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Projektleiterin Kirsten Grote-Bär an der Chronologiewand der Ausstellung. Ein sechsköpfiges Team hat die Schau kuratiert.
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Projektleiterin Kirsten Grote-Bär an der Chronologiewand der Ausstellung. Ein sechsköpfiges Team hat die Schau kuratiert.

Mittendrin

„Der Garten steckt voller Überraschungen"

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Die Ausstellung „Frankfurts grünes Herz – 150 Jahre Palmengarten“ startet am diesen Donnerstag: Es ist eine Zeitreise zu Kaisern, Freddie Mercury und Dandys auf Hochrädern.

Reiche junge Herren fahren posermäßig mit ihren Hochrädern durch die Parkanlagen des Frankfurter Palmengartens. „Das Hochradfahren war damals kein Breitensport, sondern das haben sich nur die Dandys geleistet“, erzählt Kirsten Grote-Bär. „Der Palmengarten war von 1890 bis 1910 ein Sportlerparadies.“ Sogar Hochrad- und Dreiradrennen sowie eigene „Olympische Spiele“ werden hier ausgetragen. Die Besucher:innen vergnügen sich um 1895 gerne mit Aktivitäten wie Schubkarren- oder Eselrennen. Ansonsten wird Rugby, Fußball und Kricket gespielt, oder man verabredet sich zum Eislaufen. Die Sportart, die am längsten bleibt, ist Tennis. Bis 1989 fliegen die kleinen Bälle noch durch den Garten.

Ja, Queen traten 1974 hier auf.

Grote-Bär ist die Projektleiterin der Ausstellung „Frankfurts grünes Herz – 150 Jahre Palmengarten“, die von diesem Donnerstag an in der Galerie des Palmenhauses zu sehen ist. Grote-Bär steht einen Tag zuvor unweit eines original „Opelit“-Hochrads von circa 1890, eines der vielen besonderen Exponate in der Jubiläumsausstellung des Palmengartens. Sechs Themenschwerpunkte gibt es: Gartenkunst, botanische und gärtnerische Sammlungen im Wandel der Zeit, Glanz und Gastlichkeit, Musik im Palmengarten, Sport und Spiele sowie Bildung und Engagement.

„Dieser Garten steckt voller Überraschungen“, sagt Palmengarten-Direktorin Katja Heubach. Sie betont: „Noch nie gab es so eine ausführliche historische Dokumentation. Die Ausstellung schafft man nicht bei einem Besuch, sondern man muss mehrmals kommen.“ Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) sagt: „Diese Ausstellung ist sensationell.“

Gleich zu Beginn trifft man auf die frisch restaurierte Büste von Heinrich Siesmayer. Er ist der Initiator des Palmengartens, der mit der Hilfe engagierter Bürger:innen die zum Verkauf stehende bedeutende Pflanzensammlung von Herzog Adolf von Nassau aus Wiesbaden nach Frankfurt holt. Um das Gelände im Westend pachten zu können, geben sie „Bürgeraktien“ aus und haben schnell genug Kapital zusammen. Lange ist der Palmengarten eine Aktiengesellschaft. Erst 1931 wird er städtisch.

Ein Opel-Hochrad, circa 1890. Damit fuhren die Herren auf der Radrennbahn.

Am 16. März 1871 wird der Palmengarten mit einem Festakt und einem eigens komponierten Walzer offiziell eröffnet. In den 1890ern wirbt er stolz damit, bereits elektrische Beleuchtung zu haben. Rund 100 Jahre lang verfügt der Garten sogar über ein eigenes Orchester; der „Palmengartenwalzer“ ist in der Ausstellung zu hören. Eine Jazzposaune von 1950 hängt ebenfalls hier, da der Palmengarten bis heute das weltweit am längsten existierende Jazzfestival unter freiem Himmel hat. Konzerte seien lange eine wichtige Einnahmequelle gewesen, sagt Grote-Bär. „In den 1920ern wäre hier fast ein großes Konzerthaus gebaut worden, große Teile der Grünfläche wären dann nicht mehr da gewesen. Gott sei Dank war das in der Zeit der Inflation und kein Geld dafür da.“

Ausstellung

Die Jubiläumsausstellung „Frankfurts grünes Herz“ ist in der Galerie am Palmenhaus des Palmengartens, Siesmayerstraße 63, zu sehen. Sie läuft vom heutigen 18. November bis zum 16. März 2022. Öffnungszeiten bis Januar: täglich 9 bis 16 Uhr. Führungen sind buchbar unter: www.palmengarten.de

Im Palmengarten gilt für alle Besucher:innen ab sechs Jahren die 3G-plus-Regelung „geimpft, genesen oder PCR-getestet“ und das Tragen einer medizinischen Maske in allen Innenräumen und im Gedränge.

Historie:

Mit der Gründung des „Komitees zur Erwerbung der Biebricher Wintergärten“ am 6. Mai 1868 beginnt die Geschichte des Palmengartens. Initiator ist Heinrich Siesmayer zusammen mit 13 Mitstreitern. 1869 wird die Palmengarten-Aktiengesellschaft gegründet.

Die erste Blumenausstellung im Palmenhaus ist am 9. April 1870. Die Fertigstellung des Gesellschaftshauses verzögert sich durch den deutsch-französischen Krieg. Am 16. März 1871 wird der Palmengarten mit einem Festakt offiziell eröffnet.

1874/75 erste Erweiterung mit Großem Weiher samt Drahtseil-Hängebrücke, Hügel mit Schweizerhaus und Wasserfall.
Am 11. August 1878 brennt der Palmengarten bis auf die Grundmauern nieder. Er kann in zehn Monaten dank spendabler Bürger im Stil der Neorenaissance neu errichtet werden.
Der Palmengarten wird am 1. Juni 1931 städtisch. Bei schweren Luftangriffen im März 1944 brennt der Musikpavillon ab, der Westflügel des Hauses wird von einer Bombe getroffen.

Von Ende 1945 bis 1953 besetzt die US Army den Palmengarten und errichtet dort einen Freizeitclub für ihre Soldaten.

Zwischen 1982 und 1987 entsteht das Tropicarium: Pflanzen unterschiedlicher Vegetationszonen haben dort ihren Platz.

1998 muss das 125 Jahre alte Palmenhaus von Grund auf saniert werden. Viele Bürger:innen spenden. Wenige Jahre später entscheidet die Stadt, das Gesellschaftshaus zu renovieren und den historischen Festsaal wiederherzustellen, der 2012 eröffnet werden konnte.

2021: Eröffnung des Blüten- und Schmetterlingshauses. (rose)

Grote-Bär zeigt auf einen der historischen Pläne. In den 1980ern wurden die zu Beginn des Jahrhunderts errichteten Schaugewächshäuser abgerissen, das Tropicarium entstand, der Rosengarten zog um. An einer Wand hängt ein Ankündigungsplakat für ein Queen-Konzert am 4. Dezember 1974 im Palmengarten. „Damals war Queen aber noch nicht so bekannt, und das Publikum zunächst nicht ganz bei der Sache“, drückt es Grote-Bär aus.

Mit ihm fing alles an: Initiator und Gärtner Heinrich Siesmayer.

Nachzulesen ist dies in der Kopie eines Artikels der britischen Musikzeitung „New Musical Express“: Das Konzert sei „harte Arbeit“ für Frontmann Freddie Mercury gewesen: „Das Publikum interessierte sich bei den ersten Nummern mehr für das Drehen von Joints als für die Musik.“ Doch Mercury schaffte es am Ende doch, im großen Festsaal das Publikum aus der Kifferlethargie herauszuholen. Die Leute verlangten sogar Zugaben.

Sammlungsbelege: in Alkohol eingelegte Pflanzen.

Überhaupt wird im Palmengarten von Anfang an gerne gefeiert. Die deutschen Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. kommen gleich mehrmals zu Besuch. Der Palmengarten ist laut der Zeitschrift „Gartenkunst“ von 1895 der „beliebteste Vergnügungsplatz der fashionablen Welt Frankfurts“: Modeschauen, glamouröse Bälle und natürlich, ganz wichtig, leckere Speisen gibt es hier. „Auch in Abwesenheit des Kaisers werden Festmahle zu Ehren seines Geburtstags gegeben“, erzählt Grote-Bär. Eine Kopie der Speisenfolge von 1907 ist ausgehängt: Französische Masthühner stehen unter anderem darauf. 1937 gibt es im Palmengarten-Restaurant „Echte Schildkrötensuppe“.

Die NS-Zeit wird in der Ausstellung nicht ausgeblendet. Neben Festen für die Bevölkerung finden hier auch Kundgebungen der NSDAP statt. So zu sehen auf der Palmengarten-Chronologiewand, „Hitler selbst war aber nie hier“, sagt Grote-Bär. In einer Replik des Gästebuchs vom Filmball der Reichfilmkammer am 4. Dezember 1936 erkennt man deutlich die Unterschrift von Schauspielerin Magda Schneider.

Auch viele historische Veranstaltungsplakate gibt es zu sehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, Ende April 1945, beschlagnahmt die US Army den Palmengarten und richtet dort einen Freizeitclub für ihre Soldaten und deren Angehörige ein. In dieser Zeit kommt auch Eleanor Roosevelt zu Besuch. Fritz Encke, seit 1945 Palmengarten-Direktor, sorgt neben dem Wiederaufbau der Glashäuser auch dafür, dass die Pflanzensammlungen und der Samentausch mit Gärten in aller Welt erweitert wird; etappenweise öffnet sich der Garten für die Bevölkerung. Erst 1953 ist die Beschlagnahmung offiziell aufgehoben. Lächeln muss Direktorin Heubach bei einem Foto von 1975. Da stehen die Menschen von der Kasse bis zur Bockenheimer Landstraße Schlange, um die Welt-Orchideenschau zu sehen. „Damals war es noch nicht selbstverständlich, nach Thailand zu jetten. Das Bedürfnis nach Exotik vor der eigenen Tür war riesig“, sagt Grote-Bär.

Am Ende der Ausstellung hängt eine Feedbackwand: „Da können Sie eine Skizze hinterlassen, wie Sie sich den Palmengarten in 150 Jahren vorstellen.“

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