Zwei Generationen Attac: Werner Rätz (r.) ist von Anfang an dabei, Nicolas Odenwälder stieß nach den IAA-Protesten im vergangenen Jahr dazu. Foto: peter-juelich.com
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Zwei Generationen Attac: Werner Rätz (r.) ist von Anfang an dabei, Nicolas Odenwälder stieß nach den IAA-Protesten im vergangenen Jahr dazu. 

Globalisierungskritik

20 Jahre Attac: Einsatz für eine gerechtere Welt

  • Hanning Voigts
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Attac feiert sein 20-jähriges Bestehen. Die NGO setzt sich für fairen Welthandel und eine andere Finanzpolitik ein und steht vor einem Generationenwechsel.

Zwanzig Jahre, das ist einerseits lange her und andererseits ganz nah dran, zumindest wenn Werner Rätz davon erzählt, wie das so war damals im Januar 2000. Rätz war einer der Ersten, die damals bundesweit die Gründung einer neuen Organisation vorantrieben, eines Netzwerks, das der globalisierungskritischen Bewegung mit Protesten und Bildungsarbeit eine Stimme verleihen sollte. Der zentrale Slogan sei ganz simpel gewesen, sagt der 68-jährige Autor und Aktivist: „Es gibt eine Alternative“.

Idee zu Attac entstand nach G20-Gipfel 

Man sei nämlich um das Jahr 2000 „aus der bleiernen Stimmung der 90er Jahre“ gekommen, sagt Rätz, aus der Zeit, in der die Deregulierung der Finanzmärkte, Privatisierungen und das Zurückfahren sozialer Sicherungssysteme als zeitgemäß galten und das Mantra „There is no alternative“ (Tina) allgegenwärtig war. Aber in sozialen Bewegungen, in der außerparlamentarischen Linken, in Umweltorganisationen gärte es. Irgendwann nach den Protesten gegen den G8-Gipfel 1999 in Köln habe die Idee für ein neues Bündnis in der Luft gelegen, sagt Rätz.

Rund 130 Menschen waren es letztlich, die im Januar 2000 in Frankfurt beschlossen, ein „Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte“ zu gründen, das sich kurz danach der 1998 in Frankreich gegründeten NGO Attac anschloss. Attac ging auf eine Idee des spanischen Journalisten Ignacio Ramonet zurück, der sich für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer ausgesprochen hatte. Diese Steuer sei damals so etwas wie ein gemeinsames Minimalprogramm gewesen, sagt Rätz: „Zumindest das kann man doch machen.“

Attac wurde in Frankfurt gegründet 

Und doch ging es beim deutschen Attac-Ableger, der immer eine Frankfurter Pflanze war und seit 2002 seine Bundeszentrale in der Stadt betreibt, um mehr als die Besteuerung von Finanzspekulationen und großen Vermögen. Fairer Welthandel, globale Gerechtigkeit, Migration, Konsumkritik und die Privatisierung öffentlicher Infrastruktur standen von Anfang an auf dem Programm – und die Frage, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln solle. Eine der ersten eigenen Kampagnen richtete sich gegen die sogenannte Riester-Rente. „Damals waren wir die Einzigen, die dagegen waren“, erinnert sich Werner Rätz. Die Idee, Arbeitnehmer dazu zu bewegen, ihren Lohn auf den Finanzmärkten anzulegen, sei seinerzeit kaum kritisiert worden. „Wir haben schon sehr früh vor Entwicklungen gewarnt, die andere nicht gesehen haben“, sagt Rätz.

Nicolas Odenwälder kennt die Anfangszeit nur aus Erzählungen. Und doch war es für den 28-Jährigen, der in Frankfurt Friedens- und Konfliktforschung studiert und seit einem knappen Jahr bei Attac aktiv ist, naheliegend, sich in dem Netzwerk zu engagieren. Er sei über die Proteste gegen die IAA im September vergangenen Jahres zu Attac gestoßen, sagt Odenwälder. Die Arbeit im Bündnis „Sand im Getriebe“, das die Zugänge zu der Automesse teilweise blockierte, sei für ihn eine „eindrückliche, beeindruckende und empowernde Erfahrung“ gewesen, sagt Odenwälder. Er habe auf der Straße erlebt, dass viele Menschen mit der aktuellen Politik nicht einverstanden seien.

Attac kämpft gegen Klimawandel

Odenwälder steht für die junge Generation bei Attac, die neue Fragen und Impulse mitbringt. Wie viele junge Leute interessiert er sich für das Thema Klimagerechtigkeit, also nicht nur für den Klimawandel, sondern auch für die Frage, warum besonders der globale Süden, der wenig zum weltweiten CO2-Ausstoß beigetragen hat, unter seinen Folgen am meisten leiden muss. Die Klimapolitik sei ein gutes Beispiel für die Widersprüchlichkeit von Regierungshandeln, sagt Odenwälder. CDU und SPD sprächen ständig von der Last kommender Generationen, wenn es um ausgeglichene Staatsfinanzen gehe, sagt er. „Aber wenn man sich die Folgekosten unserer Klimapolitik ansieht, scheint mir das extrem schizophren zu sein.“

Odenwälder findet es wichtig, angesichts der Klimakrise über ganz neue Formen des Wirtschaftens nachzudenken. „Unser Wirtschaftssystem braucht ständiges Wachstum“, sagt er. „Und man muss kein Mathematiker sein, um zu sehen, dass die Ressourcen auf unserem Planeten endlich sind.“ Es brauche nichts weniger als eine sozialökologische Transformation der Gesellschaft. Und dazu gebe es bei Attac „extrem viel Expertise“. Das Netzwerk biete für ihn außerdem einerseits den basisdemokratischen Schwung sozialer Bewegungen und andererseits professionelle Strukturen und eine Schnittstelle in die Welt der NGOs und Parteien, sagt Odenwälder. Das sei sozusagen „das beste aus beiden Welten“. Und man könne als Neuling „sofort extrem viel machen und sehr schnell Verantwortung übernehmen, wenn man das möchte“. Aktuell befasse man sich bei Attac mit Klimapolitik, der Notwendigkeit einer Verkehrswende und der Zukunft des Mietmarkts, berichtet Odenwälder – alles zentrale Zukunftsthemen der Zeit.

Attac-Netzwerk mit 29.000 Mitgliedern 

Eine Finanztransaktionssteuer hat Attac auch 20 Jahre nach seiner Gründung nicht durchsetzen können. Und trotzdem habe man in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel erreicht, findet Werner Rätz. „Dass man heute weiß, dass es Alternativen gibt, hat ganz viel mit unserer Existenz zu tun.“ Dass mittlerweile auf höchster Staatsebene über einen Ausstieg aus der Kohle diskutiert werde, sei vor 20 Jahren beispielsweise noch undenkbar gewesen. Und dass große Kapitalmassen, die auf dem ganzen Globus verzweifelt nach lukrativen Anlagemöglichkeiten suchten, ein Problem darstellten, wisse heutzutage auch jeder. Konkrete Erfolge habe man nebenbei auch vorzuweisen: Auch aufgrund einer massiven Attac-Kampagne sei etwa die Bahn nie privatisiert worden, sagt Rätz.

Für die Zukunft müsse das Netzwerk, dem aktuell rund 29 000 Menschen und viele Organisationen angehören, vor allem überlegen, welche Schwerpunkte man setze und wie man einen Generationswechsel organisieren könne: Viele Aktivistinnen und Aktivisten seien wie er schon sehr lange dabei, sagt Rätz.

Attac im Kampf gegen den Klimawandel 

Nicolas Odenwälder findet, dass Attac seine Möglichkeiten der Vernetzung mit anderen NGOs und der Politik noch nicht ausschöpfe – und gerade bei Themen wie Feminismus oder dem aktuellen Rechtsruck merke man auch, dass die jüngeren Attac-Mitglieder teils anders tickten. Dass der Kampf gegen den Klimawandel zugleich antifaschistisch und feministisch sein müsse, sei für die meisten junge Aktivistinnen und Aktivisten sonnenklar. Werner Rätz widerspricht. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass der Prozess der Globalisierung auch nationalistische Bewegungen auf den Plan ruft“, gibt er zu bedenken. „Krisenhafte Prozesse lösen immer auch Angst und Vorschläge für autoritäre Lösungen aus.“ Das sei alles nicht neu. Und auch auf Parität der Geschlechter auf gewählten Posten und quotierte Redelisten achte man bei Attac von jeher.

Nicolas Odenwälder nickt, lächelt und sagt dann, manchmal gebe es bei Attac eben auch interne Auseinandersetzungen. Das sei im Grunde ja auch nicht schlimm. „Demokratie ist halt auch anstrengend.“

20 Jahre Attac

  • 1997 fordert der Journalist Ignacio Ramonet in der Zeitung „Le Monde diplomatique“ die Gründung einer NGO, die sich für eine Finanztransaktionssteuer einsetzt. Im Sommer 1998 wird die „Association pour une taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens“ (Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse aller Bürger), kurz Attac, gegründet. 
  • 2000 wird Attac Deutschland in Frankfurt von Mitgliedsorganisationen und Einzelpersonen gegründet. Die NGO will über Proteste, Bildungsarbeit und Expertisen neoliberale Wirtschaftstheorien kritisieren und die globalisierungskritische Szene vernetzen. 
  • 2001 Durch die Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua, bei denen der Italiener Carlos Guiliani von Polizisten erschossen wird, wird Attac breiter bekannt. 
  • 2002 Attac eröffnet sein Bundesbüro in Frankfurt und nimmt am zweiten Weltsozialforum in Porto Alegre in Brasilien teil. 
  • 2004 Attac protestiert unter anderem gegen die Hartz-IV-Reformen und gegen Sozialabbau. 
  • 2006 Die Attac-Kampagne „Bahn für alle“ protestiert gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn. 
  • 2007 Attac ist an den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm beteiligt. Kurz danach beginnt die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise. 
  • 2012 Attac ist Mitbegründer des kapitalismuskritischen Blockupy-Bündnisses, das an die Occupy-Bewegung anschließt und bis zur Eröffnung der neuen Europäischen Zentralbank im März 2015 mehrfach zu Protesttagen gegen die Eurokrisen-Politik in Frankfurt aufruft. Zehntausende kommen, die Auseinandersetzungen um die Proteste beschäftigen ganz Frankfurt intensiv. 
  • 2017 G20-Gipfel in Hamburg. Attac beteiligt sich am Alternativgipfel und den Massenprotesten. 
  • 2018 Aktivisten von Attac besetzen einen Tag die Paulskirche, um unter dem Motto „Her mit der Demokratie“ über Migration, den erstarkenden Rechtspopulismus und die Gefahr für die deutsche Demokratie zu diskutieren.

Von Hanning Voigts

Der globalisierungskritischen Organisation Attac wurde die Gemeinnützigkeit aberkannt. Die Grünen fordern in dieser Hinsicht eine klare Regelung für Initiativen und Vereine. Ein neues Gutachten sorgt jetzt für Hoffnung bei Attac

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