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„Auf dem Spiel steht die Qualität des Lebens“

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Von: Thomas Stillbauer

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Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger.
Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger. © peter-juelich.com

Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger über die Welt von morgen, kleinere Katastrophen und die überragende Bedeutung der biologischen Vielfalt für unsere Zukunft.

Volker Mosbrugger, 64, ist Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Der gebürtige Konstanzer studierte Biologie und Chemie, promovierte in Geologie und Paläontologie und lehrte nach seiner Habilitation 1989 an mehreren Universitäten als Professor. 2005 wurde er Direktor des Senckenberg-Forschungsinstituts und des Naturmuseums in Frankfurt, 2009 Generaldirektor der Gesellschaft. Mosbrugger ist unter anderem Träger des Leibniz-Preises der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ehrendoktor der Universität Lyon (Frankreich) und Ehrenprofessor der Jilin Universität Changchun (China). Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Herr Mosbrugger, wie wird der Planet heißen, auf dem die Menschen im Jahr 2200 leben?
Ich bin überzeugt, er wird immer noch Erde heißen. Vielleicht haben wir dann keine neun oder zehn Milliarden Menschen, sondern wieder nur noch etwa siebeneinhalb Milliarden wie jetzt. Ich bin aber auch überzeugt, dass wir Stationen auf dem Mond haben werden. Und auf dem Mars.

Ernsthaft?
Also: Da werden keine Millionen Leute leben, da oben. Das sind Stationen für vielleicht 30 Menschen oder 50. Das werden eher Zweigstellen sein. Alle großen Weltraumforschungsnationen haben den Plan: Wir wollen auf den Mars. Das schaffen wir auch bis 2200 – davon kann man ausgehen.

Woraus schließen Sie das?
Aus der bisherigen Entwicklung. Sie zeigt: Man unterschätzt, was in zehn oder in hundert Jahren passiert. Das Smartphone hat so keiner vorhergesehen, und es hat dann ganz schnell die Welt revolutioniert: Wie wir agieren, wie wir kommunizieren.

Der Forscher und Philosoph Harald Lesch prophezeite beim Festakt zum 200-jährigen Senckenberg-Bestehen den Untergang – „schade um den schönen Planeten Erde“. Zu provokativ?
Nein, ich denke, was Herr Lesch klarmachen will, und was wir auch sagen, ist, dass wir im Moment Raubbau betreiben an unserem Planeten. Das wird ihn nicht dermaßen verändern, dass alles Leben verschwindet, sondern so, dass wir Menschen darunter leiden. Auf dem Spiel steht die Qualität des Lebens: Wie viele Leute können auf diesem Planeten wie gut leben? Es ist mehr eine qualitative Dramatik, die wir jetzt haben. Es geht nicht ums Überleben grundsätzlich, es geht um die menschlichen Tragödien, die man verhindern will.

Sie sprechen gern von der „Medizin für die Erde“, die es zu finden gilt. Gehört dazu auch, dass wir weniger Kinder haben, damit die Überbevölkerung schwindet?
Das primäre Ziel muss sein, dass es möglichst vielen Leuten möglichst gut geht. Der schöne Nebeneffekt ist, dass das automatisch einer Überbevölkerung vorbeugt. Ich muss also gar nicht die Überbevölkerung der Erde ins Visier nehmen, sondern das Wohlbefinden der Leute zu steigern versuchen, dann fällt das als Nebenprodukt mit ab.

Verträgt sich das mit dem Ziel, den Niedergang der Biodiversität zu stoppen?
Das ist in der Tat die große Herausforderung. Der Wohlstand wächst, das belegen alle globalen Reports, die Lebenserwartung steigt auch insgesamt, aber es wächst eben auch der Verbrauch an Energie und an Ressourcen. Wir müssen einen Weg finden, die Entwicklung auf der einen Seite weiterzuführen – dass es immer mehr Leuten immer besser geht –, aber gleichzeitig die Ressourcen besser zu schonen, als wir es jetzt tun.

Wie soll das gehen?
Im Kern sind es Energieprobleme. Wenn ich das Energieproblem gelöst habe, kann ich fast alles machen, auch die Natur schonen und die Biodiversität erhalten. Da wird man, völlig logisch, auf alternative Energiequellen setzen müssen. Eine Energieproduktion, die wie heute immer noch wesentlich auf der Verbrennung von Kohlenstoff basiert, mit Ausstoß von CO2, ist langfristig nicht nachhaltig.

Es heißt immer: Entschiedenes Gegensteuern sei jetzt nötig. Haben Sie den Eindruck, dass das passiert?
Nein, das passiert nicht wirklich. Und ich bin auch skeptisch, dass es innerhalb der nächsten 50 Jahre passieren wird. Wir haben Fortschritte gemacht. Unsere Autos verbrauchen viel weniger Sprit als früher, trotzdem ist der Spritverbrauch insgesamt gestiegen. Wir nennen das Rebound-Effekt: Was wir an der einen Seite einsparen oder an Effizienz gewinnen, geben wir an der anderen Seite wieder aus. Wenn ich alle Häuser dämme und Energiesparlampen verwende, reduziere ich für diese spezielle Technik natürlich den Energieverbrauch. Auf der anderen Seite entwickle ich hundert neue Technologien, die wieder viel mehr verbrauchen.

Ist das messbar?
Ja, das sieht man: Trotz aller Bemühungen steigt der Kohlendioxidgehalt immer noch. Wir hatten über die vergangenen drei Jahre gehofft, dass wir den Gipfel überschritten hätten, da gab es Hinweise, dass die CO2-Emissionen nicht mehr weiter nach oben gehen, aber dieses Jahr sind sie wieder gestiegen.

Sie machen sich also durchaus Sorgen um diesen Planeten?
Natürlich. Das Thema Klimawandel erwischt uns, und zwar nicht mit den angestrebten zwei Grad oder gar 1,5 Grad Erwärmung, sondern eher mit drei Grad, und das hat schon dramatische Konsequenzen, vor allem für die Küstenländer. Gar nicht so sehr innerhalb der nächsten 20 oder 30 Jahre – der Meeresspiegel-Anstieg ist ein Langzeitprozess. Das zieht sich über Jahrhunderte hin.

Sie hatten einen Referenten bei Senckenberg, der erwog, künftige „überflüssige“ Zentimeter des Meeresspiegels abzupumpen und auf dem Arktis-Festland einzufrieren. Realistisch?
Im Moment ist so etwas nur im Modell denkbar. Aber man muss sich schon mit solchen Ideen auseinandersetzen. Man muss überlegen: Welche Möglichkeiten habe ich? Ich kann Dämme bauen – oder ich kann versuchen, den Meeresspiegel künstlich zu senken. So, wie wir ja auch darüber nachdenken, wie wir das CO2 wieder aus der Atmosphäre herausbekommen. Ich denke, man muss über diese Themen nachdenken, ganz ähnlich wie über die Frage, welche Planeten in Zukunft besiedelt sein werden.

Woran denken Sie bei dem Begriff Zukunft? Was fällt Ihnen dazu ein?
Ich bin jemand, der grundsätzlich optimistisch in die Zukunft guckt. Warum? Weil ich vier Milliarden Jahre zurückblicken kann, und es ist eigentlich immer gut gegangen. (lacht) Ich habe auch eine Begründung, warum es gutgegangen ist. Der evolutionäre Mechanismus, der in der Biologie existiert, der funktioniert auch am Markt.

Am Markt?
Ja, das Marktgeschehen ist auch nichts wesentlich anderes als Evolution. Ich mache Produkte, und wenn die am Markt bestehen, dann haben sie Erfolg – und wenn sie nicht bestehen, sind sie wieder weg. Das ist ein Prozess, der gut funktioniert bei hochkomplexen Systemen. Sie entwickeln sich langsam, werden aber kontinuierlich komplexer. Deswegen schaue ich sehr zuversichtlich in die Zukunft, was aber nicht ausschließt, dass es immer wieder kleinere Katastrophen gibt: einen weiteren Weltkrieg, eine Atombombe ...

… kleinere Katastrophen halt …
… nur als Beispiel, auch ein Meteoriteneinschlag ist möglich, aber in der Gesamtperspektive geht’s bergauf – das möchte ich damit sagen. Ich selbst lebe von heute auf morgen. Was aber Senckenberg anbelangt, da versuche ich, zehn Jahre vorauszudenken: Was sind die Perspektiven, auf die man sich einstellen muss? Ich habe aber auch die Bescheidenheit, zu wissen, dass es immer anders kommen kann, als man denkt – und auch darauf muss man vorbereitet sein.

Vor zehn Jahren sagten Sie, wir sollten uns nicht so sehr auf das CO2 fixieren, es würden sich noch andere Stellschrauben für die Zukunft ergeben. Welche sind das?
Wir haben immer gesagt: Das Klimaproblem ist ein sehr ernstes, großes Thema – das größte Problem dabei ist der Meeresspiegel-Anstieg, verursacht durch Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan und andere. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass der Verlust biologischer Vielfalt eigentlich ein noch größeres Problem darstellt als der Klimawandel.

Warum?
Weil es komplizierter ist und weil wir Menschen unmittelbar von der Biodiversität abhängig sind. Da geht es eben nicht nur um Physik und Chemie, sondern da geht es um Leben. Wir sehen, dass die biologische Vielfalt dramatisch abnimmt. Wir sehen, dass die Ökosystem-Dienstleistungen wie das Bestäuben dramatisch abnehmen. Wir sehen auch, dass es Kopplungen zwischen Klimawandel und biologischer Vielfalt gibt. Aber: Der Klimawandel ist im Kern verstanden. Wir haben noch viele offene Fragen, aber er ist grundsätzlich verstanden. Die biologische Vielfalt, ihre Rolle für das System Erde, ist noch nicht richtig verstanden. Das ist das zweite große zentrale Thema, das für unsere Zukunft wichtig sein wird.

Es genügt nicht, den Leuten zu sagen: Wenn die Biene weg ist, wird’s hier zappenduster?
Das verstehen die Leute noch am besten. Dann kann man auch schön zeigen, welche Früchte wegfallen würden, welche Verluste es gibt. Aber wenn Sie einem Bauern in Ecuador sagen, du darfst den tropischen Regenwald nicht abholzen, weil die biologische Vielfalt verloren geht, die auch für die Klimaregulation wichtig ist, dann sagt der, das interessiert mich gar nicht, ich will da meine Tiere draufstellen, die brauche ich zum Leben.

Dabei interessiert sich der Mensch doch sehr für die Zukunft. Sie fasziniert ihn.
Ja, aber wir sind gewohnt, immer nur in zwei Generationen zu denken. Wir denken an unsere Kinder, und wir denken an unsere Enkel. Unsere Urenkel sind schon weit weg. Das heißt, wir denken in der Größenordnung 50 Jahre voraus. Das Langfristdenken liegt uns nicht.

Für die Enkel könnte es allerdings schon eng werden.
Bei uns in Mitteldeutschland wird sich relativ wenig tun, wir werden hier Klimaanlagen brauchen und anderes mehr, aber an den Küsten und in der Arktis bewegt sich richtig was, ganz ohne Frage.

Interview: Thomas Stillbauer

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