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Ortrud Toker mit ihrem Buch im Historischen Museum in Frankfurt.

Literatur

Aufbruch in die Ära der Technik

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Ein Treffen mit der Autorin Ortrud Toker, die mit ihrem Forscherroman „Vom Ende der Langsamkeit“ beim Publikum ankommt.

Es war der Aufbruch in ein neues Zeitalter der Technik. Und er ging von Frankfurt aus. Am 28. März 1849 trug die frei gewählte deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. in Berlin die Würde des ersten deutschen Kaisers an. Die Nachricht übermittelten die Parlamentarier mittels einer Aufsehen erregenden Erfindung nach Berlin – mit dem Zeiger-Telegraphen von Werner von Siemens.

Innerhalb von einer Stunde ging die Botschaft von Frankfurt in die preußische Hauptstadt – eine Sensation. Mit der berittenen Post hätte sie Tage gebraucht. Nachzulesen ist das alles in einem „Forscherroman“, den die Kunstgeschichtlerin Ortrud Toker jetzt vorgelegt hat. Das Buch „Vom Ende der Langsamkeit“ entwickelt sich in der Frankfurter Winter-Saison zum Publikums-Liebling. Die Lesungen der 62-Jährigen sind überlaufen. Ihr Debüt trifft in einer Zeit, in der viele über zu hohe Geschwindigkeit des technischen und gesellschaftlichen Umbruchs klagen, einen Nerv.

Ortstermin mit der Autorin vor dem Zeiger-Telegraphen im Historischen Museum in Frankfurt. „Ich wollte wissen, wie die Umwälzung im 19. Jahrhundert vonstatten ging, gesellschaftlich, militärisch, politisch“, sagt Toker, die sich durch ihre Führungen im Museum für Kommunikation und im Deutschen Filmmuseum einen Namen gemacht hat.

Nahe an der Gegenwart

Neben Siemens geht es auch um andere Technik-Pioniere wie Reis und Benz. Sie nennt ihr Buch „einen historischen Roman nahe an der Gegenwart“, zugleich einen „Balanceakt zwischen Dokumentation und Belletristik“. Tatsächlich verwebt Toker historische Fakten mit kleinen poetischen Fluchten. So gibt es etwa im Buch ein Streitgespräch zwischen dem Paulskirchen-Parlamentarier Friedrich Jucho und dem Philosophen Arthur Schopenhauer. Jucho vertritt begeistert demokratische Werte und technischen Fortschritt. Schopenhauer, passionierter Skeptiker, hält mit Zweifeln vor allem am Wesen des Menschen dagegen. Der Dialog kann als Kommentar zur gesellschaftlichen Gegenwart gelesen werden.

Tatsächlich gab es den Streit nicht – und man weiß nicht, ob sich Jucho und Schopenhauer kannten, obwohl sie zur gleichen Zeit die gleichen Restaurants aufzusuchen pflegten. „Wenn man diese Gegensätze erlebt, kann man besser verstehen, um was es geht, wenn heute um den 5 G-Standard gepokert wird“, sagt Toker. Ihr Leben war stets mit Kultur verbunden. In Karlsruhe geboren, mit zehn Jahren Mitglied des Balletts des Badischen Staatstheaters. „Ich fühlte mich angezogen von den Traumwelten des klassischen Balletts.“ Sie wirkte mit daran, „Schönheit zu produzieren“.

Im Alter von neunzehn Jahren der Bruch. Es ist eine Zeit der gesellschaftlichen Revolte, die 68er erschüttern das Establishment. Und Toker demonstriert mit, taucht ab in die „Gegenkultur“, lernt Pantomime. Gründet mit anderen ein freies Ensemble, zieht durchs Land „mit einer Art Revue aus Akrobatik, Tanz und Pantomime“. Sie erprobt „Wohnexperimente“ in Gemeinschaften in Heidelberg und Mannheim.

Dann der Wechsel nach Frankfurt, Studium von Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie an der Goethe-Uni. In den 90er Jahren Führerin bei der Kunstschau Documenta in Kassel, 2002 stieß sie zum Team des Filmmuseums in Frankfurt. Die „passionierte Kinogängerin“ nennt ohne Zögern Andrei Tarkowski, Alfred Hitchcock, Krzysztof Kieslowski als Lieblingsregisseure. Doch jetzt hat sie das Schreiben für sich entdeckt, sitzt schon an einem neuen Buch,

Lesung: Freitag 6. Dezember, 20 Uhr, Café Fellini, Frankfurt, Diesterwegstraße 1

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