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Nicole Kerstin Berganski plädiert dafür, Städte zu verdichten – allerdings müsse das feinfühlig geschehen.
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Nicole Kerstin Berganski plädiert dafür, Städte zu verdichten – allerdings müsse das feinfühlig geschehen.

Architektur

Freiheit in der Nische

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Frankfurter Architektin Nicole Kerstin Berganski ist mit einem kleinen, aber feinen Büro erfolgreich. In ihrer Nische widmet sie sich den großen Fragen des Städtebaus.

Die Kälte kriecht am Morgen über den Peterskirchhof. Ein bleigrauer Himmel über der Frankfurter Innenstadt, die jahrhundertealten Grabplatten erzählen die Geschichte selbstbewusster Bürgerfamilien. Die Passavants, die im 18. Jahrhundert ihren später berühmten Eisenwarenhandel begründet hatten, sind an der östlichen Begrenzung beigesetzt. Nahebei erhebt sich ein kleiner Neubau, der mit den betagten Mauern geradezu zu verschmelzen scheint. Rötliche Steine der dänischen Ziegelei Petersen Tegl formen schlichte, abgestufte Kuben, die gleichwohl elegant wirken. Mit diesem zurückgenommenen Entwurf ist die Frankfurter Architektin Nicole Kerstin Berganski in diesem Jahr in die Endrunde des Preises des Deutschen Architekturmuseums (DAM) gelangt. Die 50-Jährige hat sich der großen Aufgabe der Gegenwart in deutschen Großstädten gestellt: der Verdichtung, oder, wie sie es nennt, dem „Weiterbau“.

In Städten wie Frankfurt, in denen Baugrundstücke immer rarer und teurer geraten, sei es absolut notwendig, vorhandene Gebäude zu ergänzen, statt „immer neue Prestige-Neubauten zu schaffen“, sagt die gebürtige Berlinerin. Verdichtung wie hier am Petersfriedhof, wo das Designunternehmen Stylepark sich vergrößerte, verlange allerdings stets Feinfühligkeit, sagt die Mitinhaberin des Architekturbüros NKBAK, das sie mit ihrem Lebenspartner Andreas Krawczyk führt. „Man muss immer prüfen, was der Ort verträgt.“ Am historischen Petersfriedhof musste sie sich außerdem mit den Denkmalschützern der Stadt abstimmen. Sie hält es für geboten, zu verdichten, statt die Städte „an ihren Rändern auszubreiten“. Es geht also um ökologischen Städtebau, mit dem auf den rasch fortschreitenden Klimawandel reagiert werden muss.

Allerdings weiß die Architektin nur zu gut, dass Verdichtung ebenso wie der Bau neuer Stadtteile auf grünen Freiflächen heutzutage erbitterten Widerstand der betroffenen Menschen vor Ort provozieren kann. Frankfurt erlebt dies gerade jetzt wieder am Beispiel der Günthersburghöfe, des geplanten Quartiers östlich der Friedberger Landstraße. Berganski verfolgt die Debatte. Ihre Antwort heißt: „Es braucht größtmögliche Aufklärung. man muss den Menschen erklären, warum die Bebauung notwendig ist.“ Ziel müsse es in jedem Fall sein, auch im Stadtgebiet preiswerte Wohnungen zu schaffen. „Es dürfen nicht nur die in der Stadt bleiben, die sich das leisten können, und die anderen werden in die Zersiedelungsgebiete am Rande der Stadt abgedrängt.“ Die Möglichkeiten der Verdichtung in Frankfurt seien längst nicht ausgeschöpft: „Viele Gebäude vertragen noch ein Geschoss mehr, und es gibt noch viele ungenutzte Dachflächen.“

Die Architektin plädiert entschieden für das Wohnen in der Innenstadt, um Wohnen und Arbeiten nahe zusammenzubringen und lange Fahrten zu vermeiden. Sie selbst hat das verwirklicht, lebt mit ihrem Partner und der achtjährigen Tochter am innerstädtischen Mainufer, ganz in der Nähe ihres Büros am Baseler Platz. Beim Gang über den Peterskirchhof kommen wir schließlich trotz Kälte auf einer Bank zur Ruhe. Berganski stammt aus einer Arbeiterfamilie in Berlin, ihr Vater hat als Schaltmeister in einem Kraftwerk gearbeitet. Die Tochter studierte Architektur an der Technischen Universität Berlin in der Diplomklasse von Matthias Sauerbruch und arbeitete dann auch im Architekturbüro Sauerbruch Hutton in der Bundeshauptstadt. Doch geprägt für ihr Leben hat sie ein mehrjähriger Aufenthalt in Japan.

Die Deutschen, sagt sie unverblümt, könnten von den Japanern einiges lernen. Zuallererst das soziale Verhalten, „eine gewisse Art der Rücksichtnahme auf die anderen“. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie zeige sich das. Wo es einigen Deutschen sehr schwerfalle, auch nur für eine begrenzte Zeit eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, „ist in Japan eine Gesichtsmaske schon normal, wenn einer nur einen Schnupfen hat“. In Japan, wo in den Großstädten sehr viele Menschen auf engem Raum lebten, seien die Menschen es gewöhnt, „die eigenen Bedürfnisse zurückzunehmen“. Berganski schwärmt von der gegenseitigen Rücksichtnahme, die sie etwa in der Millionenstadt Tokio erlebt habe. „Da stehen Menschen eigens am Beginn einer Rolltreppe und warnen dich davor, dass du nicht stolperst.“ Auf dem Flughafen hätten drei Techniker ihr Flugzeug mit Winken verabschiedet: „Ich hatte Tränen in den Augen.“

Doch die Architektin lernte in Japan auch viel für ihren Beruf. Die „Minihäuser“, die dort aufgrund des großen Platzmangels die Städte prägten, verfügten über viel größere Nutzungsflexibilität als die deutschen Wohngebäude. „Die deutsche Architektur ist da viel starrer.“ Bei ihrer Arbeit für ein Architekturbüro in Tokio erfuhr sie auch, wie sich nur durch den Lichteinfall und die Führung von Licht „ein vielfältiger Raum“ erzeugen lässt. Bald war sie auch für Projekte des japanischen Büros in Deutschland im Einsatz. Das hatte allerdings seinen Preis. „Ich habe sehr viel gearbeitet und bin sehr viel gereist“, sagt sie nachdenklich im Rückblick, „zwei Wochen in Tokio, eine Woche in Europa.“ Berganski legt eine Pause ein und fügt schließlich einen Satz hinzu: „Ich war ein bisschen entwurzelt.“

Mitten in dieser „sehr anstrengenden Zeit“ lernte sie bei der Arbeit in Deutschland den Architekten Andreas Krawczyk kennen. Er war der Mann, mit dem sie fortan leben und arbeiten wollte. Die beiden suchten dafür einen Ort. Und kamen auf Frankfurt, nicht etwa auf Berlin. Die Architektin bringt auf den Punkt, was für die Stadt am Main sprach. „In Berlin gab es damals keine Projekte, aber viele Architekturbüros.“ Also großen Konkurrenzdruck.

In Frankfurt dagegen, der Stadt der Banken und großen Unternehmen, „gibt es Geld“, sagt sie und lacht. Und die Zahl der Architektinnen und Architekten bleibe überschaubar. Außerdem zogen die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) und die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach das Paar an. Vor 15 Jahren, im November 2005, gründeten sie ihr gemeinsames Architekturbüro in Frankfurt. Heute bedauert Berganski diese Wahl nicht, im Gegenteil. „Wir sind sehr glücklich und zufrieden.“ Allerdings, urteilt sie: „Frankfurt könnte seine Potenziale besser nutzen und mehr Freiheit im Denken wagen.“ Frankfurt müsse in der Architektur „neue Wege beschreiten“, weg von der Variation der immer gleichen Bauformen und Fassaden. Bei großen Projekten, wie etwa dem geplanten Kulturcampus auf dem alten Universitätsgelände in Bockenheim, müsse es „offene, freiere Wettbewerbe“ geben, um auch jungen, unbekannten Architekturbüros eine Chance zu verschaffen. Berganski plädiert für einen Gestaltungsbeirat, der für die Qualität der Architektur in Frankfurt kämpft.

Für junge Büros sei der Zugang zu wichtigen Wettbewerben sehr schwierig. Oft müsse man Referenzprojekte vorlegen. Mit anderen Worten: Wer ein Museum verwirklichen möchte, sollte schon eines realisiert haben. „Es ist ein schwerer Weg, überhaupt ein eigenes Büro aufzubauen“, erinnert sich die 50-Jährige. Aber sie entschied sich dafür, statt als angestellte Architektin in einem der großen Unternehmen der Branche anzuheuern. Jetzt lacht sie geradezu befreit, wenn sie an die Gründungszeit zurückdenkt. „Ich wollte mich selbstständig machen, um mehr Freiheit zu haben.“ Und: „Wir wollten der Gesellschaft etwas zurückgeben.“

Der Peterskirchhof bleibt menschenleer an diesem Morgen. Nur die großen schwarzen Krähen nähern sich uns neugierig. Sie finden hier genug Nahrung, denn allenthalben liegen Verpackungsmüll und Essensreste auf der Erde, auch das eine Begleiterscheinung der Corona-Pandemie. Die Krähen hacken auf ihre Funde ein.

Blickt man auf die Bauten, die Berganski mit ihrem Team verwirklicht hat, fällt auf, dass alle etwas Leichtes, Lichtes ausstrahlen: die integrierte Gesamtschule am Riedberg in Frankfurt, die Erweiterung der Europäischen Schule in Niederrad, aber auch das neue Opernstudio der Hochschule für Musik. Bei der Europäischen Schule kam es auf Schnelligkeit an: Die Stadt wollte so schnell wie möglich Platz für 400 Schülerinnen und Schüler. Die Architektin und ihr Partner entschieden sich für Holzmodule, aber auch für eine durchgehende Glasfassade. „Die üblichen Container sind erschreckend, das kann man Kindern nicht antun.“ Von der ersten Anfrage der Kommune Ende 2013 brauchte es bis zur Fertigstellung nur bis Ostern 2015.

Berganski spricht sich entschieden für Holz als ökologischem, nachwachsendem Baustoff aus: „Wir können nicht mehr mit Beton bauen, weil uns hier buchstäblich die Rohstoffe ausgehen.“ Insbesondere viel Wasser wird für diesen Baustoff verbraucht.

Die Architektin weiß wohl, dass noch immer riesige Betonbauten erstellt werden, nicht zuletzt in der wachsenden Dienstleistungsmetropole Frankfurt. Sie sieht sich mit ihrem kleinen Büro „in der Nische“, ganz bewusst: „Wir wollten nicht groß wachsen.“ Sechs Festangestellte zählt NKBAK heute, dazu kommen einige freie Arbeitskräfte. „Ich bin offen für alle Herausforderungen“, sagt Nicole Kerstin Berganski.

Im Jahr 2018 war sie zum ersten Mal an einem eingeladenen Wettbewerb für ein Hochhaus in Frankfurt beteiligt, für den geplanten Wohnturm „Grand Central“ an der Hafenstraße. Sie entwarf mit ihrem Team ein ungewöhnlich abgestuftes, treppenartig ansteigendes Gebäude mit vielen Vor- und Rücksprüngen in der Fassade, sehr komplex. Damit kam sie nicht in die engere Wahl unter den sieben beteiligten Büros.

Aber das ficht Berganski nicht an. Auch wenn sie eine prägende Eigenschaft zugibt: „Ich bin ungeduldig, sehr!“ An diesem kalten Morgen im Peterskirchhof hat sie diese Seite erfolgreich verborgen.

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