Intendant Claus Helmer im Bühnenbild von „Chaos auf Schloss Haversham“, das derzeit aufgeführt wird.
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Intendant Claus Helmer im Bühnenbild von „Chaos auf Schloss Haversham“, das derzeit aufgeführt wird.

Intendant Claus Helmer

„Die ersten Besucher bezahlten mit Kartoffeln“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Claus Helmer, Intendant des Fritz-Rémond-Theaters, spricht im Interview über den 70. Geburtstag des Hauses, Männer-Striptease und die Zukunft. (FR+)

Herr Helmer, am 4. Januar 1947 war Frankfurt am Main noch von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gezeichnet. Viele Menschen lebten in Not. Es ist schwer vorstellbar, wie Fritz Rémond in dieser Situation den Mut fand, ein Theater zu gründen.
Ich glaube, es war die Liebe zum Theater. Rémond hatte vorher bereits mit einer ganz frühen Lizenz der US-Besatzungsbehörden ein Theater in Bad Tölz eröffnet. Das war am 19. Oktober 1945. Er war einer der Ersten in Deutschland, der die Erlaubnis bekommen hatte, wieder Theater zu spielen.

Rémond selbst war Schauspieler und Regisseur. Der legendäre Zoodirektor Bernhard Grzimek soll ihm geraten haben, doch im Frankfurter Zoo ein Theater anzusiedeln ...
Ja, das ist richtig. Die beiden waren befreundet und sprachen viel miteinander. Und so kam das einzige Theater der Welt zustande, das in einem Zoo liegt. Das ist einzigartig.

Ein Theater zu gründen, war ein immenses wirtschaftliches Risiko.
Es war eine ganz außergewöhnliche Situation. Sie müssen sich vorstellen: Die Menschen, die 1947 in dieses Theater kamen, haben oft nicht mit Geld bezahlt. Sie haben mit Naturalien bezahlt, mit Kohle, mit Kartoffeln. Die Schauspieler, die den Krieg überlebt hatten, waren froh, in Frankfurt wieder Theater spielen zu können. Es gab damals keine großen Gagen. Stattdessen herrschte viel Hunger.

Rémond wollte das Theater zeigen, das man in der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft nicht hatte sehen können, weil es verboten gewesen war. Das moderne zeitgenössische Theater aus Frankreich und Großbritannien ...
Ja. So gab es damals in diesem Theater viele deutsche Erstaufführungen. Rémond war auch verwandt mit Franz Molnar, dem berühmten ungarischen Dramatiker, er hat also auch viele Stücke von Molnar gespielt. Fritz Rémond war es, der mich damals nach Frankfurt holte. Ich war junger Schauspieler in Düsseldorf. Das war 1965. Es war die Erstaufführung von „Telemachos Clay“, einem sehr ernsten US-Drama. Das hatte es schwer.

Damals spielten viele große Schauspieler in diesem Frankfurter Theater.
Oh ja. Angefangen von Curd Jürgens oder Theo Lingen. Die kannte Rémond noch aus seinem Theater in Bad Tölz. Hans-Joachim Kulenkampff begann seine Karriere am Rémond-Theater. Zugleich machte er seine berühmte Radiosendung „Frankfurter Wecker“ und lernte dort das freie Sprechen, die freche Schnauze, die sein Markenzeichen wurde.

Wie sind Sie selbst mit Rémond in Kontakt gekommen?
Ich war 1962 von Wien nach Düsseldorf ans Theater gekommen. Rémond suchte einen jungen Schauspieler für die europäische Erstaufführung von „Telemachos Clay“ und die Schauspielerin Elvira Schalcher, mit der ich in Düsseldorf spielte, hat mich empfohlen.

So wurde „Telemachos Clay“ ihre erste Hauptrolle in Frankfurt. Was war das für ein Stück?
Ein hochmodernes Drama von John Carlino, ein Panorama der US-Gesellschaft in vielen Stimmen, in dem der amerikanische Traum mit der Realität konfrontiert wird. Ich weiß noch, dass ein Vertreter der US-Behörden kam, um das Stück im Frankfurter Theater abzunehmen.

Wann sind Sie nach Frankfurt gekommen?
Ich habe noch bis 1972 meinen Wohnsitz in Düsseldorf gehabt, habe aber schon ab 1967 regelmäßig in Frankfurt gastiert. 1972 bin ich dann umgezogen.

Frankfurt war zu Ihrer künstlerischen Heimat geworden.
Ich muss dazu etwas sagen. Mein Vater war auch Schauspieler. Wir waren sogenannte Sudetendeutsche, waren 1945 vertrieben worden. Ich hatte als Baby gemeinsam mit meinen Eltern den sogenannten „Todesmarsch von Brünn“ überlebt, bei dem viele Vertriebene starben. Ich erreichte mit meiner Mutter Wien. Später bekamen wir die Nachricht, dass mein Vater im Lager gestorben war. Die Großeltern aber waren in Frankfurt untergekommen. So habe ich schon 1950 zum ersten Mal mit dem Zug Frankfurt besucht, damals eine Fahrt von 14 Stunden. Ich erlebte Frankfurt völlig zerbombt. Es gab also eine frühe Verbindung nach Frankfurt.

Das Rémond-Theater stand für den künstlerischen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Theater öffnete sich. Sie haben das als Auftrag verstanden.
Das ist richtig. Und ich kam dann auch in Verantwortung als Theaterdirektor. 1972 habe ich die „Komödie“ in Frankfurt übernommen. Ich habe damals viele schlaflose Nächte gehabt. Bei der Übernahme hat das Theater 486 000 Mark Schulden gehabt, eine riesige Summe. Und schon zwei Jahre später bat Fritz Rémond mich, das Haus im Zoo zu führen. Damals ging es ihm gesundheitlich sehr schlecht, er lag im Krankenhaus. Ich musste aber ablehnen, weil ich mit der „Komödie“ schon so viel zu schultern hatte. Das hat das Verhältnis zu Rémond eine Zeit lang belastet. Aber bis zu Rémonds Tod 1976 versöhnten wir uns wieder.

1995 wurde Ihnen dann erneut die Intendanz des Rémond-Theaters angetragen.
Es stand auf der Kippe, dass es überlebt. Es war eine irre Situation. Ich war mit meiner Frau im Urlaub auf den Malediven. Plötzlich kam ein Boy mit einem Telefon und es hieß: Der Lord Mayor von Frankfurt ist dran. Und tatsächlich bat mich der damalige OB Andreas von Schoeler dringend zum Gespräch. Ich bekam per Fax auf die Malediven die Bilanz des Rémond-Theaters, meterlange Faxe, und ich sah: Es war fünf nach zwölf. Am Samstagmorgen kam ich mit dem Flugzeug zurück und am Samstagnachmittag war ich im Römer und hab das Theater übernommen.

Was hat Sie bewogen, das Haus zu führen?
Es war die Liebe zu Rémond, der mein väterlicher Freund gewesen war. Ich wollte sein künstlerisches Erbe retten.

Wie würden Sie das künstlerische Profil des Hauses heute beschreiben? Sie setzen ja einen bewussten Gegenpol zum Boulevard in der Komödie.
Ich versuche, im Fritz-Rémond-Theater klassische Stücke zu machen. Es geht um literarisch anspruchsvolle Stücke, die aber auch die Leute interessieren. Schiller hat mal gesagt: Was den Vortrefflichen gefällt, ist gut. Was allen ohne Unterschied gefällt, ist es noch mehr. Genau um diese Gratwanderung geht es. Ich will mal ein Beispiel nennen: Ich habe 1997 „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller gespielt. Hinterher kamen ältere Frauen weinend zu mir und sagten: Meinem Mann ist es genau so ergangen. Dieses Stück über die gesellschaftliche Wirklichkeit in den USA hat damals viele in Frankfurt betroffen gemacht.

Heute müssen Sie Theater in den Zeiten des Terrors machen.
Es ist tatsächlich so, dass ältere Menschen Angst haben, ins Theater zu gehen. Man spürt aber natürlich auch deutlich die Konkurrenz des Fernsehens und des Internets. Als ich 1972 die „Komödie“ übernommen habe, gab es zwei Fernsehsender: ARD und ZDF. Heute ist das Angebot unendlich. Dagegen muss sich Theater behaupten. Aber ich habe viel jüngeres Publikum, etwa 50 Prozent sind junge Menschen.

Sie sind also durchaus optimistisch: Es wächst ein junges Publikum nach.
Ja. Aber die Zeiten, an denen das Theater jeden Tag ausverkauft war, sind vorbei.

Wie geht es weiter mit dem Rémond-Theater?
Ich werde bald 73 Jahre alt. Ich würde froh sein, wenn ich einen Claus Helmer als Nachfolger finden würde. Das Kapital des Theaters ist, wenn der Vorhang aufgeht.

Künstlerisch ist es also kein Problem, das Haus weiterzuführen?
Es gibt die Autoren wie Tennessee Williams und Arthur Miller nicht mehr. Ich bin ständig nach der Suche nach anspruchsvollen Autoren. Der Spielplan für 2017 steht. Ich muss mich aber auch abgrenzen gegenüber dem Schauspiel, das zunehmend klassische Stücke im Spielplan hat.

Intendant Oliver Reese hat ja unter anderem etliche griechische Dramen wiederbelebt. Wie ist ihr Verhältnis?
Wir sehen uns und wir tauschen uns auch aus. Aber es ist kein engeres Verhältnis. Ich kann natürlich Stücke nicht machen, die ein großes Personal verlangen, mit 20 und mehr Darstellern. Das ist nicht leistbar. Das könnte ich nur schlecht machen und das würde meinem Anspruch widersprechen: Ich bin Perfektionist.

Was ist die nächste Premiere?
Das ist am 26. Januar das englische Stück „Ladies’ Night“. Drei arbeitslose Männer in einer heruntergekommenen englischen Industriestadt versuchen, sich mit Striptease über Wasser zu halten. Komödie mit ernstem Hintergrund. Das hatte ich schon 2003 und mache es jetzt zum 70. Geburtstag des Theaters noch mal. Das ging auf Tournee und wurde über 600-mal gezeigt. Damals haben sich bei uns unglaubliche Szenen abgespielt. Da haben Frauen BHs und Slips mitgebracht und auf die Bühne geworfen.

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