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Nicht nur Betonsperren schützen die Westend-Synagoge in Frankfurt.

Nach Halle

Frankfurter Jüdinnen und Juden sind ins Mark getroffen

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Der Anschlag von Halle erschüttert Frankfurter Jüdinnen und Juden, aber sie lassen sich nicht abhalten, in die Synagoge zu gehen.

Für Meron Mendel, den Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, belegen die ersten Reaktionen auf das Attentat in Halle Defizite im Verständnis von Antisemitismus und rechtem Terrorismus in Politik und Gesellschaft. So überrasche ihn, dass erneut von einem Einzeltäter gesprochen werde, sagte Mendel.

„Ich verstehe nicht, warum man die Kontinuität rechten Terrors in Deutschland ausklammert und auch die Bezüge nach Hessen, etwa zum Mord an Walter Lübcke und zum Anschlag in Wächtersbach, nicht sieht.“ Rechte Terroristen handelten nicht allein, sondern auf Basis einer auch über das Internet verbreiteten rechtsextremen Ideologie. Dieser Diskurs sei „der Nährboden für solche Attentäter“ und müsse dringend ernster genommen werden, sagte Mendel. Die völkische Ideologie, die zu derartigen Taten motiviere, werde zudem auch in der sogenannten Neuen Rechten und in Teilen der AfD geteilt.

In Bezug auf den Antisemitismus müsse ebenfalls ein Umdenken stattfinden, forderte Mendel: Antisemitismus ziele zwar zuerst auf Juden, richte sich aber letztlich „gegen alles, was Pluralismus, liberales Gedankengut und Weltoffenheit in der Gesellschaft signalisiert“. Die Bedrohung durch den Antisemitismus müsse ernster genommen werden.

„Jom Kippur ist die Antithese zu dem, was in Halle passiert ist“

Laura Cazés, Referentin für Verbandsentwicklung bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), hielt sich am Mittwoch in der Frankfurter Westendsynagoge auf, um das Versöhnungsfest Jom Kippur zu feiern. Der Anschlag in Halle treffe die Frankfurter Juden „ins Mark“, sagte Cazés. An diesem Feiertag kämen auch Juden in die Synagoge, die nicht besonders religiös seien. „Dass eine Synagoge an diesem Tag als Ziel ausgesucht wird, ist das besonders Erschütternde“, so Cazés. Dies gelte besonders, da an Jom Kippur für Frieden, Versöhnung und ein friedliches Zusammenleben gebetet werde. „Die Essenz von Jom Kippur ist die Antithese zu dem, was in Halle passiert ist“, sagte Cazés.

Sie persönlich habe der Anschlag aber nicht überrascht. Sie kenne wie alle Jüdinnen und Juden weltweit die unterschwellige Angst, Ziel eines derartigen Angriffs zu werden, so Cazés – und auch die Bedeutung von Sicherheitsvorkehrungen an jüdischen Einrichtungen. „Trotzdem wird uns kein Terrorist davon abhalten, in die Synagoge zu gehen.“

Daniel Neumann, der Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden, zeigt sich „getroffen, aber nicht überrascht“ von dem Anschlag in Halle. „Das ist das, wovor wir seit Jahren warnen.“ Juden würden sowohl in der Ideologie von Rechtsextremisten als auch von Islamisten zu Feinden erklärt.

Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, erwartet nicht, dass der Anschlag von Halle das Leben der Gemeinde nachhaltig verändert. „Es bringt sicher Unruhe hinein, aber die legt sich bald wieder“, sagte Korn im Gespräch mit der FR. Eine Diskussion über Auswanderung gebe es bisher in der Jüdischen Gemeinde Frankfurts nicht, „und es wird sie auch nicht geben“, so Korn. Die Gemeinde erwarte nichts von der übrigen Gesellschaft – „aber wir freuen uns über jede Solidarität“. Am Mittwochabend hatten rund 30 nichtjüdische Bürgerinnen und Bürger mit Kerzen vor der Synagoge im Westend gestanden. Auch seien Solidaritäts-E-Mails bei der Gemeinde eingegangen.

“Das kann man erst gar nicht richtig verstehen“

Mirjam Wenzel, die Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt, erreichte die Nachricht vom Anschlag in Halle in Israel. „Das ist ein Schock, das kann man erst gar nicht richtig verstehen“, sagte sie im Gespräch mit der FR. Es zeige sich wieder, dass es Rechtsterrorismus gebe in Deutschland: „Der muss mit aller Härte und Konsequenz bekämpft werden.“

Anschlag in Halle: Alle Entwicklungen in unserem News-Ticker

Wenzel sprach von einem „Handlungsauftrag in erster Linie an die Polizei“. Sie müsse sicherstellen, dass die Menschen der Jüdischen Gemeinde keine Angst haben müssten. Natürlich sorge der Anschlag von Halle aber für „Riesen-Ängste“.

Die Direktorin will das Jüdische Museum nach seiner Wiedereröffnung im nächsten Jahr aber weiter als offenes Haus führen. „Wir halten an dem Verständnis unserer Arbeit fest, das wir bisher hatten.“ Ein Rückzug wäre ein Sieg für rechte Kräfte, sagte Wenzel. „Wir sind eine öffentliche Einrichtung, keine jüdische“, erklärte sie. In der Fantasie rechter Gewalttäter werde da aber nicht unterschieden.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) nannte den Anschlag von Halle einen feigen und antisemitischen Angriff, der einen Angriff auch auf das friedliche Zusammenleben in Deutschland darstelle. Die Menschen in Frankfurt stünden gemeinsam gegen antisemitischen Hass und Gewalt, schrieb der OB in einem Brief an die Jüdische Gemeinde.

Halle: Tat ist „Angriff auf unser Wertesystem“

Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker (CDU), forderte die Gesellschaft zum „Aufwachen und Aufstehen gegen jegliche Form der Judenfeindlichkeit“ auf. „Nur wenn wir für unsere jüdischen Nachbarn, Freunde und Bekannte offen eintreten, sie gegen verbale Anfeindungen verteidigen und für sie das Wort erheben, dann kann der wachsenden Judenfeindlichkeit tatsächlich entschieden begegnet werden“, sagte Becker.

Die Parteien äußerten ebenfalls ihr Entsetzen – auch die AfD. Ihr Fraktionsvorsitzender Robert Lambrou sagte: „Es muss alles dafür getan werden, den Schutz von Juden in Deutschland sicherzustellen und den Angehörigen der Opfer beizustehen.“ Der Grünen-Landesvorsitzende Philip Krämer nannte den Anschlag einen „Angriff auf unser Wertesystem und alles, wofür wir in unserer freien und demokratischen Gesellschaft stehen“. Die Linke forderte, rechter Terror dürfe „nicht länger verharmlost und als ,Einzeltaten‘ abgetan“ werden.

Unser Leitartikel zum Thema: Rechter Terror - die deutsche Blindheit und die TV-Kritik „Maybrit Illner“ zum rechten Terror in Halle: Wenn das ein Alarmzeichen ist, was ist dann der Ernstfall? und das Interview mit Michel Friedman „Geistige Brandstiftung wird zum Alltag“: Michel Friedman zum Kampf gegen rechts nach dem Anschlag in Halle. Solidarität, sagt der Publizist, dürfe nicht nur Ritual sein.

In der Paulskirche in Frankfurt greift Marc Grünbaum von der Jüdischen Gemeinde die Politik scharf an: „Die große Koalition ist Steigbügelhalter der AFD.“  

Jüdische Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt ist mit 6500 Mitgliedern eine der größten in Deutschland. Vorsitzender des Vorstandes ist Salomon Korn. Die Gemeinde betreibt zwei Kindergärten und die Isaak-Emil-Lichtigfeld Schule.  Außerdem gibt es ein Jugend- und ein Altenzentrum, Sozialdienste, ein Restaurant und eine Gemeindezeitung.  Nach dem Holocaust hatten nur etwa 100 Juden in Frankfurt überlebt. 300 kehrten aus den Konzentrations- lagern in die Stadt zurück. Bis 1933 hatte die Gemeinde noch 33 000 Mitglieder gezählt. 

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