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Ausstellung in Frankfurt: Kelten - oder vielleicht doch Germanen?

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Von: Andreas Hartmann

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Keltische Funde unter gotischen Gewölben: Das Archäologische Museum Frankfurt hinterfragt in seiner neuen Ausstellung historisch scheinbar altbekannte Fakten. Bild: Christoph Boeckheler
Keltische Funde unter gotischen Gewölben: Das Archäologische Museum Frankfurt hinterfragt in seiner neuen Ausstellung historisch scheinbar altbekannte Fakten. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

War Hessen eigentlich jemals keltisch? Eine klug gemachte Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt hinterfragt nun durchaus provokant scheinbar Selbstverständliches.

Die neue Ausstellung des Archäologischen Museums Frankfurt beginnt mit einem großen Fragezeichen. Das hat es sogar in den Titel geschafft, „Kelten in Hessen?“ Warum aber überhaupt diese Frage, die scheinbar Selbstverständliches in Zweifel zieht – hierzulande gibt es doch Hinterlassenschaften dieses geheimnisvollen Volks in rauen Mengen, allein das Archäologische Museum besitzt Depots voller Funde, die teils sogar im Frankfurter Stadtgebiet gemacht wurden. Ganz in der Nähe liegt das sogenannte Heidetränk-Oppidum, eine keltische Großstadt bei Oberursel samt touristischem „Keltenweg“, und der spektakuläre, erst vor einigen Jahren entdeckte „Keltenfürst vom Glauberg“ lockt auch überregional viele Besucherinnen und Besucher in die Wetterau.

Und dennoch steht das Fragezeichen nicht grundlos am Anfang der Ausstellung, wie Museumsdirektor und Kurator Wolfgang David erklärt. „Es ist sehr, sehr kompliziert“, sagt er. „Kelten in Hessen, das muss man als ethnografische Ordnungsbegriff sehen“, sagt er. Offenbar war auch in der Wissenschaft der Wunsch groß, klare Grenzen zu ziehen.

Das Keltenjahr in Hessen

Drei große und viele kleine Museen in Hessen zeigen in diesem Jahr bedeutende archäologische Fundstücke und wichtige neue Forschungsergebnisse, die mehr Licht auf die immer noch geheimnisvolle Kultur der Kelten werfen sollen.

Das Archäologische Museum Frankfurt, Karmelitergasse 1, dessen Sonderausstellung am heutigen Mittwoch eröffnet und dann bis zum 30. Oktober zu sehen sein wird, fragt dabei ganz frech, aber wissenschaftlich höchst akkurat nach den „Kelten in Hessen?“. Das Fragezeichen mag eingefleischte Keltenfans irritieren und sogar provozieren.

Die Keltenwelt am Glauberg zeigt bis zum Jahresende spektakuläre Funde, und das Vonderau-Museum in Fulda beschäftigt sich mit den massiven Eingriffen, die der Beginn der Eisenverarbeitung in der Keltenzeit für Natur und Umwelt bedeutete (bis 8. Januar 2023). Weitere beteiligte Museen sind unter anderem in Gießen, Wiesbaden, Oberursel, Bensheim, Dietzenbach und Butzbach. Das ausführliche Programm mit Ausflugszielen ist zu finden unter www.keltenland-hessen.de.

Zu den Ausstellungen ist im Verlag Schnell + Steiner das sehr schöne Lesebuch „Keltenland Hessen. Archäologische Spuren im Herzen Europas“ mit zahlreichen Illustrationen erschienen. Es kostet 22 Euro und ist in den Ausstellungen und im Buchhandel erhältlich. aph

Man mag heute das 19. Jahrhundert, in dem diese keltischen Kulturen archäologisch wiederentdeckt wurden, beneiden wegen all seinen Selbstverständlichkeiten, ja, seiner Selbstgerechtigkeit. Damals war die Sache klar: Die Deutschen lebten, wie beim antiken Schriftsteller Tacitus beschrieben, im Land der Germanen, die Franzosen im ehemaligen Siedlungsgebiet der Gallier und die Schweizer dort, wo vor mehr als 2000 Jahren das antike Volk der Helvetier siedelten - das schweizerische Autokennzeichen CH beschwört heute noch die Confoederatio Helvetica. Man ahnt: Scheinbare historische Fakten untermauerten damals politische (Wahn-)Ideen, Grenzen, nationale Zugehörigkeiten (und auch im 21. Jahrhundert können Eroberungskriege und Grenzziehungen mit angeblich geschichtlich verbrieften Rechten untermauert werden).

Die schriftlichen Überlieferungen zu „den“ Kelten ist jedoch weit dürftiger, als es heute scheint. Alle antiken Berichte stammen von den Nachbarn der Kelten, den griechischen und römischen Invasoren und deren Historikern. Für die waren die Völker jenseits der Grenzen wahlweise Skythen, Kelten oder auch Germanen, die Begriffe sind oft austauschbar oder werden als Synonym benutzt. Für das heutige Hessen ist von den Chatten die Rede, einem eigentlich „germanischen“ Stamm, wenn diese Bezeichnung denn da passt.

Die Menschen, die hier vor der römischen Eroberung hierzulande lebten, haben nur hinterlassen, was die Archäologie wiederentdeckte – eine der ältesten dokumentierten Ausgrabungen war bereits 1728 auf der Königsheide im Frankfurter Stadtwald.

Die Schau profitiert von den guten Kontakten des Museums nach Italien und in die Schweiz und zeigt neben Funden aus Hessen auch interessante Vergleichsstücke aus der Etruskerstadt Vulci und vom Neuenburger See, außerdem einen Münzschatz, den Raubgräber Anfang der 1990er Jahre im Heidetränk-Oppidum entdeckten und der von weiten Handelsbeziehungen dieser Kultur erzählen kann. Am Ende der Ausstellung, das sei hier aber verraten, steht dann doch noch mal „Kelten in Hessen“ – diesmal aber mit einem Ausrufezeichen.

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