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Emil Mangelsdorff eröffnet mit seinem Saxofon die Veranstaltung auf dem Römerberg zum 8. Mai. Foto: Monika Müller
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Emil Mangelsdorff eröffnet mit seinem Saxofon die Veranstaltung auf dem Römerberg zum 8. Mai.

Frankfurt

Aus dem Tag der Befreiung lernen

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Ein breites Bündnis ruft zum Gedenken an die Nazizeit auf und zum Kampf gegen aktuelle rechte Umtriebe. Emil Mangelsdorff erzählt und spielt Saxofon

Der 8. Mai soll ein Feiertag werden. Katharina Fertsch-Röver vom Schultheater-Studio trägt diese und weitere Forderungen am Samstagnachmittag an der Frankfurter Paulskirche vor, am Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes. „Als Zeichen, dass wir die Lehren aus den finsteren Jahren 1933 bis 1945 verstanden haben.“ Ein breites Bündnis hat dazu aufgerufen, überall in der Stadt an Gedenkstätten und Stolpersteinen Blumen in Erinnerung an die Opfer der Nazis abzulegen.

Die offizielle Zeremonie dazu findet an der Paulskirche statt, rund 200 Menschen sind gekommen, hören den Reden zu, legen Blumen und Kränze ab. Bei der anschließenden Feier auf dem Römerberg sind es mehr. Die Fläche wirkt gut gefüllt, allerdings halten alle Abstand, darum verteilt es sich.

„Die Freude über die Befreiung ist getrübt durch das Gedenken an die vielen Todesopfer“, sagt Stephan Wirtz vom Förderverein Roma. Doch der 8. Mai sei für die Gäste nicht nur ein Tag der Erinnerung, darauf weisen alle Rednerinnen und Redner hin. Es sei nach wie vor eine „Notwendigkeit, der Naziideologie ebenso wie den Nazis auf der Straße entgegenzutreten“, sagt Wirtz.

Das beginne schon bei der Tendenz zur Relativierung, darauf weist Alexander Wagner vom Deutschen Gewerkschaftsbund hin. Egal, wie man zu der Corona-Politik der Bundesregierung stehe: „Es gibt keine Meinungsdiktatur in diesem Land.“ Vergleiche mit Nationalsozialismus und Faschismus seien nicht angemessen. Frankfurt stehe für eine offene, tolerante, freie Gesellschaft, sagt Oberbürgermeister Peter Feldmann. Die Stadt zeige, welche Stärke aus Vielfalt entstehen könne. Um das zu schützen, sei es nötig, jeden Tag zu kämpfen, in demokratischem Diskurs und zivilem Streit.

Ärger mit der Gestapo

Lothar Reiniger vom Verein „Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim“ erinnert allerdings daran, dass die Stadtgesellschaft viel zu lange über das Konzentrationslager Katzbach im Gallus geschwiegen habe. Bis in die neunziger Jahre hinein.

1650 Menschen kamen aus dem KZ Buchenwald zu den Adlerwerken, dort mussten sie Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. „Mitten im Betrieb, im dritten und vierten Stock“, sagt Reininger. Neun von zehn hätten den Tag der Befreiung nicht mehr erlebt. Ihr Schicksal will der Verein auch auf dem Mahnmal an der Paulskirche verewigt sehen.

Es ist eher eine ältere Gruppe, die sich an der Paulskirche versammelt. Ein paar junge oder jüngere Gesichter stechen hervor. Dazu gehört Gloria vom Verein „Tierbefreier“. Der tritt ein für Tier- und Menschenrechte gleichermaßen. „Es funktioniert nur als Ganzes, alle Lebewesen müssen geachtet werden.“

Auch sie betont, wie wichtig es sei, gegen Faschismus und Nazis auf die Straße zu gehen. „Die Menschen müssen sehen, dass sich Menschen für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen.“ Es gelte, die Erinnerung wach zu halten, die Berichte der Zeitzeugen weiterzutragen.

Einer, der die Nazizeit noch miterlebt hat, sitzt ein paar Minuten später auf der Bühne auf dem Römerberg. Die Frankfurter Jazzlegende Emil Mangelsdorff, Jahrgang 1925, eröffnet das Fest mit Klängen seines Saxofons. Danach erzählt er von früher. Mangelsdorff gehört zur Swingbewegung, eckt an, spielt für „die Jugend, die sich nicht so zur Hitlerjugend hingezogen fühlte“. Das Lokal, in dem er auftritt, wird nur nicht geschlossen, weil es überwacht wird.

Ärger mit der Gestapo hat Mangelsdorff trotzdem. Jazz ist nicht verboten, aber verpönt. Die prägenden Figuren sind Schwarze oder Juden. Mehrmals muss Mangelsdorf bei der Polizei vorstellig werden. Er wird beschimpft und gezwungen, sich eine Kurzhaarfrisur zuzulegen. 14 Tage verbringt er in Untersuchungshaft wegen Schädigung der Wehrkraft. Schließlich wird der Musiker zum Arbeitsdienst eingezogen, dann zur Wehrmacht, muss in den Krieg nach Russland.

Zu Wort meldet sich an diesem Wochenende auch der Antisemitismusbeauftragte der hessischen Landesregierung, Uwe Becker (CDU). „Unsere heutigen Anstrengungen im Engagement gegen Judenfeindlichkeit stehen einem leider sogar wieder anwachsenden Antisemitismus entgegen“, schreibt er ernüchtert.

Die Diffamierung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung finde vor aller Augen und Ohren statt und reiche von „Querdenker“-Demonstrationen bis hin zu noch radikaler vorgetragenen Umsturzfantasien radikaler Kräfte. „Mit den Erfahrungen unserer eigenen Geschichte, dürfen wir nicht noch einmal vor Extremismus, gesellschaftlichem Gift, Hass, Hetze und Antisemitismus zurückweichen“, mahnt Becker.

Blumen vor dem Mahnmal für die Opfer des Naziregimes.

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