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Reporter Stillbauer schreibt gleich mal eine Verwarnung.

Stillbauer schafft

Verkehrspolizist für einen Tag

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FR-Reporter Stillbauer unterwegs mit der städtischen Verkehrspolizei: Knöllchen verteilen, mehrere Augen zudrücken und von allen Anwohnern geliebt werden.

So, höchste Zeit, dass mal wieder was geschafft wird. Die Stadt braucht mich. Dringend. Es gilt, den ruhenden Verkehr zu bändigen. Denn, halten Sie sich fest: 20.000 Mal im Jahr beschweren sich die Frankfurter bei der zuständigen Polizeidienststelle - über Knöllchen? Aber nein. Sie beschweren sich, weil die Polizei nicht kommt, obwohl jemand falsch parkt. Ein Fall für „Stillbauer schafft“.

Erst mal Lagebesprechung im Hauptquartier an der Kurt-Schumacher-Straße. Morgens um sieben geht die Schicht los, dann erfährt jeder, wo sein Einsatzgebiet liegt. „Wir sind die, die Knöllchen verteilen, abschleppen und den Verkehr regeln, wenn die Ampel ausfällt“, sagt Außendienstleiter Gert Heberer.

Fünf Wagen, 20.000 Anrufe im Jahr

An meiner Seite heute: Yvonne Müller, 32, die keineswegs Yvonne Müller heißt, aber als sie das letzte Mal mit ihrem richtigen Namen in den Medien war, hatte sie hinterher viel Freude mit Menschen, die ihr im Internet nachstellten. Anders ausgedrückt: das Gegenteil von viel Freude. Daher will sie diesmal lieber Yvonne Müller heißen. Na klar. Bevor‘s losgeht, holen wir das nötige Datenerfassungsgerät, mit dem wir Parksünder dingfest machen werden, bei dem Mann, der die Geräte verwaltet.

„Eins, bitte.“

„Eins.“

„Danke schön.“

„Bitte schön. So, noch mal kurz eine wischen ...“ (wischt mit einem Tuch das Gerät ab).

„Sehr nett.“

„O. k., alles gut.“

Unser Auto (ein echtes Polizeiauto - wenn mich jetzt meine bezaubernde Frau sehen könnte!) ist eines von fünf, mit denen wir auf die 20.000 Beschwerdeanrufe reagieren. Heberer: „Wie Hase und Igel.“ Ein Toyota-Hybrid, sacht schiebt er sich aus der Tiefgarage. „Wir fahren zu einer Verkehrsregelung am Marbachweg - auf dem Weg werden wir sicher einiges finden“, sagt Yvonne Müller am Steuer. Gut für mich: Fußstreife müsste ich allein gehen. Im Auto sind wir generell zu zweit.

Kaum erreichen wir die Erdoberfläche, geben die ersten Verkehrsteilnehmer kampflos ihre Vorfahrt für uns auf. „Ein schöner Nebeneffekt“, grinst Yvonne Müller. Sie kam 2008 zur Hilfspolizei, als manche Leute, aber nur noch ganz wenige, „Politesse“ zu den Damen sagten, die Falschparker verwarnen. Damals schloss sie sich zunächst der Gruppe der Leiharbeitnehmerinnen und -nehmer an, inzwischen zählt sie zu den Beamten und ist Chefausbilderin. Was hat sie ursprünglich gelernt? „Zahnmedizinische Fachangestellte. War nix für mich.“ Polizei schon eher. „Ich habe einen sicheren Arbeitsplatz, und mir macht das auch Spaß. Es gibt viele, die freuen sich, wenn sie uns sehen.“

Aber wir sind ja nicht zum Reden hier, sondern um Falschparker aufzuspüren. Und wen haben wir denn da an der Ecke Eschersheimer Landstraße und Holzhausenstraße? „Da haben wir einen“, sagt Yvonne Müller.

Und was für einen. Na, das hat er sich so gedacht - vor einer Bushaltestelle zu parken! Schon stehen wir daneben und schlagen auf kleinen Täfelchen den Tatbestand nach. „Das ist eine 141402“, sagt die Kollegin. Genauso würde ich das auch einschätzen. Parken im Haltestellenbereich - zehn Euro. Und da kommt er noch gut weg, der feine Herr Audi-Fahrer! (Ja, Herr - später, als wir wieder losfahren, erscheint er im Rückspiegel.)

Zunächst aber kommt ein Unbeteiligter und tut seine Meinung kund: „Hier kann man parken.“ Möglich, entgegnen wir, aber man darf halt nicht. 15 Meter rund ums Haltestellenschild: nö. „Das ist doch nur eine Ersatzhaltestelle“, insistiert der Mann, und man könne hier abends sowieso nirgendwo parken. Ja, wie denn nun? Kann man oder kann man nicht?

„Das ist eine Ersatzhaltestelle“, bestätigt Yvonne Müller sehr ruhig, „aber die U-Bahn kann ja jederzeit ausfallen.“ Dann ist erfahrungsgemäß ratzfatz der Schienenersatzverkehr da, und dann steht der Audi dem Bus im Weg, und dann kostet es übrigens direkt 15 Euro (mit Behinderung), und wenn er nach drei Stunden immer noch da steht: 20 Euro ohne, 30 mit Behinderung.

„Keine Parkplätze, das ist die Standardausrede“, sagt Yvonne Müller, während wir den Tatort fotografieren, Notizen zur Sachlage machen und den Strafzettel ausdrucken - alles mit diesem praktischen Datenerfassungsgerät, das zwar ein wenig aussieht wie 1980, aber hey: mit eingebautem Drucker! „Man muss sich halt überlegen: Möchte ich in Frankfurt wohnen? Möchte ich Autos für mich, meinen Partner und meine Kinder? Und erwarte ich dann auch noch, Parkplätze für alle direkt neben meiner Wohnung zu finden?“ Ja, wer Yvonne Müller bei der Arbeit zuhört, fragt sich unwillkürlich, warum nicht sie auf einem dieser OB-Wahlplakate abgebildet ist. Sie klingt eindeutig vernünftiger als 70 Prozent der Kandidaten.

Wir fahren auf der Eschersheimer zum Marbachweg. Da sind aber die Ampeln noch an, noch nichts zu regeln auf der Kreuzung. Kommen wir später wieder. Erst mal ins Wohngebiet, Parkverbrechen ahnden.

Wie läuft es so, generell, mit den Verkehrsteilnehmern? Wenn man Gert Heberer fragt: bedrohlich. „Es ist leider sehr deutlich zu sehen, dass die Aggression zunimmt, das Enthemmte.“ Polizisten würden angegriffen, angefahren mit dem Auto. Das Klima: rau. „Es herrscht eine gewisse Respektlosigkeit, dieses Ich-Ich-Ich.“ Häufig müssten Kollegen die Ordnungspolizei hinzurufen. Wenn es hart auf hart kommt, dürfen Verkehrspolizisten aber auch selbst eingreifen - sie müssen sogar. Dienstwaffe ist das Pfefferspray. Immerhin: Nur ein einziges Mal in zehn Jahren habe eine Mitarbeiterin das Spray benutzen müssen, sagt Heberer. Sie war zwischen zwei Gruppen geraten, deren Streit eskalierte.

Weiter zum nächsten Tatort. Apropos - Yvonne Müller hat mal mit den Frankfurter Ermittlern vor der Kamera gestanden. Sie half Oberkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) entscheidend, den Täter zu ermitteln. Ihre Karriere hat das nicht befeuert. Muss auch nicht sein, sagt sie. Es gebe zwar die Chance, sich zur Ordnungspolizei zu bewerben. Da haben sie richtige Pistolen. „Aber für mich wäre das nichts. Mit der Waffe, die ich trage, kann ich maximal jemanden verletzen, nicht töten.“

Den ganzen Tag über findet sich auch niemand, den man töten müsste. Im Gegenteil. Die Leute sind herzenslieb zu uns, manche freuen sich riesig, dass wir Knöllchen verteilen, andere nicht so sehr, sind aber einsichtig. Beziehungsweise etwas töricht: Auf der Flensburger Straße in Eckenheim fährt einer mit seinem frisch verwarnten Auto los (eine astreine 141312, Parken im uneingeschränkten Halteverbot) und passiert uns Polizisten mit dem Handy am Ohr. Also an seinem Ohr. Da gibt‘s gleich noch eine Gardinenpredigt obendrauf.

In der Wohnsiedlung stehen überall Autos im Halteverbot, und nur wer eilig herbeirennt, wie der junge Vogelsberger mit seinem Regenbogenfarbenschirm, und sich artig entschuldigt, kommt bei uns noch mal ungeschoren davon. „Ich bin kein Unmensch“, sagt Yvonne Müller. „Ich frage mich im Zweifelsfall: Ist das schlimm, was der Autofahrer gemacht hat? Und wenn einer am Krankenhaus parkt und mir erklärt, dass er sein krankes Kind gebracht hat, dann nehme ich auch mal einen fertigen Vorgang wieder raus. Aber nicht, wenn mir einer schöne Augen macht und Fußgänger oder Radfahrer gefährdet hat. Da drücke ich kein Auge zu.“

So, zurück am Marbachweg. Jetzt regeln Frau Schmidt und Herr Schulze (die weder Frau Schmidt noch Herr Schulze heißen) den Verkehr, denn an der Ampelanlage wird gebastelt. Das machen sie souverän. „Siehst du Brust oder Rücken, musst du auf die Bremse drücken“, zitiert Müller die alte Schupo-Regel.

Sie regelt gern, sie schätzt a) die Harmonie, wenn es klappt, und b) die gute Gelegenheit „mal jemanden anzuscheißen“, wenn nicht. In Frankfurt wüssten Autofahrer aber Bescheid, wie es an einer menschengeregelten Kreuzung läuft, anderswo werde das oft gar nicht mehr praktiziert.

Clint Eastwood hätte schon gezogen

Von links kommt plötzlich ein Rentner meiner Kollegin ungebührlich nahe (Clint Eastwood hätte schon gezogen), fragt, ob eine Autofahrerin oben ohne theoretisch am Verkehr teilnehmen darf, wird von uns beiden eiskalt weggelächelt, zerspringt in tausend Eisstücke, nein, aber verzieht sich irgendwann endlich. Ob solche Anzüglichkeiten öfter passieren? Schon, sagt Yvonne Müller und erzählt vom regelmäßigen Training beim Personal- und Organisationsamt, Handballenschlag und so, aber nur, um Angreifer auf Distanz halten und sich selbst in Sicherheit bringen zu können. „Ich glaube immer zuerst an das Gute im Menschen“, sagt sie, „und mir ist noch nie was passiert.“

Dann fahren wir auf die Braubachstraße und schreiben noch ein paar Parkscheinsünder auf. Schwierige Gegend. Viele Lieferwagen mit Handwerkergenehmigung. Und ein blauer Mercedes auf ungeklärtem Terrain im Baustellenbereich, mit undurchschaubaren Kreidemarkierungen auf den Reifen und einem Zettel auf dem Armaturenbrett: „Ich bin gleich da, bitte rufen Sie mich an“, Handynummer. „Wieso der nie einen Strafzettel kriegt, ist mir ein Rätsel“, sagt ein Passant. „Der parkt immer hier, der wohnt da drüben“, sagt der nächste. Nur ans Telefon geht er nicht. Ein mysteriöser Fall. Aber den muss Yvonne Müller ein andermal lösen.

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