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Armin von Ungern-Sternberg: Viele Leidenschaften, viele Perspektiven

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Von: Timur Tinç

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Armin von Ungern-Sternberg hat schon viele berufliche Schritte gemacht, hier vor der aktuellen Stätte seines Wirkens.
Armin von Ungern-Sternberg hat schon viele berufliche Schritte gemacht, hier vor der aktuellen Stätte seines Wirkens. © Peter Jülich

Armin von Ungern-Sternberg leitet seit zehn Jahren das Amt für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt. Er arbeitet hinter den Kulissen am gesellschaftlichen Fortschritt in der Stadt.

Armin von Ungern-Sternberg liebt es, Gespräche zu führen. „Ich versuche mir ständig vor Augen zu führen, welche Perspektiven es gibt“, sagt der Leiter des Frankfurter Amts für multikulturelle Angelegenheiten (Amka). Dabei spricht er von „Perschpektiven“. Der badische Anklang ist ein Überbleibsel aus seiner Studentenzeit in Freiburg. Geboren ist der 52-Jährige in München. Das Einzige, was ihn als Bayer erkennbar macht, ist die traditionelle Janker-Jacke, die er gerne trägt.

In seinem Büro im 4. Stock des Zentrums Stadtraums sitzt er in einem neutralen Jackett. Von Ungern-Sternberg hat sich sechs, sieben handschriftliche Seiten Notizen über seinen persönlichen Werdegang auf den großen Schreibtisch gelegt. „Es ist auch eine Art Zwischenstand für mich“, erklärt er die akribische Vorbereitung. Vor genau zehn Jahren – im November 2012 – hat er die Leitung des Amka übernommen. Das Personal hat sich in der Dekade von 25 auf fast 70 nahezu verdreifacht, wenn man drittfinanzierte Jobs, Volontär:innen und Praktikant:innen dazuzählt.

Von Ungern-Sternberg hat in Germanistik, Geschichte und Anglistik promoviert

Das Amt ist dabei im permanentem Wandel begriffen. Er als Amtsleiter müsse die „Antennen“ ausfahren und in die Stadt hineinhorchen. „Wir müssen verstehen, welche Anliegen in der Zivilgesellschaft bestehen und müssen die ins System transferieren und zurückspielen“, erklärt er die Anforderungen. Eine anspruchsvolle Rolle, die sehr viel diplomatisches Geschick, Wissen und Empathie erfordert. „Ich versuche, stark adaptionsfähig zu bleiben und ganz viel aufzunehmen, weil unglaublich viel passiert“, sagt von Ungern-Sternberg.

Deshalb ist die Kommunikation mit Menschen aus diversen Communitys das A und O sowie das Lesen von Büchern aus unterschiedlichsten Bereichen. „Man braucht viele gute Leidenschaften“, sagt er schmunzelnd. Zum Ausgleich fotografiert er gerne mit analoger Kamera, „weil es so schön nonverbal ist“ im Gegensatz zum Reden, Lesen und Schreiben im Beruf.

Von Ungern-Sternberg hat 1996 in Estland doziert

Von Ungern-Sternberg hat an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und am St. Peters College in Oxford „alles studiert“, seinen Magister in Geschichte gemacht. Promoviert hat er in Germanistik, Geschichte und Anglistik an der Universität Freiburg im Jahr 2000. In seiner Studentenzeit hat er als Lektor beim Verlag Rombach in den Geisteswissenschaften gearbeitet und war Verlagsvolontär beim Verlag C. H. Beck. Zwischenzeitlich war er für ein Semester Gastdozent für deutsche Literaturgeschichte an der Universität Tartu in Estland. Das war ihm persönlich sehr wichtig.

Die von Ungern-Sternbergs sind ein deutsch-baltisches Adelsgeschlecht. 1990 war er das erste Mal im Jahr in Tallinn. „Da bin ich mitten in die Unabhängigkeitsbewegung reingekommen.“ 1996 kam er nach seinem Magister in das Land seiner Vorfahren zurück, um zu lehren und die Sprache zu lernen. An einer Wand in seinem Büro hängt ein auf den ersten Blick unscheinbares Bild. Schwarz-weiße Gitter und darüber ein Hauch von blauem Himmel.

An seinem Büro hängt ein Panoramafoto von der Versenkung der Statue des Sklavenhändlers Edward Colston

Die Farben Estlands. Es stammt aus dem Jahr 1977. „Es war eine politische Aussage und damals in der Sowjetunion verboten“, erklärt von Ungern-Sternberg. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat er das Bild öfter angeschaut. Es hat Erinnerungen geweckt. „Wo wir heute stehen, hat historische Entwicklungen, und was wir heute anschieben, hat Nachwirkungen.“

Die Dimensionen von Ereignissen faszinieren von Ungern-Sternberg, der mit einer Britin verheiratet ist und eine Tochter hat. In seinem Büro hängt das Originalflugblatt vom Sturm auf die Konstablerwache von 1833 – gezeichnet von einem französischen Künstler. „Interkulturell gefiltert“. An der Wand neben der Tür hängt eine großes Panoramafoto aus der „New York Times“ aus dem Juni 2020, das zeigt, wie die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in den Fluss Avon in Bristol versenkt wird.

2008 fing er im Büro von der ehrenamtlichen Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg an

Von Ungern-Sternberg bekam die Datei vom Fotografen, den er über die sozialen Medien angeschrieben hat, gegen eine Spende für eine NGO, die queere Flüchtlinge unterstützt. Er hat es groß auf Alu-Dibond ziehen lassen. Auf dem Foto beobachten die Umstehenden den Sturz der Statue durch ihre Handykameras und tragen coronabedingt eine Maske. Ein junger Mann ist einen Mast hochgeklettert und hält seine Handykamera mit einer ausladenden Bewegung auf die Menge. Diese „Figur“ erinnerte von Ungern-Sternberg an eine aus dem Gemälde des Ballhausschwurs in der Französischen Revolution.

Eine Assoziation, die wahrscheinlich den wenigsten in den Sinn gekommen wäre. Den Bogen von A nach B zu schlagen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, das hat sich Armin von Ungern-Sternberg zunächst bei der gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Frankfurt angeeignet. Ab dem Jahr 2000 arbeitete er als Projektleiter für Europäische Integration in Mittel- und Osteuropa. Er lernte zwischen Leuten zu vermitteln, die untereinander ähnliche Probleme hatten. „Es gibt immer irgendwelche Schnittmengen. Es lassen sich immer gemeinsame Probleme beschreiben. Eine Wirklichkeit, die von allen Seiten gleich aussieht, ist ein Nonsens“, sagt er.

Die erste große Aufgabe in Frankfurt war die Erstellung des Integrationskonzept

Eine Weisheit, die damals wie heute gilt. Er organisierte in einem Programm Praktika für Studierende aus den Frankfurter Partnerstädten Krakau, Prag und Budapest in den Ämtern der Stadt. „So habe ich auch Frankfurt durch die Augen anderer kennengelernt“, erzählt von Ungern-Sternberg. Und so kam er dann 2008 zunächst ins Büro der damals ehrenamtlichen Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne).

Die erste große Aufgabe: ein Integrationskonzept aufsetzen, das die Stadt bislang nicht hatte. Nach großem Ringen und unter der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern – „wir haben 45 000 Leute erreicht“ – wurde es zwei Jahre später von der Stadtverordnetenversammlung verabschiedet. „Stufe drei der Integrationspolitik“ nannte von Ungern-Sternberg es seinerzeit, wenn Bürger:innen Toleranz üben und lernen, mit dem vermeintlich Fremden umzugehen.

Staatsbürgerschaft: „Wir werden jetzt dieselben Debatten führen wie vor zehn Jahren“

Rein oberflächlich betrachtet, findet von Ungern-Sternberg, dass sich seit seiner Amtsübernahme in den vergangenen zehn Jahren „erstaunlich wenig verändert hat“. Vor allem bei großen Themen wie doppelte Staatsbürgerschaft und Einwanderung. „Wir werden jetzt dieselben Debatten führen wie vor zehn Jahren – mit einem Unterschied. Vor 15 Jahren wurde gesagt: ,Wir sind kein Einwanderungsland‘. Jetzt heißt es: ,Als Einwanderungsland brauchen wir‘ …“

Auf seinem Computer hat er noch eine Power-Point-Präsentation aus dem Jahr 2009, wo er ausführt, dass Deutschland zukünftig eine Netto-Einwanderung von 300 000 Leuten brauchen und das diese nicht aus Europa kommen wird, weil es die demografische Entwicklung hergibt. Mittlerweile wird von 400 000 Menschen gesprochen. Auch das sich die Gesellschaft nicht mit der Mehrsprachigkeit von Menschen als Chance beschäftigt, kann er nicht nachvollziehen.

Sein Motto: „Verfolge keine Ziele, sondern Ergebnisse“

Gesellschaftlicher Fortschritt ist mühselig und, um Sachen wirklich voranzutreiben, auch abhängig von politischen Mehrheiten. „Die Früchte deiner Arbeit wachsen auf den Bäumen anderer Menschen“, zitiert von Ungern-Sternberg einen Spruch aus dem Management. Und – ebenfalls Manager-Sprech: „Verfolge keine Ziele, sondern Ergebnisse.“ Er und das Amka müssten die Stadt deshalb in einer Weise kennen, wie sie weder die Zivilgesellschaft, noch die Wissenschaft kenne.

Dafür braucht es ganz viel Leidenschaft und viele unterschiedliche Perspektiven. Und die gibt es mit ganz vielen Gesprächen. Armin von Ungern-Sternberg liebt es, sie zu führen.

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