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Cristina und Sante de Gasperi.

Sindlingen

Anstehen im Westen

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Die Schlange vorm Eiscafé de Gasperi ist so legendär wie das Eis selbst. Seit 1983 ist der Salon am Richard-Weidlich-Platz zu finden.

Sante de Gasperi ist Traditionalist. „Ich mache Eis, so wie wir es vor 40 Jahren gemacht haben“, sagt er ernst. Sahne kommt rein, Zucker, Eier, Milch, keine Fertigmischungen, nichts von der Stange. Dann muss er lachen. „Vielleicht ist schlecht“, sagt er in lustigem Trappatoni-Deutsch. Modern etwa, sei seine Arbeitsweise nicht. Schnell gehe es auch nicht. Und mühevoll sei die Arbeit obendrein. Aber anderswo einkaufen möchte er sein Eis nicht, nicht um alles in der Welt. „Da mache ich lieber Rolladen runter.“

Deswegen öffnet de Gasperi seine Eisdiele auch erst mittags um 12 Uhr. Vorher muss er Eis machen. Beziehungsweise, die Theke am Richard-Weidlich-Platz öffnet. Einen kleinen Gastraum gibt es zwar, er wird aber nicht genutzt. Die Kunden sitzen am Brunnen oder auf den Bänken am Platz. Oder nehmen das Eis mit nach Hause. Der Verweis aufs Traditionelle steht auch ein bisschen im Widerspruch zur Eiskarte. Spaghetti-Eis kann jeder. Bei de Gasperi sind viel abenteuerlichere Dinge zu entdecken. Pizza-Eis, Hamburger-Eis, Kartoffel-Eis, Bismarck-Steak-Eis (mit Spiegelei, das hoffentlich aus Pfirsichhälften besteht).

Optisch ist das ungewohnt, geschmacklich sind die Kreationen lecker. Das Kartoffel-Eis sind drei mächtige Kugeln Eis, in Schokoraspeln gerollt. Dazu gibt es Sahne, Obst und Kirschsoße. Das schmeckt und stopft ordentlich. Wie ein echtes Kartoffel-Gericht eben. De Gasperi grinst verlegen. Er kann nicht sagen, wie er und seine Brüder auf die Idee gekommen sind, rustikale Speisen als Eisspezialität aufzulegen. Irgendwann war sie einfach da.

So wie er selbst. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Ort in der Nähe von Venedig. Weinberge gibt es da. Und Textilwirtschaft. Aber nicht viel zu arbeiten. De Gasperi steht am Fließband als das Angebot kommt, nach Deutschland zu gehen und Eis zu machen. Der Sindlinger zuckt mit den Schultern. „Das haben sehr viele Italiener damals gemacht.“

Er zieht 1972 nach Fürth, lernt das Handwerk, geht später nach Bonames. In Frankfurt ist er geblieben. Vielleicht, weil er alte Bekannte getroffen hat. 50 Menschen, die aus dem gleichen Ort stammen wie er. Vielleicht aber auch, weil es läuft mit dem Eis.

1983 eröffnet er mit seinen zwei Brüdern das eigene Café, das Venezia am Richard-Weidlich-Platz. Als ein zweites Venezia nach Sindlingen zieht, setzen die Gasperis kurzerhand den Familiennamen über das große Fenster am Platz. Das war vor 20 Jahren. Lange haben de Gasperis Brüder die Kunden auf dem Platz bewirtet. Als sie in die Heimat zurückgehen, versucht es der Chef mit Angestellten. De Gasperi winkt ab. „Das geht nicht.“

Er habe unheimlich viel Zeit und Mühen investieren müssen, um den jungen Leuten die richtigen Handgriffe beizubringen. „Und dann sind sie wieder weg.“ Irgendwann hatte de Gasperi die Faxen dicke, immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Seitdem gibt es nur noch Selbstbedienung am großen Fenster. Lange bevor das ein Trend wurde.

Mittlerweile ist die Schlange vor der Eisdiele an heißen Tagen selbst schon eine Sehenswürdigkeit des Stadtteils. Die Leute warten, weil sie wissen, was sie erwartet. Gutes Eis. Und es sind nicht nur Sindlinger. Aus dem ganzen Westen kommen sie, aus Zeilsheim, Höchst, Kelsterbach, Hattersheim. Das Erfolgsrezept kennt der Chef genau: „Eis musst Du selber machen, wenn es gut sein soll.“ Und: „Wenn Du etwas gut machen möchtest, kannst Du nicht zack zack.“ Und noch eine Weisheit: „Du kannst jeden Tag lernen. Das hört nie auf. Egal ob Du 20, 40 oder 60 Jahre alt bist. Das ist nie fertig.“ Wie alt er ist? „Viel“, sagt er und grinst.

Sindlingen gefalle ihm gut, sagt de Gasperi. Zumindest, was er davon kenne. Meist sei er mit seinem Eis beschäftigt. Freizeit habe er keine. Nur in der Winterpause. Von Mitte Oktober bis Ende Februar kehren er und seine Frau Cristina nach Italien zurück. Er hilft dann auf dem Hof der Schwiegereltern.

Seine Frau schwärme aber regelrecht von den freundlichen Sindlingern. Sie gehe morgens joggen. „Und alle grüßen freundlich.“ Eins habe er aber gemerkt. In den vergangenen Jahren seien der Norden und der Süden des Stadtteils enger beieinander als früher. Das höre er raus, wenn die Leute in der Schlange vor seiner Theke stehen.

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