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Die "Juedische Liederreise" mit Chasan (Kantor) Yoni Rose und Chasan Daniel Kempin war gut besucht.

Offene Synagoge

Anstehen und staunen

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Der Tag der offenen Synagogen in Frankfurt stößt auf reges Interesse.

Es mag Aufregung sein oder Begeisterung, vielleicht auch nur Ignoranz, jedenfalls hat Doris Adler an diesem Sonntagvormittag alle Mühe, sich im zum Café umgebauten Betraum Gehör zu verschaffen. „Ruhe, bitte, Ruhe“, mahnt eine Kollegin Adlers, damit diese das Konzert mit dem Kantor der Jüdischen Gemeinde ankündigen kann. Adler ist es auch, die den Tag der offenen Synagogen in Frankfurt organisiert hat.

Ein paar Meter weiter geht es deutlich besinnlicher zu. Die Besucher staunen über den prunkvollen Kuppelbau mit seinen Goldelementen, über die Größe des Gotteshauses mit seinen 1000 Sitzplätzen und über die prächtige Ostwand, in jeder Synagoge ein Höhepunkt, weil eine Reminiszenz an Jerusalem. 

Zu den Staunenden gehören auch Margit und Wolfgang Wochner aus Königstein. „Ich bin überrascht, wie imposant das ist“, sagt Wolfgang Wochner. Er habe sich auch schon die Synagogen in Krakau und Berlin angeschaut, aber mit der großen Westend-Synagoge in Frankfurt könnten diese nicht mithalten. Gerne hätte das Ehepaar auch an einer Führung teilgenommen. „Aber die waren gestern alle schon ausgebucht“, sagt Margit Wochner.

Das Interesse ist in der Tat groß. Allein für die Führung am Nachmittag hatten sich 100 Personen angemeldet. „Für Einzelpersonen ist es etwas schwierig, die Synagoge zu besuchen“ räumt Doris Adler ein. Sie war vor ihrem Ruhestand Leiterin der Kulturabteilung der Jüdischen Gemeinde. Jetzt organisiert sie noch die Tage der offenen Synagoge. Erstmals sind auch die Synagogen im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in der Bornheimer Landwehr und die Synagoge in der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung in Seckbach im Rahmen des Tages der offenen Tür zugänglich.

Großes Interesse an einem Besuch habe es im Vorfeld auch bei der Baumweg-Synagoge gegeben. „Die ist noch etwas bekannter als die anderen beiden“, so Adler. Das größte Interesse aber gibt es für die große Westend-Synagoge. An normalen Tagen ist der Besuch nur folgenden Gruppen möglich: eingetragenen Vereinen, kirchlichen Einrichtungen und Schulklassen. Etwa zehn Anfragen am Tag gebe es für Gruppenführungen, nicht alle können bedient werden.

Bei solchen Gruppenführungen bekommt Adler dann, wie sie sagt, „die seltsamsten Fragen gestellt“. Etwa, ob Juden aufrecht beerdigt würden, weil doch der Platz so begrenzt sei. In einem anderen Fall fragte ein Mann vorab per E-Mail, ob er in Hosen kommen dürfe, er habe keinen Rock, wieder ein anderer gab an, er wolle Mitglied der Jüdischen Gemeinde werden, weil er sich dadurch größere finanzielle Unterstützung erhoffe.

Um den Interessen von Einzelpersonen gerecht zu werden, etablierte die Jüdische Gemeinde den Tag der offenen Synagogen. Dabei erhalten die Besucher auch einen der seltenen Einblicke in den Thoraschrank in der Ostwand. Der Schrank wird nur zu den Gottesdiensten am Freitagabend und Samstagmorgen oder eben am Tag der offenen Synagogen geöffnet und zeigt knapp ein Dutzend prunkvolle Thorotrollen mit Silberverzierungen. Thorot ist der Plural von Thora, dem ersten Teil der hebräischen Bibel. Zu Gottesdiensten an Sabbat wird eine Thora dem Schrank entnommen und in die Mitte der Synagoge zur Bima getragen, dem Pendant zum christlichen Altar. Dann wird aus den Büchern in hebräischer Schrift vorgelesen.

Wer keinen Platz in einer Führung ergattert hat, kann sich immerhin noch an den Schautafeln im vorderen Teil über die bewegte Geschichte der Synagoge von der Einweihung 1910 über die Zerstörung 1938 bis zum Wiederaufbau nach dem Krieg und der Teilrekonstruktion von 1988 bis 1994 informieren. Eine Tafel zeigt, dass die Ostwand seit der Rekonstruktion noch prunkvoller ist.

In der bewegten Geschichte der Westend-Synagoge gab es aber nicht nur bauliche Veränderungen. Denn vor dem Zweiten Weltkrieg war die Synagoge eine liberale, nach dem Kriegsende wurde sie eine orthodoxe Synagoge. Seitdem sitzen Männer und Frauen bei Gottesdiensten getrennt. Die Männer unten, die Frauen oben auf der Empore. Frauen, die krank oder gehbehindert sind, dürfen unten in den beiden Seitenschiffen hinter einem durchsichtigen Vorhang am Gottesdienst teilnehmen.

Der zweite große Unterschied zwischen einer liberalen und einer orthodoxen Synagoge ist, dass in orthodoxen Gottesdiensten keine Musikinstrumente verwendet werden. So gibt es auf der Empore zwar eine Orgel, sie bleibt am Sabbat wie auch an anderen Tagen aber stumm.

Wie in christlichen Kirchen auch, sei das große Gotteshaus bei normalen Gottesdiensten das Jahr über nicht voll. „Nur an Weihnachten und Ostern ist es rappelvoll“, berichtet Adler.

Das jüdische Leben geht indes auch am Tag der offenen Synagogen weiter. Während im Café noch die jüdische Liederreise läuft, kämpft Rabbiner Avichai Apel in einem Betraum hinter der Ostwand einen ähnlichen Kampf wie zuvor Doris Adler. Apels Stimme muss sich gegen ein Dutzend Kinder durchsetzen, das an diesem Sonntagmittag Thoraunterricht im Stiebel hat. Das Interesse an ihrem Glauben an diesem Tag, bekommen die Kinder gar nicht mit.

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