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Briefkasten-Kunst: Die Installation 108. Ein Projekt von regionalen und geflüchteten Künstlern, die sich das ?Neue Haus? nennen.

Discovery Art Fair Frankfurt

In Frankfurt soll wieder eine Kunstmesse etabliert werden

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Mit der Discovery Art Fair soll in Frankfurt wieder eine Kunstmesse etabliert werden. 75 Aussteller aus 14 Ländern präsentieren sich. Es soll keine elitäre Kunstmesse sein. So gibt es Werke ab 50 Euro.

Begrüßt wird man vom nackten Mao, der mit seinem Bäuchlein auf einem Fernseher steht und die rechte Hand zur Begrüßung der Bevölkerung hebt. In der linken hält er einen goldenen Stein. „The Gesture“ heißt die Statue der chinesischen Künstler namens „Gao Brothers“ – eine Kritik an der neuen chinesischen Konsumgesellschaft. In ihrem eigenen Land dürfen die Gao Brothers ihre Kunst nicht zeigen.

Unweit des unbekleideten „Großen Vorsitzenden“ liegt ein sehr großes Spiegelei auf dem Boden, das mit Warnkegeln abgegrenzt ist. Keine Sorge, das Werk „Behütetes Spiegelei“ von Ralf Klement ist aus Holz, ausrutschen kann man darauf also nicht. An einer Wand hängt das Foto eines kleinen Mädchens, auf dessen Gesicht ein Stück Schinken liegt. Nur die Stellen für Nase und Augen sind ausgeschnitten. Ein echtes Schinkengesicht, also.

„Das war das Werbeplakat für die erste Berliner Liste, so hieß unsere Kunstmesse bislang“, erzählt Kurator Peter Funken. Diese Messe gibt es seit 15 Jahren und seit fünf Jahren in Köln. Jetzt soll sie auch in Frankfurt etabliert werden. Alle drei Messen laufen unter dem neuen Namen: „Discovery Art Fair“.

Vom heutigen Freitag an bis Sonntag können die Besucher Teil der Frankfurter Premiere im Forum der Messe sein: 75 Aussteller aus 14 Ländern sind gekommen, um auf 3000 Quadratmetern zeitgenössische Kunst zu präsentieren. Auch viele regionale Galerien und Künstler sind dabei. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Direktor Jörgen Golz und betont, dass bereits für November 2019 das Forum Messe für die nächste Dicovery Art Fair gemietet sei.

Das sagt er nicht ohne Grund. Schon in den 1990ern gab es mal den Versuch, eine Kunstmesse in Frankfurt zu etablieren. „Die Art Frankfurt setzte sich aber nicht durch. Auch die zweimaligen Versuche, sie wiederzubeleben, sind gescheitert“, erzählt Golz. Er und sein Team probieren es mit einem neuen Zugang: „Wir wollen keine zweite Art Basel sein, wie es bei der Art Frankfurt war. Die Discovery Art Fair ist keine elitäre Kunstmesse.“ Hier gibt es Kunst ab 50 Euro; so sollen Menschen angesprochen werden, die gerne Kunst kaufen möchten, aber eben nicht das „dicke Portemonnaie“ mitbringen“, betont Golz. Aber auch die mit der prallen Geldbörse werden fündig. Das teuerste Werk stammt von den Gao Brothers: „Miss Mao No.2“. Ein Mao mit Warze, Pinocchio-Nase und sehr großen Brüsten, weil er sich als Mutter der Nation verstand. Das kostet 70 000 Dollar.

Dazwischen gibt es aber preislich und künstlerisch ganz viel: von Fotografien über Malerei und Installationen bis zu UrbanArt. „Wir wollen zudem Künstlern, die nicht mit Galerien arbeiten, eine Plattform geben, sich zu präsentieren oder untereinander zu netzwerken“, sagt Golz.

Das Besondere bei ihrer Messe sie die Artist Section. Dort trifft man auf die Künstler - und kann direkt nachfragen, was denn mit diesem oder jenem Kunstwerk gemeint ist oder wie sie auf diese Idee kamen. Superspannend ist die „Installation 108“: 108 Briefkästen, die einst wirklich vor einem Wohnhaus im Ben-Gurion-Ring in Frankfurt-Bonames standen, schon ziemlich abgerockt waren, aus denen nun aber binnen zwölf Monaten Kunst gemacht wurde. In manchen Kästen finden sich Zeichnungen, andere sind angemalt. „abi = Bruder“ oder „Tattoo’s für alle“ hat zum Beispiel jemand mit Filzstift geschrieben. Eine Gruppenarbeit des Projekts „Das Neue Haus“: Geflüchtete und regionale Künstler haben in den Räumen des „Oststerns“ auf der Hanauer Landstraße daran gearbeitet.

Die Idee mit geflüchteten Künstlern zu arbeiten, hatte der Frankfurter Künstler Achim Ripperger, als er auf einen geflüchteten Künstler in einer Flüchtlingsunterkunft traf. „Ich merkte, wie viel es ihm bedeutete, dass er sich über seine Zeichnungen austauschen konnte. Außerdem bekam ich einen Eindruck, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, wie es mit einem weitergeht. Dieses ständige Warten wie im Transitbereich.“ Die Briefkästen ohne Häuser seien ein perfektes Bild für das Gefühl, nicht zu wissen, wo man hingehört. Also für Heimatlosigkeit.

Die Idee, eine Kunstmesse in Frankfurt zu etablieren findet er gut: „Hier gibt es das Museumsufer. Aber vielen ist nicht bewusst, dass es abseits davon coole, allgegenwärtige Kunst gibt. Bezahlbare Kunst, die einfach gut sein kann, auch wenn sie nicht im Museum hängt.“Etwas weiter trifft man auf den US-Amerikaner Bradley McMurray, der seit drei Jahren in Wiesbaden lebt. An der Wand hängen sehr große Spielzeug-Pistolen: Manche sind mit Sprüchen aus Kriminalfilmen wie „Hit Man“ versehen, andere mit flauschigem Kunstfell, pink oder im Tigerlook, umhüllt. „Die Leute sollen sich fragen: Kann Kunst bedrohlich sein? Kann sie mich verletzen?“, so der Künstler. Die „Pink Uzi“ kostet 3000 Euro. An einem anderen Stand bietet der Münchner Fabian Gatermann ein vergoldetes E-Bike-Rennrad für 45 000 Euro an. Drei Monate lang brauchte er, um es zu vergolden.

Bei der Galerie Barbara von Stechow aus dem Westend kann man Bilder des Städelschulabsolventen Angel Peychinov kaufen: Seine Audrey Hepburn gibt’s für 5900 Euro. Auch die 2017 gegründete Frankfurter Galerie „Der Mixer“ ist vertreten. Mitbegründer Thomas Sterna hat ein Werk geschaffen, das keiner Interpretation bedarf. In Leuchtröhrenschrift steht auf Leinwand: „Wohnzimmerbild.“

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