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Wissenschaft kämpft gegen Pseudowissenschaft.

March for Science

„Antwort auf Gefühl der Verunsicherung“

Frei nach Luther: „Hier gehen wir, wir können nicht anders.“ Der Frankfurter March for Science 2019.

Ist es nicht kontraintuitiv, wenn Wissenschaftler demonstrieren, statt mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ von Habermas zu überzeugen? Führen sich Wissenschaftlerinnen, die anstelle von rationalen Erkenntnissen und Beweisen auf kollektive Emotionalität setzen, nicht selbst ad absurdum?

Der March for Science ist eine Antwort auf ein um sich greifendes Gefühl gesellschaftlicher Verunsicherung und des sich daraus ergebenden Verständnisses von Welt, das zunehmend in Gegensatz zur Wissenschaft gerät: Als ob alles und jedes nach den Vorgaben der Wissenschaft entschieden würde, als ob – in Anlehnung an das autonome Fahren – automatisch „autonome“ Entscheidungen fielen. Wenn aber alles und jedes so gemacht wird, wie es „im Buche der sieben Siegel steht“, wie „die Wissenschaft“ es vorschreibt, wozu dann noch eine eigene, demokratische Willenserklärung? Als Folge kann sich durchaus ein Gefühl der Entmündigung und der Ohnmacht einstellen.

Wenn die Historikerin die Physikerin oder der Handwerker den Wissenschaftler (in der Praxis eher umgekehrt) nicht mehr versteht, entsteht Herrschaftswissen. Doch ruft jedwede Machtkonzentration unweigerlich eine Gegenkraft hervor – und muss es in unserem auf Machtkontrolle basierenden Demokratieverständnis sogar. Wenn Wissen und Zeit zur eigenen Überprüfung fehlen, kann der Laie dem Spezialisten ab einer gewissen Komplexitätsgrenze nur noch „glauben“. Doch genau darin liegt die Krux, insoweit die Aufklärung Glauben durch Wissen zu ersetzen forderte. Wenn jemand, der etwas nicht weiß oder nicht versteht, dieses Wissen auch nicht „glauben“ will und daher selbst auf die Suche nach Erklärung geht, verhält sich diese Person doch grundsätzlich den demokratischen und aufklärerischen Gedanken gemäß. In der Lesart politischer Populisten steht die Wissenschaft allerdings für ein Herrschaftsprinzip des Establishments, und ihre Erkenntnisse werden daher nicht nur zunehmend in Frage gestellt, sondern angefeindet. Dies kann dazu führen, dass dann mit Furor vorgetragene Vorurteile und Verschwörungstheorien entstehen. Doch zeigt dies nicht auch eine Gemeinsamkeit von Wissenschaftsgegnern und Wissenschaftlern? Dass auch hier grundsätzlich der Wille zum Verstehen vorherrscht? Dies wird zumindest der den Dialog Anbietende annehmen müssen.

Aufgrund dessen sind die sogenannten Wissenschaftsgegner (Klimagegner, Kreationisten, Impfgegner etc.) den Wissenschaftlern vielleicht gar nicht so unähnlich. Vor allem aber bedienen erstere eine prinzipielle, seitens der Wissenschaft erhobene Forderung: die nach Irritation. Denn mittels solcher kann das bestehende Wissen in Frage gestellt und dynamisiert werden, setzt letztlich Wissensgenerierung ein. Und nur unter der Prämisse, dass man selbst überzeugt werden kann, wird man ernsthaft erwarten dürfen, dass auch ein anderer sich überzeugen lässt. Gerade weil der Wille zur wirklichen Auseinandersetzung verloren zu gehen droht und weil es um die Geltung eines weiterhin argumentationsbasierten gesellschaftlichen Diskurses geht und weil damit nicht nur die Wissenschaftskultur, sondern letztlich die Demokratie gefährdet wird, antworten wir frei nach Luther: Hier gehen wir, wir können nicht anders.

Zugleich ist dies als Gesprächsangebot zu verstehen: Denn eine Universität ist nicht nur ein Raum, in dem neues Wissen generiert wird, sondern auch ein Ort, in dem bestehende Positionen aufeinandertreffen und, in Beziehung gesetzt, sich sowohl aneinander messen als auch austariert werden. Dieses Wissen und seine Generierung allen offenzulegen ist eine Aufgabe sowohl für die Wissenschaftskommunikation, die hierzu neue Formate finden muss, als auch der Frankfurter Bürgeruniversität, die sich mit ihren Veranstaltungen der Third Mission eben dieser Verantwortung stellt. Und so, wie wissenschaftsfreie Erklärungsansätze die Wissenschaft irritieren, so könnte ein Diskurs ja auch in umgekehrter Richtung dazu führen, dass die sogenannten Wissenschaftsgegner die besondere Art von wissenschaftlichem Wissen erfahren: dass dieses gerade keine Blackbox ist, sondern im Gegenteil offen zutage liegt und ebenso offen – mittels Methoden und im Diskurs – zustande kommt; und dass eben nicht alles und jedes vom Roboter namens „Wissenschaft“ entschieden wird, sondern nach wie vor der einzelne Mensch die volle Entscheidungshoheit innehat. Inklusive der Verantwortung.

Birgitta Wolff ist Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt

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