott und Heiligem Geist, als Teil der Trinität, was gegen die Lehre verstieß. So sind auf der Welt nur noch 13 dieser Holzfiguren erhalten. Der Rest wurde im Auftrag der Kirchenmänner zerstört. (Florian Leclerc)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare