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Aus der Not heraus

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Eine breite Auswahl an Waren geht über die Ladentheke.
Eine breite Auswahl an Waren geht über die Ladentheke. © Peter Jülich

Im Second-Hand Kaufhaus Neufundland kaufen längst nicht mehr nur diejenigen mit wenig Geld ein. Der Trend zum bewussten Wiederverwenden hat die Kundschaft erweitert.

Die 16 neuesten Hits der deutschen Hitparade von 1976 für 10 Cent, auf Vinyl versteht sich, oder Kuscheltiere nach Größe sortiert, für jeweils ein, zwei oder drei Euro. Diese Schnäppchen, die so auch auf jedem Flohmarkt zu finden sind, gibt es im Neufundland in Frankfurt. Das Angebot im Secondhandkaufhaus in Griesheim geht darüber aber noch weit hinaus. Hier gibt es mehr als den üblichen Krimskrams. Das Sortiment erstreckt sich vom Snoopy-Teller bis zum Meissener Teeservice und vom Stoffsessel, der seine frühere Farbe eher nur erahnen lässt, für 25 Euro, bis zum antiken Möbelstück für mehrere Hundert Euro.

Hier kaufen Menschen ein, die auf jeden Euro im Geldbeutel achten müssen, aber auch diejenigen Menschen auf Schnäppchenjagd, die gezielt Raritäten oder Markenmöbel zum halben Preis abgreifen möchten. Eine große Bandbreite tut sich da auf, die Betriebsleiter Peter Heinemann umfassend mitdenken möchte. Die Kundschaft habe sich im Laufe der Jahre schon verändert, sagt Heinemann. Früher seien Menschen mit wenig Geld die Hauptklientel gewesen, heute seien es vermehrt auch Leute, die nach dem „Vintage Look“ suchen, oder auch solche, die gezielt nachhaltig kaufen möchten.

Täglich kommen Spenden

Denn Nachhaltigkeit ist das, was im Neufundland zwar schon immer Programm war, aber jetzt wieder neuen Aufwind bekommt. „Die Idee vom gesellschaftlichen Nutzen von Wiederverwendung, wie wir sie hier betreiben, hat sich komplett verändert“, stellt Heinemann fest. Gegenstände wiederverwenden und reparieren – das Prinzip, das viele Menschen aus der Not heraus schon jahrzehntelang betreiben, weil sie sich sonst eben keinen neuen Herd leisten können, wenn der alte den Geist aufgibt, entdecken nun immer mehr Menschen für sich, die sich zwar auch ein neues Gerät leisten könnten, sich aber bewusst für ein gebrauchtes entscheiden. Es sei aber keinesfalls so, dass sich diese Gruppen gegenseitig die Ware wegnehmen würden, denn es gebe täglich genug Spenden, so der Betriebsleiter, der seit zweieinhalb Jahren den Überblick im Verkaufsraum, der Annahmestelle und der Sortierung der Waren behält.

„Das ist hier ein doppelter Vorteil – günstig und nachhaltig“, stellt Anne Lücke-Tieke fest, die mit umgeschnalltem Baby gerade in der Textilabteilung des Kaufhauses nach einer Hose sucht. Sie wohnt in der Nähe und schaut öfter mal vorbei. Nach Babyklamotten schaue sie hier zwar weniger, aber für sich finde sie schon immer wieder Sachen, die ihr gefallen, aber eben auch günstig sind. Der Aspekt der Nachhaltigkeit spielt für sie dabei eine ebenso große Rolle. „Ich gebe hier auch selbst genauso Dinge ab, damit sie im Kreislauf bleiben. Das ist mir schon wichtig“, sagt die 37-Jährige. Über ihre eigene wirtschaftliche Situation verrät sie nichts, aber die derzeit angespannte Lage bemerke sie hier schon vermehrt. Bei den Elektrogeräten habe sie vor kurzem hautnah erlebt, dass der Andrang verhältnismäßig groß war. „Unsere Waschmaschine war kaputt, und wir wollten uns hier nach einer umschauen, aber da gab es wirklich keine einzige mehr“, erzählt sie. Im Neufundland werden alle Elektrogeräte geprüft und bekommen dadurch ein Jahr gesetzliche Gewährleistung. Ein Qualitätsmerkmal, das gut anzukommen scheint, nicht nur bei dieser Kundin.

Alles wird geprüft

Die Qualität der Waren, die hier verkauft werden, ist auch dem Team zu verdanken, das hinter den Kulissen jedes hereinkommende Teil prüft und gegebenenfalls repariert oder reinigt. Anette Schmidt ist dabei für Spielzeug und Schmuck zuständig. „Ich schaue, ob die Puzzleteile alle komplett sind, und öffne jede CD-Hülle, um zu überprüfen, ob auch die richtige drin ist.“ Im Wert von zehn Cent bis um die 60 Euro seien schon Spielzeuge und Brettspiele durch ihre Hände gegangen, die erst nach bestandener Prüfung dann den Weg auf die Ladenfläche fanden. Die Kundschaft sei insgesamt sehr gemischt. „Von Hartz-IV-Empfängern bis Normalverdienern kommen alle hierher und finden was“, so Schmidt. Für größere Teile wie Möbel oder Elektro gibt es weitere Teams, die diese überprüfen und fit machen für den Weiterverkauf. Die Belegschaft ist dabei aber nicht wahllos zusammengewürfelt. In Verkauf, Lagerlogistik, Verwaltung und Elektroabteilung gibt es Ausbildungsplätze für Menschen, die „sonst durch das Raster gefallen sind“, so Betriebsleiter Heinemann. Diese Möglichkeiten zu bieten, gehöre sozusagen zur „DNA der GWR“, dem gemeinnützigen Unternehmen, dem das Kaufhaus und auch das Recyclingzentrum wenige Meter weiter eingegliedert sind.

In den letzten Jahren sind viele neue Zielgruppen für Secondhandware dazugekommen. Aber diejenigen, die Nachhaltigkeit aus der Not heraus leben, weil das Geld für Neuware nicht reicht, waren dann doch schon immer da. Diese Gruppe bekommt derzeit sogar Zuwachs, da ist sich Heinemann sicher, denn er sehe vermehrt auch neue Kund:innen, die das erste Mal den Weg zum Neufundland finden, weil die derzeit schwierige wirtschaftliche Lage ihnen kaum andere Möglichkeiten lässt. Gerade für diese Menschen ist Secondhand kein Trend, sondern überlebenswichtig.

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