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Karl-Hans Mehl lässt nicht nur landwirtschaftliche Fahrzeuge auf die Waage fahren.

Frankfurt-Nieder-Erlenbach

Bei Anruf wiegen

In der Märker Straße steht die letzte Fuhrwerkswaage Frankfurts. Ein pensionierter Landwirt kümmert sich um das Gerät, zu dessen Erhalt sich die Stadt verpflichtet hat. Heute kommt auch mal ein Wohnmobil, um vor der Reise das Gewicht zu checken.

Von Alex Wehnert

Zwischen den Wohnhäusern sticht das sandfarbene Gebäude hervor. Früher lebte hier der Wiegemeister, der sich um die sechs mal zweieinhalb Meter große Metallplatte, die im Boden vor dem Haus eingelassen ist, kümmerte. Dass es sich hierbei um eine Waage handelt, ist nicht zu erkennen. Doch die Fuhrwerkswaage vor dem Haus ist die letzte verbliebene in der Stadt. Zu den Hochzeiten der Landwirtschaft bis in die 1980er Jahre gab es noch in jedem Stadtteil eine. Auf der Waage werden Fahrzeuge und Anhänger abgestellt, das Gewicht lässt sich dann im Gebäude von der Anzeige ablesen.

Zur Erntesaison kamen in den Siebzigern die Bauern der ringsum liegenden Höfe mit Karren voller Rot- und Weißkohl, Karotten und Futterrüben angefahren. Und auch die Viehzüchter trieben damals so manche Herde durchs Dorf, die gewogen wurde, ehe es zum Schlachter ging.

Bis 1970 hatte die Waage ihren Platz in der Ortsmitte. Doch die langsamen landwirtschaftlichen Fahrzeuge waren ein Verkehrshindernis für Autofahrer, Radler und Fußgänger. Deshalb wurde sie in die Märker Straße 6 verlegt. In den Siebzigern wurden hier hundert Wiegungen pro Monat vorgenommen - hauptsächlich landwirtschaftliche Güter, aber auch Umzugsgut sowie Altpapier und Eisen.

„Im Jahr 2008 waren es bereits weniger als 200 Wiegungen“, sagt Karl-Hans Mehl. Der pensionierte Landwirt kümmert sich gemeinsam mit Karlfried Cost seit 1998 um die Waage. Aus den Büchern der ehemaligen Wiegemeisterin Frieda Schmidt geht der stetige Rückgang hervor. Als Schmidt nach 25 Jahren aus Altersgründen nicht mehr konnte, übernahmen Mehl, Cost und Rudolf Fritz.

Neue Technik für 40 000 Euro

Noch immer machen landwirtschaftliche Güter zwei Drittel der Wiegungen aus. Nach über 60 Jahren Dienst musste die alte Waage 2011 ersetzt werden. Sie war verrostet und nicht mehr eichfähig. Das neue Gerät kostete 40 000 Euro und kann Lasten bis 30 Tonnen wiegen, zehn mehr als zuvor. Das brachte auch neue Kundschaft: Mittlerweile kommen auch Urlauber mit ihren Wohnmobilen vorbei. „Bevor sie nachher an der Grenze nicht durchkommen, wiegen sie lieber noch einmal nach“, sagt Mehl.

Für die Wiegungen nehmen Mehl und Cost eine Pauschale von fünf Euro. Aber auch zusätzlicher Wegzoll ist willkommen. „Einige Gartenbesitzer lassen ihre Äpfel bei mir wiegen, bevor sie sie an die Kelterei verkaufen.“ Dann komme er mit den Menschen ins Gespräch und dürfe sich am Ende ein paar Äpfel aussuchen.

Die Einnahmen zahlen die ehrenamtlichen Wäger einmal im Jahr bei den Hafenbetrieben ein. Sie werden im Anschluss an die Stadt abgeführt. Unter Schmidt war das noch anders: „Sie hat das Geld noch jeden Monat bar in die Stadt gebracht“, so Mehl. Heute lohnt sich das Betreiben der Waage wirtschaftlich nicht mehr. Im Jahr 2015 spielte sie noch 420 Euro ein. Dass es sie überhaupt noch gibt, ist der Bedeutung der Landwirtschaft für Nieder-Erlenbach geschuldet. Als der Ort 1972 eingemeindet wurde, verpflichtete sich die Stadt Frankfurt vertraglich zu ihrer Instandhaltung.

Geht es nach Mehl, soll die geschichte der Waage noch eine ganze Weile weitergehen. „Mein Sohn betreibt heute den Hof, da sind die Wiegungen für mich eine nette Abwechslung“, sagt er. Vielleicht ziehe aber eines Tages auch wieder ein „Wieschmaaster“ ins Haus an der Waage ein.

Wiegetermine vereinbaren Karl-Hans Mehl, Tel: 01 71 / 5 54 72 80, oder Karlfried Cost, Tel: 0 61 01 / 4 89 88.

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