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Annett Louisan: „Ich bin sexistisch in jede Richtung“

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Von: Thomas Stillbauer

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Annett Louisan will wieder spielen.
Annett Louisan will wieder spielen. © David Santilian

Sängerin Annett Louisan über ihren Auftritt beim W-Festival in Frankfurt, ihren leisen Kampf für Frauenrechte – und darüber, was Cola und Hits miteinander zu tun haben.

Frau Louisan, was spielen Sie am kommenden Donnerstag in der Alten Oper?

Ich entscheide immer nach Jahreszeit, nach Wochentag, nach Stimmung. Mal ein bisschen melancholischer, mal ein bisschen lauter. Das hängt auch von der Band ab, ich spiele ja auch mal in kleiner Besetzung, ohne Schlagzeug. Aber ich habe in Frankfurt meine ganze Band dabei, und das wird auch inhaltlich ein schöner Bogen sein.

Singen Sie speziell über Frauenthemen fürs W-Festival?

Ich könnte eine ganz lustige Frauen-Setlist zusammenstellen! (lacht) Gute Idee – ich kann mir vorstellen, dass das mal eine etwas andere Setlist wird. Dass ich vielleicht die Lieder aussuche, in denen die Männer ein bisschen ihr Fett wegkriegen. Aber ich betone ja, wo es geht: Ich bin sexistisch in jede Richtung! In der Kunst gibt es keine Kompromisse, ich versuche zu beschreiben, was ich sehe, und dazu gehört eben, dass man mal auf die Schippe genommen wird – am allermeisten ich selbst.

Wie schwer ist es, als Frau im Musikgewerbe Fuß zu fassen? War das ein Thema für Sie in Ihrer Karriere?

Als Sängerin und Künstlerin nicht. Da ist man häufig das Zirkuspferdchen, das schön blinkt und blitzt. Aber ich habe meine speziellen Erfahrungen gemacht, die manchmal auch ein bisschen demütigend waren. Dinge, die ich mir heute nie mehr gefallen lassen würde.

Was für Erfahrungen?

Zum Beispiel, dass man sich noch 2005 oder 2006 sagen lassen musste, man solle mal ein bisschen abnehmen, um erfolgreich zu sein.

Im Ernst?

Da haben wir zum Glück inzwischen alle dazugelernt. Aber man muss auch milde sein, denn die Welt war damals so. Heute passiert mir das nicht mehr, dafür bin ich lang genug dabei. Und der Tonfall hat sich geändert gegenüber Frauen. Das finde ich toll. Man wird nicht mehr klein gehalten, klein gemacht. Das ist früher häufig passiert.

Auch von Frauen?

Auch von Frauen. Aber die sind damals so erzogen worden. Die kannten das nicht anders. Wenn ich die Generation meiner Großmutter sehe, eine Generation von Frauen, die ihren Mann noch fragen musste, ob sie den Führerschein machen darf, sind die natürlich in einer anderen Welt aufgewachsen. Da müssen wir alle tolerant miteinander sein. Ich werde auch oft zum Thema Gendern gefragt. Ich weiß, dass ich auch mit 45 nicht alles weiß und dass ich offen sein muss für all das, was ich vielleicht nicht ganz verstehe – weil ich anders geprägt bin. Das bringt mich näher zur Wahrheit.

Frauen sollten lange Zeit am besten das nette Mädchen von nebenan sein. Dagegen zetteln Sie ja keine Revolution an, Sie begegnen dem eher mit feinsinniger Ironie. Hilft das?

Wenn man schreit und aggressiv ist, hören die Leute einem weniger zu. Das Leise und Feine liegt mir mehr, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auch mehr bringt. Je mehr man die Leute zu etwas zwingt, desto eher reagieren sie trotzig. Das ist für mich nicht der richtige Weg.

ZUR PERSON

Annett Louisan, 1977 geboren, wurde 2004 im Nu mit dem Lied „Das Spiel“ bekannt. Die Zeilen „Ich will doch nur spielen/Ich tu doch nichts“ kannte bald jede und jeder. Das erste Album „Bohème“ und alle folgenden Arbeiten der Hamburgerin landeten in den deutschen Top Ten. Annett Louisan tritt am Donnerstag, 26. Mai, um 17.30 Uhr beim W-Festival in der Alten Oper auf.

Ist die Solidarität unter Frauen im Musikgeschäft gewachsen?

Ja. Das ist der Lernprozess, der jetzt greift. Frauen unterstützen sich, und das feiere ich, das ist inspirierend. Aber da geht noch mehr.

Wie fühlt es sich an, wieder auf Bühnen zu stehen?

Schon anders, intensiver. Nicht nur durch die lange Zeit. Aber das hat schon etwas mit mir gemacht. Ich habe immer sehr viel live gespielt, seit fast 20 Jahren. Auf der Bühne habe ich am allermeisten gelernt – mein Publikum kennengelernt, mich selbst, meine Musik. Erst wenn man etwas nicht mehr hat, weiß man, wie viel einem das bedeutet. Und ich war ja auch gerade erst aus einer Babypause rausgekommen. Ich wollte auf eine große Tour gehen.

Und dann kam Corona.

Als ich anfing, Musik zu machen, habe ich mir geschworen, dass ich niemals vom Erfolg abhängig sein will. Dass ich das nicht brauchen möchte. Das war mein Credo. Aber das kann ich jetzt so nicht mehr sagen. Ich habe gemerkt, dass ich das schon brauche, die Bühne und live zu spielen. Das macht mich sehr glücklich.

Die Stimme muss ja auch trainiert werden – haben Sie mit der Band regelmäßig geprobt, als es keine Auftritte gab?

Das nicht, das würde nicht hinhauen. Aber ich singe schon sehr viel. Ich habe in der Pandemie ziemlich viel zu Hause aufgenommen, am Abend, wenn meine Tochter geschlafen hat. Daraus ist auch diese Cover-Idee entstanden.

Ihr 2020er Album „Kitsch“ mit eigenen Versionen von berühmten Songs aus vielen Jahrzehnten.

Das ist für mich als Künstlerin immer toll, weil ich mich ja immer überall mit hinnehme. Mich an fremdes Repertoire heranzuwagen hilft mir auch für mein eigenes. Auch in anderen Sprachen zu singen. Das hält fit. Und meine Band und ich spielen seit so vielen Jahren zusammen, dass es auch toll ist, auf der Bühne zu proben. Jeder Abend, jede Show ist anders. Das brauche ich. Kein fest geschnürtes Programm. Ich habe mir angewöhnt, jeden Abend zwei, drei Nummern ganz neu zu spielen, damit wir uns auch selbst überraschen können.

„Kitsch“ ist schon ihr zweites Album mit Coverversionen – was reizt Sie daran?

Es ist wahnsinnig toll, einen Hit zu singen. Normalerweise hat man viel Arbeit mit den eigenen Songs, das ist oft ein quälender Prozess. Lieder von anderen zu singen, die schon Hits sind – das ist ein bisschen wie Cola trinken. Es geht so einfach, und du merkst sofort den Effekt, es geht sofort ins Gehirn. Das dann auch noch auf deine eigene Weise zu interpretieren, das ist Urlaub beim Musikmachen.

Was man Stars wie Sie ja eher selten fragt: Haben Sie eine Lieblingsband, eine Lieblingssängerin, einen Lieblingssänger?

Solche Ikonen wie Prince oder David Bowie, die sterben ja inzwischen aus – also Leute, die sich über viele Jahre bewiesen haben. So etwas finde ich bewundernswert. David Bowie ist immer eine Inspiration. Wenn ich mal nicht mehr weiterweiß, lese ich ein Interview mit David Bowie. Da steht mindestens eine Weisheit drin. Dann Nick Cave. Und natürlich Norah Jones – sie hat mich sehr inspiriert. Ihre Art, ganz unaufgeregt ihren Stempel auf jedes Lied zu drücken. Und wenn Bands so viel Cola ausgeschenkt haben …

Großartig!

… und trotzdem als Bands weiterbestehen und einander respektieren, ohne dass einer völlig abdreht – das hat mit Charakter zu tun. Das bewundere ich.

Interview: Thomas Stillbauer

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