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Michael Gabriel ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Die KOS mit Sitz in Frankfurt ist der Dachverband der Fanprojekte, in denen insbesondere mit jugendlichen Fußballanhängern pädagogisch gearbeitet wird. Gabriel, selbst Fan von Eintracht Frankfurt, absolvierte Spiele für die Jugendnationalmannschaft Österreichs.

Antisemitische Beleidigungen im Stadion

„Die Fans sollten nicht weghören, wenn jemand ‚Du Jude‘ ruft“

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Der Fan-Experte Michael Gabriel über den Kampf gegen antisemitische Beleidigungen in den Fußballstadien.

Bei der Konferenz über Antisemitismus im Fußball trat auch Michael Gabriel auf. Die FR sprach mit dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte über strafbare Lieder, vorbildhafte Projekte von Eintracht Frankfurt und die Frage, was Anhänger tun können, wenn neben ihnen „Du Jude“ gebrüllt wird.

Herr Gabriel, vor einiger Zeit stand in Frankfurt ein Fan von Dynamo Dresden vor Gericht. Er hatte auf dem Weg zum Spiel beim FSV Frankfurt gesungen: „Wir bauen eine U-Bahn von Frankfurt bis nach Auschwitz.“ Die Polizei nahm seine Personalien auf. Vor Gericht war dem Mann überhaupt nicht klar, wie er sich strafbar gemacht haben könnte. Wundert Sie das? 
Bemerkenswert an dem Fall ist zunächst einmal das Einschreiten der Polizei. Das ist sehr lobenswert. Die Polizisten haben nicht weggehört, sondern erkannt, dass hier strafbare Texte gesungen wurden. Dass der Fan über die Anklage verwundert war, erstaunt mich nicht. Gegenseitige Schmähungen gehören beim Fußball für viele Fans dazu. Und leider gibt es Menschen, die auch bei derartigen Texten gedankenlos mitsingen. Das ist inakzeptabel und muss auch Konsequenzen haben. Es ist aber schon etwas anderes, als wenn eine offen rechtsextreme Gruppe antisemitische Sprechchöre anstimmt.

Inwiefern kommen antisemitische Beleidigungen in der Fankurve vor? 
Es ist sehr selten, dass es antisemitische Gesänge einer ganzen Gruppe gibt. So etwas wird in den Fankurven in der Regel nicht geduldet. Beim Spiel zwischen Cottbus und Babelsberg war das anders. Da wurden die Babelsberger Fans, die im politisch linken Lager zu finden sind, von Nazis aus der Cottbuser Kurve heraus antisemitisch beleidigt. Aber das ist eine Ausnahme. Häufiger passiert es, dass einzelne Fans „Du Jude“ rufen, wenn sie Spieler der gegnerischen Mannschaft oder den Schiedsrichter beleidigen wollen.

Wie begegnet man solchen Formen von Antisemitismus bei den Fans?
Wichtig ist natürlich, dass die Polizei bei strafbaren Aussagen einschreitet und nicht weghört. Aber Repression bringt nur eine kurzfristige Lösung. Langfristig gilt, was für alle Fragen rund um Fußball-Fans gilt: Sie lassen sich nur mit den Akteuren des Fußballs zusammen lösen, also mit Vereinen, Verbänden und natürlich den Fans selbst.

Lesen Sie dazu auch: Fußballer von jüdischem Verein beklagen Antisemitismus

Was können die Vereine konkret tun? 
Hier lohnt ein Blick auf Eintracht Frankfurt, die in dieser Frage vorbildlich agiert. Der Verein stellt sich seiner historischen Verantwortung und erinnert mit seinem tollen Museum an ausgeschlossene und später ermordete jüdische Mitglieder. Gleichzeitig schlägt die Eintracht auch Brücken in die Gegenwart. Es gibt Kooperationen mit dem TuS Makkabi Frankfurt, und das pädagogisch arbeitende Fanprojekt fuhr mit jugendlichen Fans nach Israel. Um den aktuellen Antisemitismus zu bekämpfen, reicht es nicht aus, junge Leute über den Holocaust zu informieren. Wichtig ist, sich auch mit der Situation der lebenden Juden auseinanderzusetzen.

Und der Rest der Liga? 
Sowohl die Deutsche Fußball Liga als auch der Deutsche Fußball-Bund werden ihrer Verantwortung gerecht. Es ist zum Beispiel schon Tradition, dass alle Vereine um den 27. Januar in den Stadien der Befreiung von Auschwitz gedenken. Hier ist die Initiative „Nie wieder!“ zu loben, an der auch viele Fans beteiligt sind.

Was können die Fans selbst tun? 
Vor allem sollte niemand weghören, wenn jemand „Du Jude“ ruft. Die Person sollte man ansprechen und widersprechen. Ich persönlich frage bei Diskriminierungen in der Fankurve zuerst immer was das soll und wie sich wohl betroffene Eintracht-Fans fühlen, die zum Beispiel schwul oder jüdisch sind? In der Hoffnung, dass das einen Denkprozess auslöst – und die Umstehenden vielleicht aufmerksam werden.

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