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Ariane Mnouchkine erhält den Goethepreis

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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© dpa

In Abwesenheit ehrt die Stadt Frankfurt die französische Regisseurin Ariane Mnouchkine mit dem Goethepreis. Mnouchkine bedankt sich mit einer Videobotschaft.

Da sitzt sie nun, auf den Stufen eines schlichten japanischen Holzhauses, und spricht zu ihrem Publikum Tausende von Kilometern entfernt im Frankfurter Kaisersaal. Ariane Mnouchkine, die große alte Dame des Welttheaters, ist tatsächlich nach 50 Jahren noch einmal dorthin zurückgekehrt, wo die spirituellen Wurzeln ihrer Arbeit lagen. Nach Japan. Und deshalb kann die 78-Jährige nicht in Frankfurt sein, um dort mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet zu werden. Sie sendet eine Video-Botschaft. Es ist das erste Mal in Jahrzehnten, dass die höchste Frankfurter Auszeichnung nicht persönlich entgegengenommen wird.

Wer die Rede der Theatermacherin und Filmregisseurin erlebt, begreift, wie wichtig ihr der Aufenthalt in Japan ist. „Zurückzukehren nach Japan, für eine längere Zeit und ohne jede Verpflichtung, das bedeutete für mich, die Spuren einer sehr weit zurückliegenden Reise vor 50 Jahren zu verfolgen, die meine Berufung endgültig besiegelte und für immer das Theaterschaffen der Gruppe beeinflusste, die ich nach meiner Rückkehr mit meinen Freunden gründen sollte.“

So war es. 1964 hatte die Studentin mit Kommilitonen in Paris das „Théâtre du Soleil“ gegründet, nach den Erfahrungen einer Fernost-Reise, die sie unter anderem mit dem traditionellen japanischen No-Theater bekanntmachte. Seit dieser Zeit hat Mnouchkine an ihrem künstlerischen Universum gebaut, gemeinsam mit ihrem Theaterkollektiv, gegenwärtig etwa 35 Schauspielerinnen und Schauspielern aus aller Welt. 23 Theaterstücke sind so entstanden und zehn Filme, darunter monumentale wie etwa der vierstündige „Molière“ von 1978, der am heutigen Dienstag in der Naxos-Halle gezeigt wird.

In der Grußbotschaft der großen Theatermacherin schwingt Abschied mit. „Entweder verleiht diese Reise mir die Kräfte zu einem letzten neuen Werk oder gibt mir den Mut zu einem gelassenen Verzicht und zu einer wohlgeleiteten und wohlwollenden Übergabe, aus der dann eine andere Begeisterung entspringen kann.“

Das „Théâtre du Soleil“ ohne seine Gründerin? Der Theaterwissenschaftler Rembert Hüser von der Goethe-Universität geht in seiner Laudatio auf diese Perspektive nicht ein. Er entwirft in seiner mit Verweisen, Zitaten und Assoziationen gesättigten Rede das Porträt einer Frau, die „Spezialistin für Explosives“ sei, die eine Initialzündung für das Theater bedeutet habe. Ein Spiel auch mit dem Ort der Pariser Bühne, einer ehemaligen Cartoucherie, eben einer Halle, in der Zünder für Kanonen gefertigt wurden. Das Theater Mnouchkines treibe an, mische sich ein in gesellschaftliche Konflikte.

„Wie kann man den Antrieb dieses Theaters weiterführen?“, fragt der Wissenschaftler vom Institut der Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität. Und er blendet über zu den Auseinandersetzungen beim G20-Gipfel in Hamburg, zum „schwarzen Block der Polizei“ und der weißen Frau, die ihm gegenübergestanden habe: „Wie würden wir die Geschichte der Gegenwart erzählen?“

Das Theater Mnouchkines speise sich auch aus der Revolte des Jahres 1968, aus einem „anderen Umgang mit Autoritäten“, der damals entstanden sei.

In ihrer Botschaft aus Japan bedankt sich die Theatermacherin bei Frankfurt für die Auszeichnung, auch im Namen von Hunderten „von Schauspielerinnen, Schauspielern, Musikern, Malern, Bildhauern, Nähern, Köchen, Bühnen-, Gebäude- und Verwaltungstechnikern“. Sie alle haben im Laufe der Zeit zum Kollektiv gehört.

Und sie dankt für das Geld – denn der Goethepreis ist mit 50 000 Euro dotiert. „Für eine Gruppe von Künstlern ist eine solche Summe nicht irgendetwas – es bedeutet ein Stückchen Zeit“. Großer Beifall im Kaisersaal, als das Video aus Japan erlischt.

François Duplat vom „Théâtre du Soleil“, der seit den 70er Jahren mit Mnouchkine zusammenarbeitet, belässt es bei einigen kurzen, ironischen Bemerkungen. „Das hier ist ein Ritual“, sagt er, „Ariane hätte es geliebt, sie liebt Rituale.“

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