Yanni Fischer koordiniert in Hessen das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“
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Yanni Fischer koordiniert in Hessen das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“

Interview

Anschlag von Hanau: „Schülerinnen und Schüler wollen reden“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Der mutmaßlich rechte Anschlag von Hanau erschüttert auch Schülerinnen und Schüler. Der Pädagoge Yanni Fischer spricht sich dafür aus, dem Thema im Unterricht viel Raum zu geben.

Yanni Fischer (37) ist Lehrer und als hessischer Koordinator des Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ abgeordnet. Das Netzwerk, dem bundesweit mehr als 3000 Schulen angehören, hat sich dem Kampf gegen Rassismus an Schulen verschrieben und bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule mitzugestalten. Träger des Netzwerkes in Hessen ist die Bildungsstätte Anne Frank.

Herr Fischer, was löst der Terroranschlag von Hanau bei Schülerinnen und Schülern aus?
Da kann man keine pauschale Aussage treffen. Es gibt die ganze Bandbreite von Aktivismus bis Ohnmacht. Grundsätzlich kann man feststellen, dass Schülerinnen und Schüler das Bedürfnis haben, darüber zu reden. Und dass die, die von Rassismus betroffen sind, nach solchen Taten noch verunsicherter sind, noch mehr Angst haben. Vor allem, wenn sie Orte wie etwa Shisha-Bars aufsuchen, die ja teils auch ihre Rückzugsorte sind.

Ist es für Kinder und Jugendliche, die von Rassismus betroffen sind, besonders gravierend, dass sich jetzt ein rassistischer Anschlag ereignet hat?
Es verstärkt auf jeden Fall ihre Angst und ihr Gefühl, wieder nicht dazuzugehören. Das gibt ihnen ein Ohnmachtsgefühl.

Können Sie sagen, wie stark der Anschlag von Hanau ein Thema an hessischen Schulen ist?
Er ist ein allgegenwärtiges Thema, auch aufgrund der sozialen Medien. Da kursieren jetzt natürlich Bilder und Sprachnachrichten von Leuten, die vor Ort waren, da werden die Ereignisse intensiv kommentiert. Das alles beschäftigt die Schule genauso wie den Rest der Gesellschaft.

Sollten Lehrerinnen und Lehrer das Thema aktiv im Unterricht ansprechen?
Ja, solche Themen müssen besprochen und behandelt werden. Die Emotionen und Ängste von Schülerinnen und Schülern müssen ernst genommen werden. Es muss ein Raum geschaffen werden, wo sie gefragt werden, wie es ihnen geht. Wo sie das, was sie beschäftigt, verarbeiten und einordnen können. Dabei sollte auch deutlich gemacht werden, dass rechter Terror kein Problem von Einzelnen ist, sondern dass er uns alle angeht und alle betrifft. Generell sollten Lehrkräfte aber nicht nur nach Ereignissen wie jetzt in Hanau reagieren, sondern das Thema Alltagsrassismus und Diskriminierung auch sonst aufgreifen und für die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler ansprechbar sein – und Handreichungen geben für ein couragiertes und solidarisches Handeln.

Sie sind also dafür, nach Hanau den Alltag an den Schulen zu unterbrechen?
Definitiv. Störungen haben eigentlich immer Vorrang, und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sollten im Vordergrund stehen. Und man sollte ihnen Handlungsanleitungen anbieten, damit sie nicht ohnmächtig erstarren. Dabei kann man auch die Schulsozialarbeit einbinden oder Schulpsychologinnen und Schulpsychologen.

Haben hessische Lehrerinnen und Lehrer denn für dieses Aufgaben ausreichende Ressourcen?
Aus der Erfahrung kann ich sagen, dass es den Lehrkräften an Ressourcen fehlt. Deshalb gibt es ja die Forderung, Themen wie Rassismus, Antisemitismus und rechte Ideologien in die Curricula aufzunehmen, dazu mehr Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, mehr Fortbildungen für Pädagoginnen und Pädagogen anzubieten und Module in der Ausbildung der Lehrkräfte zu entwickeln. Die Schulen sollten sich auch eine Vorgehensweise überlegen, wie sie nach Ereignissen wie in Hanau vorgehen wollen, wie sie Zeit und Raum schaffen können, anstatt ihre Lehrpläne durchzuziehen. Wenn Lehrkräfte überfordert sind, sollten sie auch außerschulische Träger heranziehen, um rassismuskritische Bildungsarbeit zu leisten.

Wie sollte man denn generell mit jungen Menschen über schlimme Ereignisse wie rechte Terroranschläge sprechen?Erst mal sollten die Schülerinnen und Schüler selbst berichten können, wie sie sich fühlen. Gerade die von Rassismus Betroffenen werden zu selten gehört. Man sollte ihnen die Bühne geben, damit sie sich äußern können, anstatt sich etwa zu sehr auf den Täter zu fokussieren. Außerdem sollte man auf die Potenziale junger Menschen hören. Die haben oft sehr konkrete Lösungsvorschläge, wie ein besseres Zusammenleben in der Gesellschaft aussehen könnte.

Was kann die Gesellschaft tun, um von Rassismus betroffene Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen und sie gegen Diskriminierung zu stärken?
Das Allererste ist die Selbstreflexion. Also zu hinterfragen, inwieweit man selbst Vorurteile und pauschale Zuschreibungen im Kopf hat, inwieweit man stigmatisiert und kulturalisiert. Da geht es etwa um Aussagen wie „bei denen ist das so“ oder „die handeln so“. Man muss bei sich selbst anfangen, weil man sich seiner eigenen Privilegien oft nicht bewusst ist und dann die Wahrnehmung von Betroffenen abtut. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass Rassismus Machtgefälle aufrechterhält, obwohl es um die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Akzeptanz ihrer Diversität gehen muss. Wenn jeder sich in der Gesellschaft aufgehoben und akzeptiert fühlt, gibt es auch weniger Verbrechen und allen geht es besser. Wir müssen Lehrkräfte und die ganze Gesellschaft in aktivem, solidarischem Handeln bestärken.

Von Hanning Voigts

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