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Das frühere Verwaltungsgebäude steht weiter leer: der einstige Sitz von Neckermann an der Hanauer Landstraße.

Neckermann Insolvenz

Investor für Neckermann-Areal

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Ein Jahr nach dem Neckermann-Aus verhandelt sie Stadt Frankfurt mit einem Großunternehmer, der auf dem Gelände an der Hanauer Landstraße einen Standort für Logistik plant. Einzelheiten teilt die Stadt nicht mit, der FR liegen allerdings weitere Informationen vor.

Hanauer Landstraße 360: Vor gut einem Jahr verließen die Beschäftigten von Neckermann zum letzten Mal das weitläufige Gelände des Versandhandels. Nicht wenige weinten, viele trugen einen roten Beutel bei sich, den sie als zynisches Abschiedsgeschenk des Unternehmens empfanden – Kugelschreiber, ein Radiowecker, ein Nikolaus fanden sich darin.

Ein Jahr später ist Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) sehr optimistisch: „Wir haben einen internationalen Investor, der das gesamte Gelände gekauft hat und es entwickeln will.“ Derzeit verhandele die Stadt über die Details. Der Käufer zielt auf eine gewerbliche Nutzung mit dem Schwerpunkt auf Logistik.

Wohnungsbau nicht möglich

Weder Frank noch Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz (Grüne) nennen weitere Einzelheiten. Nach Informationen der FR handelt es sich bei dem Käufer um einen türkischen Großunternehmer, der sich neben dem Neckermann-Stammgelände „auch mehrere Schlösser in Deutschland“ gekauft habe. In den vertraulichen Gesprächen geht es um die Ausnutzung, die von der Stadt auf dem Gelände für möglich gehalten wird.

Die städtischen Planer halten Wohnungsbau dort nur sehr eingeschränkt für möglich – wegen der Schadstoffe im Boden und der Emissionsbelastung auf angrenzenden Industrieflächen. „Der städtische Bebauungsplan sieht Gewerbe vor“, sagt Cunitz-Sprecher Mark Gellert. „Wir müssen jetzt in Ruhe sehen, was der neue Eigentümer plant.“

Das Neckermann-Gelände an der Hanauer Landstraße war 2007 von der britischen Segro-Gruppe erworben worden – nach Medienberichten damals für 197 Millionen Euro. Vor zwei Monaten soll es dann mit großen Verlusten weiterverkauft worden sein: Angeblich wurden nur noch 46 Millionen Euro erzielt.

Neue Beschäftigte auf dem Gelände

Weite Teile des 17 Hektar großen ehemaligen Neckermann-Areals liegen immer noch verlassen. Und doch: Es sind dort schon wieder neue Arbeitsplätze entstanden. Die BLG Logistic Group aus Bremen will „ab Januar/Februar 2014“ weitere 100 Beschäftigte ansiedeln. 100 Frauen und Männer von BLG arbeiten hier schon seit Frühjahr auf 32.000 Quadratmetern. „Wir haben die beiden Hochregallager und mehrere Hallen angemietet“, sagt BLG-Sprecher Michael Widmann.

Von der Hanauer Landstraße aus werden per Lastwagen täglich bis zu 10.000 Pakete mit Textilien ins gesamte Bundesgebiet auf den Weg gebracht. Die Bremer Spedition ist der größte neue Arbeitgeber auf dem früheren Neckermann-Grundstück. Auch ein Photovoltaik-Unternehmen und andere kleine Firmen haben sich inzwischen angesiedelt.

Insolvenzverwalter Joachim Kühne von der Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle konnte vor allem Markenrechte verwerten: So kaufte Konkurrent Otto die Internet-Marken von Neckermann. Die hochmodernen Fotostudios, in denen bis zuletzt die Neckermann-Kataloge fotografiert worden warten, wurden „ausgeschlachtet“, so formuliert es Verdi-Gewerkschaftssekretär Wolfgang Thurner, der im Neckermann-Aufsichtsrat saß.

Forderungen von 341 Millionen Euro

Das 257 Meter lange, 65 Meter breite frühere Neckermann-Verwaltungsgebäude, 1958 bis 1961 nach den Plänen des Architekten Egon Eiermann entstanden, steht weiter leer. Es steht als architektonische Ikone der Nachkriegszeit unter Denkmalschutz, als Paradebeispiel für „demokratisches Bauen“ mit lichten Räumen. „Das haben wir nicht gebraucht,“ so der BLG-Sprecher.

Die etwa 50.000 Gläubiger von Neckermann haben Forderungen im Umfang von 341 Millionen Euro gestellt. Ein Ende des Insolvenzverfahrens ist derzeit nicht abzusehen. Indessen sind viele der 2000 Menschen, die vor einem Jahr bei Neckermann ihre Arbeit verloren, noch auf der Suche nach einem neuen Job. Verdi-Gewerkschaftssekretär Thurner schätzt im Interview mit der FR, dass gut die Hälfte noch keine neue Beschäftigung gefunden hat. Wirtschaftsdezernent Frank bestätigte diese Einschätzung, spricht aber von „nur noch 200 Frankfurtern, die vermittelt werden müssen“.

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