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Zur Gedenkstunde versammelt: Festgäste beim Anne-Frank-Tag in der Paulskirche.

Paulskirche

Engagement gegen ethnischen Nationalismus und Ausgrenzung - im Sinne Anne Franks

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Die Holocaust-Überlebende Ágnes Heller und weitere erinnern zum 90. Geburtstag von Anne Frank an das Vermächtnis der Ermordeten.

Am Ende, als alle schon gesprochen haben zu Ehren jener Frau, die am Mittwoch ihren 90. Geburtstag gefeiert hätte, wenn sie ihn denn hätte erleben können, tritt eine zierliche kleine Frau ans Rednerpult der Paulskirche und spricht so kluge wie bewegende Worte, von denen sich jedes einzelne zitieren ließe.

Die ungarische Philosophin und Holocaust-Überlebende Ágnes Heller hat exakt einen Monat zuvor, am 12. Mai, ihren 90. Geburtstag gefeiert. Und nun redet sie am 90. Geburtstag von Anne Frank, die als junges Mädchen von nicht mal 16 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen von den Nationalsozialisten ermordet wurde, über den Unterschied zwischen dem interesselosen radikal Bösen und dem durch Ideologie, Gleichgültigkeit oder Neid genährten Bösen. Vor allem aber über das Leben und Schreiben Anne Franks, die so scharfsichtig über das Gute und Schlechte im Menschen nachgedacht habe. „Anne ist nicht für etwas gestorben, sie hat für etwas gelebt. Sie hat gegen den Tod gelebt“, so Heller.

Zum dritten Mal beging Frankfurt den von der Bildungsstätte Anne Frank mitinitiierten Anne-Frank-Tag mit vielen Veranstaltungen, die schon am Vorabend begannen. Denn, so Oberbürgermeister Peter Feldmann: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese große Tochter unserer Stadt nicht zu vergessen.“

Es gab 1,5 Millionen ermordete jüdische Kinder

Die vom Anne-Frank-Fonds in Basel mitveranstaltete Gedenkstunde in der Paulskirche, die mit den Bachmusik des Cellisten Raphael Wallfisch beginnt, dessen Mutter Anita Lasker-Wallfisch eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Au-schwitz ist, mahnte aber auch die Erinnerung an jene weiteren 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kinder an. „1,5 Millionen Geburtstage sind heute Erinnerungstage“, so John Goldsmith vom Anne-Frank-Fonds Basel, dessen Eltern sich rechtzeitig vor seiner Geburt 1938 ins englische Exil hatten retten können.

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„Wir, die zufällig Überlebenden, konnten uns von Schuldgefühlen nie befreien. Wir sind statt anderer am Leben geblieben“, sagte auch Heller. Nur eineinhalb Monate hätten zwischen ihrer Befreiung durch die russische Armee im Januar 1945 und dem Tod von Anne und ihrer Schwester Margot gelegen. „Eineinhalb Monate, die 74 Jahre zählen, das ist so schwer zu verstehen.“

Was Nachgeborenen helfen kann, zu verstehen, jenen rund 200 Schülerinnen und Schülern etwa, die neben Prominenz aus Politik und Kulturbetrieb zur Gedenkfeier in die Paulskirche gekommen sind, das sind die Worte der Anne Frank, die diese zwischen ihrem 13. Geburtstag und ihrem viel zu frühen Tod ihrem Tagebuch anvertraute. Jenem Buch, das heute zu den zehn meistgelesenen der Welt zählt, wie Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay erwähnt.

Anne Franks Tagebuch ist Literatur geworden

Die Stärke seiner Wirkung liege gerade darin, dass sich die Stränge der Zeitzeugenschaft und der Gefühlswelt einer Heranwachsenden darin unentwirrbar verflochten hätten. „Man kommt zum letzten Satz des Tagebuchs, wie man den Rand eines Abgrundes erreicht. Aber es ist die Erzählung, nicht die Leere, die bleibt. Als Schriftstellerin überdauert und triumphiert Anne Frank.“

Dabei hatte sie einst selbst hinein geschrieben, dereinst werde sich wohl niemand für die Herzergüsse eines jungen Mädchens interessieren. „Wie gerne würden wir Anne Frank heute sagen können: Es ist anders gekommen“, spricht Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kulturpolitik, den Satz aus, den wohl viele im Saal denken.

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„Schreiben war ihre Leidenschaft, ihr tiefes Bedürfnis, ihr Tagebuch ist Literatur geworden“, betont Ágnes Heller, die beim Lesen des Tagebuchs stets an ihren wie auch Anne Franks Mutter in Auschwitz ermordeten Vater, an ihre vielen getöteten Freundinnen und Cousinen denken musste, und fügt an: „Sie hat statt aller meiner Toten geschrieben, meiner Cousinen und Jugendfreundinnen, an deren Namen sich bald niemand mehr erinnern wird.

Und die Überlebende schließt mit einem Appell, sich im Sinne Anne Franks gegen ethnischen Nationalismus und Ausgrenzung im Hier und Jetzt zu engagieren. „Man muss die Gefahren sehen, wenn man sie vermeiden, nicht in sie hineinstolpern will. Das ist die Lehre aus der Geschichte.“

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