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Uwe Behrendt, ein Selbstbildnis mit Plattenkamera.

Fotografie

Verwelkende Schönheiten

  • Anja Laud
    vonAnja Laud
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Der Frankfurter Profi-Fotograf Uwe Behrendt legt mit der Serie „Faded Flowers“ ganz besondere Blumenbilder vor. Er arbeitet unter dem Titel „Frankfurter Gesichter“ an einem neuen Buch.

Als der Frankfurter Fotograf Uwe Behrendt zu Beginn des Shutdowns, als die meisten Geschäfte schließen mussten, im Dornbusch auf seinem morgendlichen Weg ins Café war, sah er in einem Container, der vor einem Blumengeschäft in der Eschersheimer Landstraße stand, einen für ihn ganz besonderen Schatz: verwelkende Blumen. Die Geschäftsleute hatten sie dort hineingeworfen, weil sie sie nicht mehr verkaufen konnten. Behrendt nahm die Schnittblumen mit, legte sie in seinem Atelier unter die Kamera und fotografierte sie. Herausgekommen ist eine Bilderserie, die unter dem Titel „Faded Flowers“ den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen beschreibt. „Gerade in diesen Zeiten ist das ein aktuelles Thema“, sagt der ehemalige Werbefotograf.

Wobei die Pandemie nicht der Grund war, warum Behrendt die verwelkenden Schönheiten unter den verwunderten Blicken anderer Passanten an diesem Morgen aus dem Container zog. „Ich kenne von keiner Blume, die ich mitgenommen habe, den Namen. Mich haben ihre Farben, ihre wunderbaren Strukturen fasziniert“, sagt der gebürtige Niedersachse, der seit 1966 in Frankfurt lebt. Um diese ganz eigene Ästhetik in seinen Bildern festzuhalten, experimentierte Behrendt, der bis 1997 in Heddernheim, in einer ehemaligen Wurstfabrik, ein großes Atelier mit zwei Assistenten und einer Studiomanagerin hatte, mit Licht und Hintergrund.

Er nutzte kleine, bewegliche Spiegel, wie sie Schweißer bei ihrer Arbeit verwenden, um die Blumen optimal auszuleuchten, sodass ihre Farben und Details wie Blütenhülle, Frucht- und Staubblätter klar herauskamen. Die Suche nach einem geeigneten Hintergrund erwies sich als schwieriger. Erst legte er die Schnittblumen auf Papier, das Einschlüsse von Zeitungspapier hatte. Doch die Sprenkel lenkten den Blick des Betrachters zu sehr von den eigentlichen Motiven ab. „Schließlich habe ich einfaches Papier in verschiedenen Farben genommen und dessen Oberflächenstruktur mit flachem Licht, das von der Seite kam, herausgemeißelt“, erzählt Behrendt.

Der Wahlfrankfurter stammt aus einer Fotografendynastie. Seine Mutter, seine Tante und Großeltern waren alle Profis, seine Cousine hat in Hollywood sogar Stars fotografiert. Doch zu seinem Urgroßvater, Alexander Oskar Gutzeit, hat er, zumindest in beruflicher Hinsicht, eine besondere Bindung. Der in Familienkreisen als „der schöne Alexander“ bekannte Fotograf betrieb in Ostpreußen, im damaligen Lötzen, ein Atelier. Er fotografierte Soldaten, ein lukrativer Geschäftszweig, wofür er eine kaiserliche Genehmigung benötigte. „Aber dann konnte man ganze Hundertschaften ablichten“, erzählt Behrendt.

zur Person

Die Bilderserie „Faded Flowers“ des Frankfurter Fotografen Uwe Behrendt ist im Szenerestaurant „Eat’n’ Art“ im Marbachweg 357 zu sehen. Der ehemalige Werbefotograf arbeitet unter dem Titel „Frankfurter Gesichter“ an einem Buch, das Porträts von Frankfurterinnen und Frankfurtern zeigen wird, die er mit der über 120 Jahre alten Plattenkamera seines Urgroßvaters macht.

„Der schöne Alexander“ benutzte für seine Arbeit eine Plattenkamera, die Bilder in einem von dem Briten Frederic Scott Archer im Jahr 1851 entwickelten Verfahren, der Collodion-Wet- Plate-Fototechnik, auf postkartengroße Glasplatten bannt. Uwe Behrendts Tante nahm das schwere Gerät mit dem Mahagonigehäuse mit, als sie 1945, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, aus Ostpreußen floh. Nach ihrem Tod erbte ihr Neffe die heute über 120 Jahre alte Kamera, die immer noch tadellos funktioniert, und ebenso wie einst sein Urgroßvater fertigt er damit Porträts an, allerdings nicht von Soldaten.

„Frankfurter Gesichter“ heißt der Arbeitstitel eines Buchs, an dem er gerade sitzt. Mit der Kamera des Urgroßvaters hat er Bilder von Prominenten wie dem früheren Leistungsschwimmer Michael Groß oder der HR-Journalistin Anja Kohl gemacht, die im September vorigen Jahres in Frankfurt in einer Ausstellung zu sehen waren. Für das Buch lichtet er aber auch unbekannte Frankfurter ab, beispielsweise gerade ein junges Paar, das er bei einem Besuch im Architekturmuseum kennengelernt hat. Und er ist auf der Suche nach weiteren Modellen, die stillsitzen können müssen.

Denn für das Bild dürften die Porträtierten sich nicht bewegen. Ihr Hinterkopf wird an eine Stütze angelehnt, die jede Bewegung verhindern soll. Auch dem Fotografen verlangt die alte Technik einiges ab. Er hat lange mit Chemikalienlösungen, Belichtungszeiten und Entwicklerbädern experimentiert, bis er die Kamera richtig nutzen konnte. Ist das Foto von einem seiner Modelle sprichwörtlich im Kasten, muss der Fotograf schnell sein. Vom Herrichten der Glasplatte für die Aufnahme bis zum Entwickeln des Bildes im selbst gemischten Entwicklerbad bleiben ihm nur wenige Minuten. Doch der Aufwand lohnt sich. Das Ergebnis sind Porträts, die einen ganz eigenen Zauber ausstrahlen.

Deswegen bekam Behrendt den Auftrag, für den Spielfilm „Trümmer der Erinnerung“, ein historisches Liebesdrama des Regisseurs Simon Pilarski, das 1851 spielt, also zu der Zeit, als Archer seine neue Fototechnik entwickelte, mit seiner alten Kamera ein Filmplakat zu gestalten. Wegen Corona ist der Film noch nicht in die Kinos gekommen. Doch dem Fotografen wird auch in Zeiten, in denen das Leben wie während der Pandemie eingeschränkt ist, nicht langweilig. „Ich habe immer Ideen. Man muss nur mit geöffneten Augen durch die Welt gehen“, sagt er.

Den zerbrechlich-morbiden Charme verwelkender Blumen zu fotografieren, hält Ulrike Linn, Geschäftsführerin des Landesverbands Hessen-Thüringen des Fachverbands Deutscher Floristen, für eine schöne Idee. Blumen hätten während der Pandemie an Bedeutung gewonnen. Menschen konnten beispielsweise während des Shutdowns ihre engen Angehörige oder Freunde nicht besuchen. „Deswegen haben sie ihnen Blumengrüße geschickt“, sagt sie. Blumen seien in größeren Mengen von Händlerinnen und Händlern nur im März weggeworfen worden, als auch die Blumengeschäfte für kurze Zeit schließen mussten. Insgesamt seien die klassischen Blumenläden aber gut durch die Pandemie gekommen. Allerdings hätten Event-Floristinnen und -Floristen, die sich auf den Blumenschmuck für Messen und Großveranstaltungen spezialisiert haben, Probleme.

Behrendts Fotoserie „Faded Flowers“ hängt zurzeit im „Eat’nArt“, einem Szenerestaurant im Marbachweg, das in seinem Gastraum wechselnde Ausstellungen zeigt. Der Fotograf zieht auf der Suche nach neuen Motiven inzwischen erneut mit einer ganz besonderen Kamera herum. Aus Materialien, die er auf seinen Spaziergängen im Sperrmüll fand, hat er sich eine Plattenkamera im Aufnahmeformat 24 mal 30 Zentimeter gebaut. Man darf vermuten: „Der schöne Alexander“ wäre stolz auf seinen Urenkel.

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