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René Gottschalk freut sich über Fragen und beantwortet sie gerne.

Porträt

Der Aufklärer für Corona in Frankfurt – René Gottschalk

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René Gottschalk ist ein Experte für das neuartige Coronavirus. Außerdem leitet er das Gesundheitsamt Frankfurt.

Ebola, Lassa, Sars. René Gottschalk hat schon einige Infektionskrankheiten gemanagt. Doch nie war die mediale Aufmerksamkeit so groß, wie jetzt, wo das neuartige Coronavirus angekommen ist. Mittwoch Pressekonferenz im hessischen Landtag, Freitag im Gesundheitsamt. Dazwischen jede Menge Interviews, Anfragen, Telefonate. Jeden Morgen um 8.30 Uhr Lagebesprechung im Stabsraum mit dem Flughafenlageplan an der Wand: „Seit fünf Wochen arbeiten wir so.“ Und es wird in den nächsten Tagen wohl kaum ruhiger. Seit dem Wochenende gibt es auch in Frankfurt bestätigte Fälle von Patienten, die an einer milden Form des Virus erkrankt ist. Es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn Deutschlands Pendlerhauptstadt und der Standort des größten Flughafens der Republik verschont geblieben wäre. Also wird der 64-Jährige auch in den nächsten Tagen wieder viele, viele Fragen beantworten, Informationen liefern. Das gehört zu seinem Job, macht ihm Spaß. „Mir ist wichtig, dass die Medien korrekt berichten.“ Er ist der Frontmann, verbreitet mit seiner ruhigen Art Zuversicht, schafft Vertrauen. Hinter ihm stehen die Kollegen der Infektiologie, die nicht weniger Überstunden schrubben als er. „Hut ab“, sagt Gottschalk.

Würde es nach ihm gehen, dann säße er überhaupt nicht im fünften Stock des Gesundheitsamts in der „Breite Straße“, direkt gegenüber vom „Love Centers“ und der „Pension herzlich“. Eigentlich war er mit seiner Tätigkeit als Ingenieur bei der Hoechst AG zufrieden. Doch sein damaliger Chef drängte ihn darauf, sich beruflich weiterzuentwickeln. Und so begann er 27-jährig mit dem Studium der Medizin. In Frankfurt, versteht sich. Eine andere Stadt kam nie infrage: „Hier bin ich geboren, hier werde ich eingetopft.“ Seine Doktorarbeit schrieb er über eine Eisenspeicherkrankheit – „ich war der Eisenfuzzi“. Und als das Gesundheitsamt 1998 einen Abteilungsleiter für Infektiologie suchte, wechselte er von der Uniklinik in den städtischen Dienst. 2009 übernahm er die Leitung der Behörde.

Coronavirus: Gesundheitsamt ist als akademische Lehreinrichtung anerkannt

Öffentliches Gesundheitswesen. Das ist alles andere, als Akten hin- und herschieben. Schuleingangsuntersuchungen, die HIV- Sprechstunden, Behandlung von Menschen ohne Krankenschein – das Themenfeld ist groß. So groß, dass das Gesundheitsamt als akademische Lehreinrichtung anerkannt ist. Bundesweit einmalig sei das, sagt Gottschalk nicht ohne Stolz.

Veranstaltung

Coronaviren – eine neue Gefahr für uns alle?“ heißt das Perspektivengespräch des House of Pharma & Healthcare am Montag, 2. März, 18 Uhr, im Casino, Nina-Rubinstein-Weg 1, Campus Westend der Goethe-Uni. Mit dabei: Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Universitätsklinik Frankfurt, und Professor René Gottschalk. Anmeldung: www.houseofpharma.de/corona jur

In Zeiten wie diesen, sagt er, merkten die Menschen, wie wichtig der öffentliche Gesundheitsdienstes sei. Wenn die Coronawelle in einigen Wochen abgeebbt sein werde, gingen die Erkenntnis schnell verloren. Auch die Sensibilität für Infektionskrankheiten werde wieder sinken. Das weiß er aus Erfahrung. Deshalb nutzt Gottschalk so gut wie jeden seiner Auftritte, um auf jene Krankheiten hinzuweisen, gegen die sich der Mensch schützen kann, es aber viel zu selten tut. „Gegen Grippe und Masern kann man sich impfen.“ Das ist das Mantra des 64-Jährigen mit der Engelsgeduld. Der auch gerne das zehnte Mal erklärt, warum Fiebermessen am Flughafen aktuell nicht sinnvoll sei. Dass der Krankheitsverlauf zu 80 Prozent milde verlaufe – und Händehygiene schütze. Das sagt er auch jedes Jahr bei der Pressekonferenz zur Grippeimpfung. Nicht nur in Zeiten des neuartigen Coronavirus.

Gottschalk ist Aufklärer. Und Praktiker. Wenn in einem Flugzeug der Verdacht eines Infektionspatient gemeldet wird, etwa Ebola, fährt er auch gerne selbst aufs Vorfeld, um sich den Passagier anzuschauen. Die Jacke in Signalfarben hängt einsatzbereit auf einem Stuhl seines Büros: „Es muss auch Verrückte geben“, sagt der Mann mit der Passion für Afrika. Davon zeugen die Holzstatuen neben dem großen Konferenztisch. „Die lebensfrohen Menschen“ in dem Kontinent haben es ihm angetan. Auch die fremden Krankheiten. Zu Fuß wanderte er mehrfach mit einer Gruppe Gleichgesinnter durch die Savanne. Besuchte eine Fledermaushöhle, weil dort die Felsenpython zu Hause ist. „Ich liebe Schlangen.“ Einen Monat nach ihm steckte sich eine Touristin in dieser Höhle mit dem Marburg-Virus an.

Gottschalk: „Die Lage ist ernst, wir haben eine Pandemie“

Womit er wieder beim Thema ist. Beim großen Informationsbedarf, den es immer noch gibt. Bei den Düsseldorfer Kollegen, die die Besucher einer ganzen Karnevalsveranstaltung aufspüren müssen: „In deren Haut möchte ich nicht stecken.“ Bei den Missverständnissen über den Übertragungsweg: ein Koffer, Tisch oder Stuhl sei es nicht. „Das will keiner hören.“ Dass es Pläne für die Krankenhäuser gebe, wenn es viele schwere Fälle geben sollte. Der Pandemieplan werde ständig aktualisiert, wer anderes behaupte, rede „Käse“. Denn auch damit muss sich Gottschalk auseinandersetzen: mit den misstrauischen Menschen, den Gerüchten.

Es gebe nichts zu beschönigen, sagt er. „Die Lage ist ernst, wir haben eine Pandemie.“ Doch er ist sicher, dass die Herausforderung bewältigt werden kann. „Wir müssen jetzt nur Zeit gewinnen.“ Zeit, um einen Impfstoff zu finden und Medikamente.

Am Donnerstag hat Gottschalk mit der Direktorin der Virologie Sandra Ciesek an der Uniklinik eine Vorlesung über Corvid-19 gehalten. Der Hörsaal war voll, die Studierenden hatten so viele Fragen, dass die Veranstaltung überzogen wurde. „Das war toll“, sagt der 64-Jährige, der im nächsten Jahr die Amtsleitung abgeben wird. Der Uni und der Wissenschaft bleibt er erhalten: Als Professor für Öffentliches Gesundheitswesen im Fachbereich Medizin. Als Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts, dessen Kompetenzzentrum für hochpathogene Infektionserreger für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland er seit Jahren leitet. Und als Berater der Weltgesundheitsorganisation WHO. Es wird also noch viele Möglichkeiten geben, die Erfahrungen einzubringen – auch die mit dem aktuellen Virus.

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