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Karen Wittel vor ihrem Reisebüro in Frankfurt.
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Karen Wittel vor ihrem Reisebüro in Frankfurt.

Klimaschutz

Aus Frankfurt ans Ende der Welt – aber nachhaltig

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Karen Wittel hat ihr Leben verändert und organisiert jetzt Traumreisen für Verantwortungsbewusste. In der Corona-Krise hilft ihr Geschäftsmodell.

Wie schafft man das eigentlich: als Reiseagentur halbwegs unbeschadet durch die Corona-Krise zu kommen? „Das frag’ ich mich auch“, sagt Karen Wittel. Aber sie sagt es fröhlich.

Wittel vermittelt keine ganz normalen Reisen, keine Reisen „von der Stange“, wie sie sagt, sondern nachhaltige Reisen. Das könnte der Schlüssel zum wirtschaftlichen Überleben gewesen sein. Und dass es ein kleines Unternehmen ist: sechs Personen, davon zwei Azubis.

„Wir haben einen sehr engen Kontakt zu unseren Kundinnen und Kunden“, sagt die 49-jährige Geschäftsführerin. Während anderswo viele ihre Reisen storniert und gleich das Geld zurückverlangt hätten, sei es „atambo tours“ gelungen, in persönlichen Gesprächen eine Lösung zu finden. Auch wenn zeitweise gar nichts ging: „Es gab doch immer wieder mal Lücken, wo man unbesorgt hinreisen konnte – und es gab Hoffnung.“

Dass diese Agentur für nachhaltiges Reisen im Frankfurter Westend existiert, hat viel mit der Kindheit der Chefin zu tun. Die verbrachte sie in Ländern wie Algerien, Nigeria, Indien, Bolivien und Peru. Das Abitur machte sie in Lima. Wir sind am Ende der Welt gewesen“, sagt sie. Ihr Vater baute dort als Entwicklungshelfer das duale Ausbildungssystem auf, die Tochter lernte viel über die Lebensweise der Menschen vor Ort und über ihre Bedürfnisse. Erfahrungen, die heute die Auswahl der Ziele und die Gestaltung der Reisen stark prägen.

Bis es soweit kam, schlug Wittel aber zunächst eine ganz andere Richtung ein. Nach dem Studium machte sie Karriere als Wirtschaftsmanagerin. Das brachte nur bedingt Erfüllung ins Leben der Frau, die doch einst selbst Entwicklungshelferin hatte werden wollen – und es mündete in eine Zeit, in der sie ständig Kündigungsgespräche führen musste, weil die Bank, für die sie arbeitete, Stellen abbaute.

Nachhaltig reisen:

Für klima- und umweltfreundliches Reisen hat das Bundesumweltministerium viele Hinweise auf seiner Internetseite (bmu.de) zusammengefasst – darunter auch die Kompensation des CO2-Ausstoßes bei Flugreisen durch Zahlung an das Unternehmen Atmosfair. Es investiert das Geld in Klimaschutzprojekte.

Der Verein Forum Anders Reisen, dem auch die Frankfurter Agentur von Karen Wittel angehört, setzt auf eine ökologische und sozialverträgliche Form des Reisens. „atambo tours“ trägt unter anderem das „Travel for tomorrow“-Zertifikat der gemeinnützigen Organisation TourCert, die Standards der Reiseveranstalter prüft.

Das Gespräch mit einer neuen Nachbarin, die eine Urlaubsagentur für das südliche Afrika betrieb, brachte Karen Wittel vor zehn Jahren auf die Idee. „Ich wollte Menschen schöne Urlaubserinnerungen fürs Leben schenken“, sagt sie, „und zugleich der Umwelt etwas zurückgeben – und die Situation der Menschen in den Urlaubsländern verbessern.“ Sie gründete ihre eigene, inzwischen nachhaltig zertifizierte Reiseagentur für individuelle Traumurlaube. Und für Auslandshochzeiten.

Der Begriff atambo aus der südamerikanischen Quechua-Sprache soll dabei so viel bedeuten wie: zum Ort der Ruhe. In Pandemiezeiten nicht zu verachten, findet sie. Die Vorlieben der Kundschaft hätten sich seit Corona verändert, manche ziehe es nun doch zu europäischen statt zu fernen Zielen. „Auf Wunsch haben wir sogar Reisen nach Mallorca organisiert“, sagt Wittel, die auch Regionalleiterin des Vereins Forum Anders Reisen ist, eines Verbands für nachhaltigen Tourismus. Nachhaltig nach Mallorca? „Ja, klar! Sie können auch nachhaltig in die Dominikanische Republik reisen!“ Für die Herbergen und Ausflugsziele sucht die Agentur Partner vor Ort.

„Urlaubsmaßschneiderei“, so nennt die Weitgereiste, was sie tut. Ihr gehe es darum, dass die Reisenden nicht nur die Natur wertschätzen, sondern auch die Menschen vor Ort. Der Austausch mit der lokalen Bevölkerung ist erwünscht: auf Augenhöhe – und nur, soweit die lokale Bevölkerung das möchte. Es gebe so viel zu entdecken abseits der großen Touristenströme, sagt Karen Wittel. In Peru beispielsweise ein Kartoffelmuseum, weil die Knolle dort so eine große Rolle spielt. „Wenn man heiratet“, sagt sie, „muss man mit der Schwiegermutter Kartoffeln schälen, und je nachdem, wie man sich dabei anstellt, zeigt sich, ob man eine gute Schwiegertochter ist.“ Aha. Ein Test für die Dame. Aber wer weiß, vielleicht profitiert ja auch die einheimische Bevölkerung auf lange Sicht vom Austausch, und dann schält irgendwann auch mal der Bräutigam die Kartoffeln.

200 bis 300 Reisen im Jahr vermittelt „atambo tours“ (www.atambo.de), die Unterkunft nur in inhabergeführten Herbergen, nicht in Hotelketten. Die CO2-Kompensation für die Flüge mit einer Zahlung an die Organisation Atmosfair übernimmt die Agentur selbst.

Und die Zukunft des Reisens? „Die Nachhaltigkeit hat durch Corona gelitten“, sagt Karen Wittel. Die Zertifizierung, die auch Hygienestandards einschließt, sei für die kleinen Pensionen schwierig. Aber wer jetzt reise, sei oft auch abenteuerlustig. „Unsere Partner vor Ort tun alles, was möglich ist, um sich und andere zu schützen – aber ein gewisses Restrisiko gibt es immer.“ Selbst in Deutschland, das an so etwas schon lange nicht mehr gewöhnt war.

„Für einen nachhaltigen Urlaub zählen Toleranz, Naturverständnis und Gemeinschaftsgefühl“, das ist die Überzeugung der Frankfurterin. „Je mehr wir von der Welt kennenlernen, desto mehr weitet sich unser Blick.“ Leisten können muss man es sich allerdings auch. Luxus gepaart mit Nachhaltigkeit – ganz billig ist das nicht.

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