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Steht der Schrecken des Trainingslagers noch ins Gesicht geschrieben: Kurator Peter P. Neuhaus.

Caricatura

Ausstellung: Caricatura in Frankfurt zeigt Postkarten von F.W. Bernstein

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Die Caricatura zeigt Bilder aus F. W. Bernsteins „Grafischem Trainingslager“ – das ist tasächlich mal was ganz anderes.

„Trainingslager“ – das klingt nach Paramilitär, Wutbürgern, Schwitzsocken und Freischärlern. Kurz: Das klingt nicht gut. Das macht Angst. Und selbst der furchtlose Robert Gernhardt fragte sich einst angesichts der Gerüchte, die immer wieder hinter vorgehaltener Hand weitergegeben wurden: „Vielleicht gibt es sie ja wirklich, diese seltsamen Freischärler, vielleicht existiert sogar er, der legendäre Commandante Bernstein, der mit seinen Dessinados im gehobenen Norden alles in Grund und Boden zeichnen soll, was sich bewegt, beziehungsweise so lange nicht bewegt, wie ein Zeichner braucht, um es festzuhalten.“

Jahre nach Gernhardts Tod (2006) steht jetzt fest: Ja, den legendäre Commandante Bernstein gab es wirklich (1938-2018), und F. W. Bernstein war sein nom de guerre, im bürgerlichen Leben hieß er Fritz Weigle. Seine Dessinados aber, die sind heute noch aktiv, und das Caricatura-Museum bietet ihnen sogar eine Plattform – just an jenem Tag, an dem der Commandante 82 Jahre alt geworden wäre. „Das kann ja heiter werden“, heißt die Ausstellung, die gestern Abend dort eröffnet wurde, recht allgemein und harmlos, aber spätestens der Untertitel macht hellhörig: „F. W. Bernsteins Grafisches Trainingslager an der Eider – Die Postkarten-Connection der Rendsburger Zeichnerei von 1990 bis heute“.

Es ist eine kleine, aber feine Ausstellung, die sich in einem Winkel im ersten Stock des Museums beinahe schamhaft versteckt. Und sie verdankt ihre Existenz einem Gebot, welches der Commandante höchstpersönlich anno 1990 erließ und welches da lautete: „Wenn du eine gezeichnete Postkarte erhältst, antworte mit einer gezeichneten Postkarte!“ Das war zehn Jahre, bevor der Commandante sich zunehmend radikalisierte und unter dem Titel „Am Anfang war der Strich“ seine 34 Punkte umfassende „Zeichenverordnung“ diktierte, die so rigide Regeln beinhaltete wie die, dass „in den Monaten ohne R weder Butter noch Parfüm gezeichnet werden dürfen“ oder dass „die Strichgeschwindigkeit der Alkoholmenge anzupassen“ sei.

Die Ausstellung

„Das kann ja heiter werden“präsentiert 260 Postkarten von 62 Zeichnern, darunter klangvolle und völlig unbekannte Namen. Die Exponate wurden von den damaligen Empfängern selbst ausgesucht und dem Museum zur Verfügung gestellt.

Öffnungszeiten:noch bis zum 23. August dienstags bis sontags von 11 bis 18, mittwochs von 11 bis 21 Uhr, montags gar nicht.

Ort:Caricatura Museum für Komische

Angefangen hatte alles vor mehr als 30 Jahren, als das Gründungsmitglied der „Neuen Frankfurter Schule“ (NFS) F. W. Bernstein, in seinen Tarnberufen „Titanic“-Zeichner und Universitätsprofessor, vom früheren Leiter des Nordkollegs, Stephan Opitz, zur Sommerakademie nach Rendsburg eingeladen wurde und dort sofort die Macht über ein Zeichenseminar an sich riss – der Beginn von dem, was Eingeweihte heute als „Rendsburger Zeichnerei“ bezeichnen. Wer da mitmachen wollte, musste sich bizarren Aufnahmeritualen unterwerfen. So verlangte der Commandante etwa von seinen Schülern, sich untereinander gezeichnete Postkarten zu schicken, diese ausreichend zu frankieren und bei Erhalt einer Karte binnen drei Tagen zurückzuzeichnen. Harte Regeln, aber wer willens und könnens war, sie zu befolgen, der konnte auf eine steile Karriere im Zeichnermilieu hoffen. Klangvolle Namen wie Ernst Kahl, Til Mette, Kat Menschik, Wolf-Rüdiger Marunde, Rudi Hurzlmeier und Ari Plikat entstammen dem Rendsburger Dunstkreis.

Das Seminar existiert noch heute. Nachdem Bernstein durch anhaltenden Erfolg von Magazinen und Zeitungen auf die Liste der meistgesuchten Persönlichkeiten gesetzt worden war, übernahmen andere: Bernd Stoltz, Tom Breitenfeldt, aktuell hat Lotte Wagner das Kommando inne. Auch wenn Bernstein, den seine Dessinados nach wie vor „den Fritz“ nennen, die Veranstaltung als „Fress-Seminar mit Zeichenpausen“ verharmloste, erinnert sich Wagner an zermürbende Prüfungen wie die „Kanalwache“. Die Nordakademie liegt nahe dem Nord-Ostsee-Kanal, und „es musste immer jemand am Kanal sitzen“, sagt Wagner, die heute eine der Kuratorinnen der Ausstellung ist. Weil „der Fritz“ der festen Überzeugung gewesen sei, ein Schiff werde kommen, und einer müsse das ja schließlich zeichnen.

„Schwarzwild im Schwarzwald“ von Inga Jacobs.

„Der Fritz“ habe „Zeichnerei als Welterfahrung“ gesehen, erinnert sich auch Mitkurator Peter P. Neuhaus. „Wie soll ich wissen, wie ein Müllauto funktioniert, wen ich es nicht gezeichnet habe?“, habe Bernstein immer wieder rhetorisch gefragt, und das habe natürlich auch für Schiffe gegolten. Und niemand habe den Commandante verärgern wollen, denn gefürchtet waren auch seine oft willkürlichen Zeichengebote wie etwa „ein Blau-Verbot für den Himmel“ und knifflige Strafarbeiten wie „Zeichne etwas, wofür du in der Schule garantiert eine Sechs bekommen hättest“. Bernstein sei ein Besessener gewesen. Einmal habe er beim Mittagessen den Finger in die Rote Beete getaucht und zu zeichnen angefangen - und damit das alte Benediktiner-Motto „ora et labora“ in „Beete und arbeite“ pervertiert.

Angesichts solcher Zustände nimmt es nicht Wunder, dass die Dessinados sich sklavisch an das Gebot des Kartenschreibens hieltem. Zumal, sagt Wagner, Bernstein die Parole ausgegeben habe, dass der Empfänger einer Postkarte „Karten-Schulden“ habe - und die als Ehrenschulden sofort zu begleichen wären.

Rund 15 000 Postkarten sollen so im Lauf der Zeit entstanden sein, 260 davon sind nun in der Caricatura ausgestellt. Einige stammen von Bernstein selbst, die anderen von seinen Rendsburger Schülern, unter denen sich nicht bloß hauptberufliche Zeichner, sondern beispielsweise auch Zahntechniker befanden, was die unterschiedliche Qualität der Exponate erklärt. Aber allen ist gemeinsam, dass sie den gesunden Schuss Wahnsinn abgekriegt haben, der die NFS stets auszeichnete. Wenn etwa eine Zeichnerin einen frommen Hund als Kartengruß verschickt und darunter dichtet „Der Hund vom Pastor wird gebeten ihn beim Beten zu vertreten“, da betet irgendwie auch eine gesunde Portion Robert Gernhardt mit. Und so ist „Das kann ja heiter werden“ eine der kleinsten, seltsamsten, aber auch spannendsten Ausstellungen geworden, die die Caricatura je präsentiert hat. Eine für Feinschmecker. Und für Dessinados.

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