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Vier Wochen lebten sie in Kabul in Todesangst. Seit dem 19. September sind sie wieder in Frankfurt: Lutfur Shafiq (rechts) und Shamsul Baschichel.
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Vier Wochen lebten sie in Kabul in Todesangst. Seit dem 19. September sind sie wieder in Frankfurt: Lutfur Shafiq (rechts) und Shamsul Baschichel.

Frankfurt

Aus Kabul nach Frankfurt: Zurück in die Freiheit

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Einen Monat saßen Lutfur Shafiq und Shamsul Baschichel in Kabul fest, ehe sie nach Frankfurt kamen. Ein Doppelporträt über gescheiterte Fluchtversuche und die Angst vor den Taliban.

Die Hoffnung gibt Lutfur Shafiq im dichten Gedränge mit Tausenden Menschen nicht auf. Seit etwa sechs Stunden versucht er, immer näher an die durchgebrochene Betonmauer zu kommen, um auf das Rollfeld des Kabuler Flughafens zu gelangen. Doch die Hoffnung, dem Chaos in Afghanistan, der Angst vor den Taliban zu entfliehen und zurück nach Deutschland zu fliegen – sie scheitert. „Immer wieder, wenn ich näher an den Soldaten und der Mauer war, wurde es hektisch, dann schossen die Soldaten in die Luft, die Leute sanken vor Angst zu Boden, wurden panisch, und wieder wurde ich zurückgedrängt“, erinnert sich Shafiq im Gespräch mit der FR.

Es ist der 17. August. Zwei Tage zuvor nahmen die Taliban die afghanische Hauptstadt ein. Der 59-Jährige war für drei Monate in seinem Heimatland. Wie so oft in den vergangenen 30 Jahren. Er besuchte in Kabul seinen Bruder. „Doch dieses Mal war es einfach nur ein Alptraum“, erinnert er sich. Shafiq stammt aus dem Pandschir-Tal, das bekannt ist für seinen Widerstand gegen die Taliban und für den Mudschaheddin Ahmad Schah Massoud, den „Löwen von Pandschir“.

Shafiq sitzt gemeinsam mit seinem Freund Shamsul Baschichel an einem sonnigen Donnerstagmittag im September vor einem Cafe in Frankfurt. Er ist Taxifahrer, Baschichel arbeitet für die Konkurrenz Uber. Auch er saß wochenlang in Kabul fest. Sie leben beide seit vielen Jahren in Frankfurt und sind deutsche Staatsbürger. Die beiden Männer sind zum Zeitpunkt des Gesprächs seit wenigen Tagen wieder in Deutschland. Sie konnten mit einem Evakuierungsflug über die katarische Stadt Doha zurück nach Frankfurt in die Freiheit fliegen.

Auswärtiges Amt: Niedrige dreistellige Zahl an deutschen Staatsangehörigen in Afghanistan

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes seien durch militärische Evakuierungsflüge 5300 Menschen aus Kabul in Sicherheit gebracht worden. Seit Ende der militärischen Evakuierungsmission konnte eine mittlere dreistellige Zahl an Personen über Pakistan ausreisen. Zudem wurden über 100 deutsche Staatsangehörige und ihre Familienmitglieder mit Flügen über Katar ausgeflogen. „Nach unserer Kenntnis hält sich noch eine niedrige dreistellige Zahl an deutschen Staatsangehörigen in Afghanistan auf. Zudem wurde rund 2600 besonders schutzbedürftigen Afghaninnen und Afghanen und deren Kernfamilien eine Aufnahmezusage erteilt“, heißt es auf Anfrage der FR aus dem Auswärtigen Amt.

In Afghanistan erlebten Shafiq und Baschichel, die vor über drei Jahrzehnten nach Deutschland kamen, Wochen der Angst. Auch für ihre Familien in Frankfurt sei die Zeit sehr schwierig gewesen, erzählt Shafiq. „Die waren fertig.“ Baschichel traute sich seit der Machtübernahme der Taliban kaum mehr aus dem Haus. Zu groß sei die Angst gewesen, an die Taliban verraten zu werden. „Ich arbeitete einige Jahre für eine Baufirma und für Projekte in Afghanistan mit US-Amerikanern zusammen. Ich habe in den vier Wochen vielleicht zwei- oder dreimal das Haus verlassen. Wir haben die Tür verriegelt. Wenn jemand an der Tür klopfte und wir wussten, dass ist ein Bekannter oder jemand aus der Familie, erst dann öffneten wir die Tür“, erzählt Baschichel. „Ich hatte Todesangst.“

Shamsul Baschichel: „Es wurde hektisch, die Läden machten dicht, und die Leute liefen völlig verwirrt durch die Gegend. Manche sind gegen Hauswände gelaufen.“

Der 46-Jährige flog am 27. Juli für die Hochzeit seiner Nichte nach Kabul. Genau zwei Wochen vor dem Einmarsch der Taliban erhielt er über Freunde die Nachricht, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. „Ich fand das übertrieben, denn aus Deutschland hatten wir die Info, dass wir drei bis vier Monate Zeit hätten. Daher machte ich mir nicht so viele Sorgen“, sagt Baschichel. Das änderte sich, als er am 15. August nach einem entspannten Tag im Hamam, einem für den orientalischen Raum typischen Dampfbad, auf die Straße ging. „In Kabul gibt es mehrere Checkpoints. Ein Soldat saß mitten auf der Kreuzung auf einem Stuhl. Er hatte ein Funkgerät und sprach hinein, ob er noch bleiben solle. Ich konnte hören, dass noch zwei Autos kämen. Daraufhin ließ er seine Waffe und das Funkgerät fallen und ist einfach abgehauen“, berichtet Baschichel. Dann sieht er einen Kleinlastwagen mit Taliban-Kämpfern. „Es wurde hektisch, die Läden machten dicht, und die Leute liefen völlig verwirrt durch die Gegend. Manche sind gegen Hauswände gelaufen. Ich ging dann so schnell wie möglich zu meinem Bruder.“ Aus Angst vor der Taliban ließ er seinen Bart wachsen.

Zurück zu Shafiq. Er zückt sein Handy raus und zeigt Fotos von seinem Oberkörper und Beinen. Seine Kleidung ist zerrissen, er hat tiefe große Wunden. Am Tag am Flughafen, als er immer wieder nah an den Ausgang zur Mauer rückte, knallte es plötzlich. Shafiq wurde es schwarz vor Augen. „Die Soldaten schossen Blendgranaten und Tränengas in die Menge“, erzählt er. Dann knallte es wieder. Ein Schuss traf ihn an der Brust, zwei weitere am linken Oberschenkel. Er fiel hin. „Ich stand wieder auf, sah einen alten Mann mit blutigem Gesicht“, erzählt Shafiq. Am Ende musste er aufgeben. Die Schmerzen waren zu stark.

Baschichels Entscheidung, nicht zum Kabuler Flughafen zu gehen, rettete seine Leben

Wenige Tage später stand auch Baschichel vor dem Kabuler Flughafen. Mit ihm Tausende Afghaninnen und Afghanen, die vor der Taliban fliehen wollten. „Ich stand in einem Kanal mit stinkendem Wasser. Neben mir eine Mauer, auf der Soldaten standen. Auf der anderen Seite die ganzen Menschen, die alle einfach nur raus wollten.“ Nach drei Stunden gab er die Hoffnung auf. „Ich wollte es am nächsten Tag noch einmal versuchen. Ich hatte jedoch Rückenschmerzen, weil ich Probleme mit der Bandscheibe habe“, sagt er. Deshalb blieb Baschichel am nächsten Tag zu Hause. Diese Entscheidung rettete sein Leben. Denn an der Stelle, wo er tags zuvor noch stand, sprengte sich an diesem Tag ein Selbstmordattentäter in die Luft.

Die Hoffnung, das Land bald zu verlassen, sie schwindet. Doch vor rund zwei Wochen erhielten die beiden Männer einen Anruf vom Auswärtigen Amt. „Wir sollten um 7 Uhr zu einem Hotel ins Zentrum gehen“, sagt Baschichel. Dort stiegen sie in einen der 15 Busse und fuhren zum Flughafen, eskortiert von der Taliban. „Als ich im Flugzeug saß, fühlte ich mich wie neugeboren“, erzählt Baschichel. Vor dem Hotel schießt Shafiq ein letztes Foto aus Kabul. Es zeigt eine Traube von Afghaninnen und Afghanen, einen Taliban-Kämpfer auf einem Militärfahrzeug und es zeigt Baschichel. Er lächelt.

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