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Die Hauptwache im Jahr 1955.

Ausstellung in Frankfurt

Die Bausünden der 70er

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Eine Ausstellung in Frankfurt stellt deutsche Plätze in den 1950er Jahren und ihre heutigen Versionen gegenüber. Noch bis 16. Mai kann die Wanderausstellung im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend besichtigt werden.

Wo heute an der Hauptwache ein Graben klafft, der zur B-Ebene hinabführt, standen in den 50er Jahren noch Pavillons mit kleinen Geschäften. Die Bahn fuhr noch oberirdisch daran vorbei, auch Autos, die umherliegenden Gebäude waren noch mit viel mehr Leuchtreklame verziert. Der direkte Vergleich mit dem heutigen Ort zeigt, wie karg und steril die Hauptwache wirkt. Auch wenn sie seit Jahren vom Verkehr beruhigt ist – ein richtiger Platz ist sie nicht.

Die Gegenüberstellung ist in der Wanderausstellung „Plätze in Deutschland 1950 und heute“ zu sehen, die bis zum 16. Mai im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend gastiert. 27 Plätze aus verschiedenen Städten werden gezeigt, einmal aus früherer, einmal aus heutiger Sicht. Konzipiert wurde sie vom Frankfurter Architekten Christoph Mäckler und Birgit Roth am Deutschen Institut für Stadtbaukunst der Technischen Universität Dortmund.

Zerstörung nach dem Krieg

Mäckler hat das Institut vor zehn Jahren gegründet, um den künstlerischen Charakter des Städtebaus zu fördern und zu erforschen. Daraus ist die Idee für die Ausstellung entstanden. Anlass dazu hat Mäckler der Bahnhofsvorplatz in Frankfurt gegeben, den der Architekt mit den Worten „Hässlichkeit“ und „Chaos“ beschreibt. Als er aber davon ein Bild aus der Nachkriegszeit gesehen habe, sei er erschrocken gewesen: Obwohl es damals auch nicht weniger Verkehr gegeben habe, sei der Platz ansehnlicher gewesen. „Die Zerstörungen haben nach dem Krieg stattgefunden“, sagt Mäckler.

In den 70ern seien sie von Stadtplanern verbrochen worden, die von Architektur keine Ahnung und an Gestaltung kein Interesse gehabt hätten. „Öffentliche Räume wurden zu stark vernachlässigt“, sagt Mäckler. Heutige Plätze böten nicht mehr das, „was wir lieben“. Von solchen Bausünden zeugt die Ausstellung. Es ist deutschlandweit das gleiche Phänomen zu sehen: Prächtige Altbauten sind nüchternen, auf Funktionalität ausgerichteten Klötzen gewichen; statt Räume für Menschen zu schaffen, wurden brachiale Hochstraßen für Autos und breite Schneisen für Bahngleise in die Landschaft gesetzt. In Freiburg wurde die Sicht auf die Altstadt mit einem gläsernen Hochhaus zugebaut, in Oldenburg sind Wasser und Boote zugunsten einer Straße verschwunden. Allein der Berliner Alexanderplatz ist seit dem Krieg eine Wüste gewesen, an der sich bis heute trotz moderner Bebauung nicht viel geändert hat. Viele Plätze sind gar nicht mehr wiederzuerkennen – wenn man überhaupt noch von Plätzen sprechen kann. Denn es fehlt an klarer Struktur, ansprechender Ästhetik und der viel beschworenen Aufenthaltsqualität.

„Wir wollten eine Ausstellung machen, die jeder versteht“, sagt Mäckler. „Deshalb haben wir bewusst auf Erklärungen verzichtet.“ Einzig mit einem Zitat von Aristoteles ist die Galerie eingeleitet: „Eine Stadt soll so gebaut sein, um die Menschen sicher und zugleich glücklich zu machen.“ Mäckler und eine Reihe seiner Kollegen haben bereits im Jahr 2014 in der „Kölner Erklärung“ gefordert: Städtebau soll wieder mehr auf die Qualität der entstehenden Stadträume ausgerichtet werden, statt dass die Teildisziplinen aneinander vorbei planen.

Diesen Appell an die zeitgenössische Stadtplanung hat auch die Wanderausstellung. Schöne Plätze gibt es laut Mäckler weder in Frankfurt noch sonstwo in Deutschland. Der viel gescholtene Goetheplatz ist für ihn eines der „schrecklichsten Beispiele“. Was aber macht einen guten Platz aus? Laut Mäckler gehören dazu der Raum, den die umstehenden Häuser bilden, gute Proportionen, aber auch eine gemischte Nutzung mit Gewerbe. „Wir müssen eine Selbstverständlichkeit in den Städtebau hineinbringen“, sagt Mäckler. Plätze sollen nicht mehr dem Geschmack ihrer Designer entsprechen. „Sie müssen jedem gefallen.“

„Plätze in Deutschland 1950 und heute“, bis 16. Mai, Foyer des IG-Farben-Gebäudes, Campus Westend, Norbert-Wollheim-Platz 1. Eintritt frei.

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