Die letzte Aufnahme der lebenden Nitribitt an ihrem Fenster in der Stiftstraße im Oktober 1957.
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Die letzte Aufnahme der lebenden Nitribitt an ihrem Fenster in der Stiftstraße im Oktober 1957.

Frankfurt liest ein Buch

Auf Rosemaries Spuren in Frankfurt

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Die Prostituierte Rosemarie Nitribitt verkehrte in der Frankfurter Innenstadt an vielen Orten. Der Stadtführer Christian Setzepfandt zeigt wo.

Das kleine Mädchen trägt ein weißes Kleid und ein Kreuz an einer Kette. Es hat einen weißen Blumenkranz im Haar. Das Mädchen Maria Rosalia Auguste, das später nur Rosemarie genannt wird, passt so gar nicht zu der Gegend, in der Christian Setzepfandt es am Mittwoch zeigt. Der Stadtführer lädt ein, sich auf die Spuren jener Prostituierten Rosemarie Nitribitt zu begeben, die vor gut 60 Jahren in Frankfurt für so viel Furore sorgte und die in diesem Jahr Thema des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“ ist. Das Foto, das Setzepfandt auf einem geräumigen Tablet in der verkehrsumtosten Kaiserstraße präsentiert, zeigt die kleine Rosemarie mit einem seligen Lächeln in Mendig in der Eifel. Es kann da nicht mehr lange gedauert haben, bis die einigermaßen unbeschwerte Jugend des Fürsorgekinds vorbei war. Im Alter von elf Jahren soll Rosemarie vergewaltigt worden sein.

„Wo fängt man eine Stadtführung an bei so einem schlampigen Thema?“, kalauert Setzepfandt, während er vor der Kaiserstraße 25 steht und das Foto der kleinen Maria Rosalia von seinem Tablet verschwindet. In der Kaiserstraße 12, wo heute ein Herrenausstatter residiert, befand sich in den 50er Jahren der Juwelier Robert Koch. Dort bestellte Nitribitt drei Wochen vor ihrem Tod einen Diamanten im Wert von umgerechnet gut 15 000 Euro. Sie hat ihn nie abholen können.

Stadtführer Christian Setzepfandt präsentiert das Coupé, das die Prostituierte einst im Haus hinter ihm erwarb.

Zum ersten Mal nach Frankfurt kommt Rosemarie Nitribitt im Jahr 1947 als 14-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon französischen Soldaten auf einem Flugplatz in der Eifel gegen Geld angeboten worden. „Sie ist nach Frankfurt gekommen, weil sie gehört hat, dass man in der Stadt Geld verdienen kann“, führt Setzepfandt aus. Wie keine andere deutsche Stadt hat sich Frankfurt nach dem Krieg dem Kapitalismus verschrieben. Als Nitribitt dauerhaft nach Frankfurt kommt, wohnt sie zunächst an verschiedenen Orten, unter anderem auch in der Pension Noell im Westend. Dort hat sie mit Bill Ramsey einen prominenten Mitbewohner. Der Schlagerstar und Moderator erinnerte sich Medienberichten zufolge, dass Nitribitt „ständig und stundenlang das Gemeinschaftsbad blockierte und den Kühlschrank leer aß“.

Die meisten Männer, die sie gekannt haben, werden sich anders an die junge Frau erinnern, die schon mit 24 Jahren unfreiwillig aus dem Leben schied. Stadtführer Setzepfandt, 63 Jahre alt, hat sie nie persönlich kennengelernt, aber sich wie kaum ein anderer mit der Geschichte der gebürtigen Düsseldorferin befasst. „Die Lebensgeschichte der Nitribitt ist auch eine andere, als Erich Kuby sie in seinem Buch beschrieben hat“, sagt Setzepfandt. Gut 60 Jahre nach dem Tod Nitribitts bleibt die Spurensuche in der Frankfurter Innenstadt aber immer etwas mittelbar. Die zweite Station ist am Kaiserplatz. Hier gibt es gleich zwei Anknüpfungspunkte. Den altehrwürdigen Frankfurter Hof, in dessen Lipizzaner Bar die Prostituierte verkehrte, und das Juniorhaus, in dem ab 1952 Mercedes residierte und wo sich die Nitribitt einen schicken schwarzen SL Coupé kaufte und die 18 600 Mark dafür in bar hinblätterte. Setzepfandt präsentiert ein Foto, das die Blondine vor dem schwarzen Coupé gemeinsam mit ihrem Pudel Joey zeigt. Der Hund war Nitribitts Legitimation, um als Frau in jenen Jahren überhaupt zu später Stunde ohne Begleitung auf die Straße zu dürfen. „Es war eine nordhessische Züchtung, die vor allem nachts pinkeln musste“, scherzt Setzepfandt über Nitribitts Pudel, der deutlich älter wurde als Frauchen und seinen Lebensabend bis 1966 in einem Hundesalon in der Niddastraße verbrachte.

Die Stiftstraße 36 heute mit der charakteristischen Leuchtreklame.

Vom Kaiserplatz geht auch die Kirchnerstraße ab. Dort gab es in den 50er Jahren ein Schreibwarengeschäft, in dem auch Nitribitt Kundin war. Setzepfandt hält ein kleines schwarzes Notizbuch in die Höhe. „Das Original ist im Haus der Geschichte in Bonn, aber ich habe es durchgearbeitet“, sagt Setzepfandt. In dem Büchlein listete Nitribitt penibel ihre Einnahmen auf. Bis zu zehn Freier am Tag fertigte die junge Frau ab und nahm dafür je nachdem 50 oder 100 Mark. Stolze 80 750 Mark habe sich Nitribitt in den ersten zehn Monaten des Jahres 1957 „zusammengevögelt und geblasen“, wie Setzepfandt es formuliert. Das zeige auch, dass die Blondine nicht nur Wirtschaftsbosse „rangelassen“ habe, sondern auch den einfachen Lehrling, der sich das Geld zusammengespart hatte, um ein Statussymbol zu ergattern.

Ihr Geld reinvestierte die Prostituierte teilweise wieder. Etwa in einen dreimonatigen Benimmkurs bei Erica Schiller-Cerny in der Mainluststraße, in teure Klamotten aus dem angesagten Modesalon Tony Schiesser in der Friedensstraße oder auch für 60 Paar Schuhe, die sie innerhalb von zwei Jahren bei Prange am Roßmarkt kaufte. In Erich Kubys Buch „Rosemarie“ ist davon nichts zu erfahren, wohl aber, dass Nitribitt im Café Kranzler an der Hauptwache verkehrt habe. Doch da ist Historiker Setzepfandt skeptisch. „Im Kranzler gab es in den 50er Jahren noch einen livrierten Türsteher, ich glaube nicht, dass sie da so locker reinkam.“ Eher habe sie im Café Rumpelmayer am Theaterplatz verkehrt.

Das Buch, das ab Samstag Thema ist.

Keinen Türsteher gab es vor der Metzgerei Matthiae in der Großen Eschenheimer Straße, wo heute ein koreanisches Restaurant zu finden ist. Dort kaufte Nitribitt am 29. Oktober 1957, dem letzten Tag ihres Lebens, gegen 16 Uhr Kalbsleber für ihren Pudel Joey. Der Hund wird die Leckerei noch bekommen haben, denn im Kühlschrank im dritten Stock der Stiftstraße 36 fanden die Ermittler drei Tage später keine Kalbsleber.

Die Spurensuche mit Setzepfand endet dort, wo auch das Leben des Mädchens Rosemarie ein Ende fand. 1956 war sie dort eingezogen. „Erstbezug“, wie Setzepfandt betont, bevor er die Vorzüge des Luxusetablissements der damaligen Zeit aufzählt: Aufzug, Fußbodenheizung, Gegensprechanlage. Vor allem letztere war wichtig, weil die Bewohnerin im dritten Stock dort das Codewort „Rebecca“ hören wollte, bevor sie die Freier einließ. Bis zu zehn Männer gleichzeitig sollen im Treppenhaus auf Einlass gewartet haben. Die Nachbarn waren wohl nicht allzu amüsiert, auch weil die „Betriebsgeräusche etwas robuster“ waren, so Setzepfandt.

Ab dem Nachmittag des 29. Oktober öffnete niemand mehr. Setzepfandt zeigt das letzte Bild, das zu Nitribitts Lebzeiten gemacht wurde. Aufgenommen hat es der FR-Fotograf Kurt Weiner vom Dach des alten Rundschau-Hauses gegenüber. Dann zeigt der Stadtführer Fotos der Leiche, wie sie die Polizisten am 1. November 1957 am Boden vor dem Sofa fanden. Der Mythos Rosemarie wird auch von dem ungelösten Kriminalfall Nitribitt befeuert. Was da vonseiten der Ermittler alles schiefgelaufen sei, wäre Stoff für eine weitere Führung, sagt Setzepfandt. Thema dieser Stadtführung war das nicht, und auch nicht in Kubys „Rosemarie“.

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