Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

lh_ausstellungsansicht_bunt_1
+
Sah es so aus? Ein bemalter Krieger und goldbronzene Kämpfer.

Museum

„Bunte Götter“

Was ist schön, was ist klassisch? Die Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus bricht mit alten Sehgewohnheiten und zeigt geine eine schockierende Antike.

Im schönen Garten des Frankfurter Skulpturenmuseums Liebieghaus tummeln sich die Götter. Da reitet die Königstochter Ariadne splitternackt und marmorweiß auf einem Panther zwischen den Sträuchern hindurch, ein ganz antik inspiriertes, 200 Jahre altes Werk des schwäbischen Bildhauers Johann Heinrich Dannecker. Daneben streitet eine bronzene Athene-Statue mit einem frechen Satyr, Rekonstruktionen einer einst sehr berühmten, um 450 vor Christus entstandenen Figurengruppe.

Das Meisterwerk des Bildhauers Myron ist verschollen, wie fast alle Werke der klassischen griechischen Antike, nur einige römische Kopien aus Marmor (eine davon stolzer Besitz des Liebieghauses) lassen erahnen, wie die Gruppe einst wirkte. Es ist tatsächlich nur eine ferne Ahnung – wie fern, das zeigt das Museum drinnen in einer gradezu schockierenden Ausstellung. „Bunte Götter – Golden Edition“ dokumentiert noch bis zum 17. Januar den neuesten Forschungsstand zu den „Farben der Antike“ und wirft damit alte Sehgewohnheiten komplett über den Haufen.

Von wegen marmorweiß: Der Archäologe Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses, und seine Frau Ulrike Koch-Brinkmann haben zahlreiche ausgegrabene Figuren und Reliefs untersucht und an vielen noch Farbreste festgestellt. Im Liebieghaus zeigen sie nun Rekonstruktionen, wie das „klassische Altertum“ tatsächlich ausgesehen haben könnte: Die Steinfiguren sind kreischebunt, die Bronzestatuen leuchten golden. Den entrückten Klassikern wird Leben eingehaucht.

Die neue strahlende Buntheit der Götter stößt dabei nicht nur auf Begeisterung, wie Brinkmann berichtet. „Mir sagen selbst Fachkollegen, das sei nicht ihre Antike“, sagt der Wissenschaftler, der aktuell wieder in Griechenland forscht. Dabei sind sogar zahlreiche antike Beschreibungen der selbstverständlich farbigen Skulpturen und Reliefs, Säulen und Friese überliefert, die daran kaum Zweifel lassen.

Verlosung

Heute gibt es 3 x 2 Eintrittskarten für das Liebieghaus, Schaumainkai 71, in Frankfurt zu gewinnen. Wer teilnehmen möchte: Einfach unter www.fr.de/gewinnspiel mit Angabe des Stichworts „Liebieghaus“ bewerben. Einsendeschluss ist der 7. August 2020, 23.59 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Nur Gewinner werden benachrichtigt. Das Liebieghaus hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags sogar bis 21 Uhr. Montag ist Ruhetag. Der reguläre Eintritt kostet 10 Euro. Für weitere Informationen www.liebieghaus.de

„Der Dichter Euripides beispielsweise wählte als Inbegriff für Hässlichkeit das Bild einer Marmorstatue, der man die Farbe abgewaschen hat“, berichtet der Wissenschaftler. „Die weiße Skulptur ist ein solches Missverständnis, das muss man erst mal hinbekommen. Weiß ist Fake! Vergleichbar wäre das mit einem Auto, das ohne Lack ausgeliefert wird. Undenkbar, oder?“

Nach hunderten Jahren im Erdreich allerdings ist bei den meisten überlebenden griechischen und römischen Marmorfragmenten die Farbe verblasst, und die wenigen erhaltenen Bronzestatuen haben eine schwarze Patina. Die heute leeren Augen blickten die Betrachter einst an, manchmal waren sie täuschend echt aus Glas oder Halbedelsteinen eingelegt.

Die Wirkung der Rekonstruktionen ist verblüffend. „Natürlich sind das nur Modelle“, sagt Brinkmann. „Wir haben unglaublich fleißig gearbeitet, aber wir sind nur Teil eines Annäherungsprozesses. Das wird immer besser, je mehr Daten man hat. Die Richtung stimmt.“ Die ältere Myron-Gruppe im Garten, nicht von den Brinkmanns, gilt heute übrigens als überholt.

Vinzenz Brinkmann und Ulrike Koch-Brinkmann. Norbert Miguletz (2)

Die Ausstellung zeigt neben der antiken Pracht auch einige christliche Heilige aus Gotik und Barock, die genauso leuchten farbig sind wie die Rekonstruktionen der alten Götterwelt – ein interessanter Aspekt. „Leute aus kreativen Bereichen haben damit meist weniger Schwierigkeiten, finden unsere bunten Götter sogar toll wegen der starken sinnlichen Reize, die farbige Skulpturen haben.“

Es ist eine völlig andere Ästhetik als gewohnt, die Verstörung auslösen kann. Liegt es vielleicht am edlen Material Marmor, dass sich so viele Betrachter schwer tun mit den Farbexplosionen in den Antikensälen? Dass dieser kostbare Stein bemalt und damit unsichtbar wird? Brinkmann, der viel mit Farben und Materialien experimentiert hat, glaubt das nicht. „Marmor ist eine wunderbare Oberfläche zum Bemalen. Und in Griechenland ist dieser Stein nicht selten, da sind sogar Häuser aus diesem edlen Material gemauert.“

Interessanterweise war das 19. Jahrhundert in seinem Geschmack noch sehr viel offener. „Da gab es durchaus ein Bewusstsein für die Farbigkeit der antiken Welt“, sagt Brinkmann. Das Weiß als Maß aller Dinge setzte sich seiner Meinung nach sogar erst im 20. Jahrhundert fest. Die Diskussionen um diese Ästhetik sind demnach sehr aktuell: „Theoretiker, die etwas um jeden Preis bewahren wollen, sind ganz schnell bei der Arroganz des weißen Mannes“, meint er.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare