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Meron Mendel ist seit acht Jahren Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. peter jülich

Bildungsstätte Anne Frank

„Man muss Haltung zeigen“

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Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, streitet am 9. November über Demokratie und kulturelle Vielfalt. Ein Porträt.

Eigentlich hat Meron Mendel kaum Zeit. Der Dezember naht, Projekte müssen evaluiert, Fördergelder abgerechnet werden. Gerade ist eine Besuchergruppe eingetroffen, der nächste Termin ist auch bald. „Das Ende des Jahres ist immer ein bisschen stressig“, sagt Mendel und lacht. Doch kaum hat sich der schmale 42-Jährige hingesetzt und angefangen zu erzählen, ist die Uhr völlig vergessen. Mendel redet sich warm, am Ende ist die Zeit überzogen. Die Leidenschaft für Mendels Herzensthemen geht vor. Der Termin muss warten.

Seit acht Jahren ist Mendel, der in einem Kibbuz in der israelischen Negev-Wüste aufwuchs, in Haifa Pädagogik und Jüdische Geschichte studierte und 2001 für ein Masterstudium nach München kam, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank im Dornbusch. Damals arbeitete er am erziehungswissenschaftlichen Institut der Goethe-Uni, war frisch promoviert und bastelte an seiner akademischen Karriere. An der Bildungsstätte hätten ihn vor allem die vielen Probleme gereizt, sagt Mendel: „Es gab hier nichts.“ Die Einrichtung bestand aus einer aus seiner Sicht veralteten Dauerausstellung über Anne Frank und zweieinhalb Personalstellen. Mit seinen Erfahrungen aus der Wissenschaft und der praktischen Jugendarbeit sei in seinem Kopf sofort ein Bild entstanden, „was hier wachsen soll“, sagt er.

Acht Jahre später sieht sich Mendel am Ziel. „Wir sind angekommen. Und ich bin stolz auf alle, die hier arbeiten.“ Die Einrichtung ist gewachsen, hat 36 feste und 50 freie Mitarbeiter. Die Bildungsstätte hat eine Vielzahl von Projekten gestartet und ein Büro in Kassel eröffnet, beherbergt die hessenweit tätige Beratungsstelle „Response“ für Opfer rechter Gewalt und das „Adibe Netzwerk Hessen“ gegen Diskriminierung. Nach wie vor ist das Team in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und hat mit „Anne Frank – Morgen mehr“ erst im Juni eine neue Dauerausstellung eröffnet, in der die Besucher sich mit Anne Frank, aber auch grundsätzlich mit Migration, Diversität und Gerechtigkeit befassen können.

Wenn am Freitag, 9. November, überall in Frankfurt an die antisemitischen Pogrome von 1938 erinnert wird, wird Mendel auf einer Konferenz in Darmstadt über Demokratie und kulturelle Vielfalt streiten. Das sagt etwas darüber aus, wie er seine Aufgabe versteht: Mendel treibt nicht nur die deutsche Geschichte um, sondern die komplexe Situation der Gegenwart. Der heutige Antisemitismus, der heutige Rassismus, die Frage, wie friedliches Zusammenleben möglich ist. „Unsere Aufgabe ist nicht die Geschichtsvermittlung, dafür gibt es den Geschichtsunterricht“, sagt er selbst. „Wir sind die Spezialisten für die Migrationsgesellschaft mit allen positiven und schwierigen Aspekten.“

Seine eigene Migrationserfahrung sei für seine Arbeit sowohl hinderlich als auch hilfreich, sagt Mendel. Einerseits ecke er mit seiner direkten Art, die in Israel nicht ungewöhnlich sei, öfter an. Gleichzeitig könne er manche Debatten aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten. Gerade hat die Bildungsstätte beispielsweise eine Tagung mit dem Titel „Stigma Kopftuch“ veranstaltet. In Deutschland werde über das Kopftuch geredet, als hänge die Zukunft der Gesellschaft davon ab, sagt Mendel. „Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem es eine Normalität ist – bei muslimischen und jüdischen Frauen.“

Kopftuch, Rechte auf der Buchmesse, AfD, Nahostkonflikt, Antisemitismus. In der letzten Zeit hat Mendel sich immer häufiger öffentlich zu Wort gemeldet, stets zu brisanten Themen. Er sei zu der Überzeugung gelangt, dass er zu seinen Kernthemen nicht schweigen könne, sagt Mendel. „Wir sagen ja auch den Jugendlichen: Ihr müsst Haltung zeigen und eure Stimme erheben.“ In dem Maße, in dem die Bildungsstätte gewachsen und Mendel bekannter geworden ist, hat der Gegenwind zugenommen. Hasskommentare sind für Mendel ebenso Alltag wie diffamierende Texte im Netz und anderswo. „Das nimmt man in Kauf, wenn man aus der Deckung geht und sich positioniert“, sagt er dazu. In Israel gelte es nicht als unhöflich, sich zu streiten – sondern Kritik nicht offen anzusprechen.

Seine Herkunft ist für Mendel, der von sich sagt, zwar nicht besonders religiös, aber in der jüdischen Überlieferung verwurzelt zu sein, wichtig. Jedes Jahr besucht er Freunde und Familie in Israel, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern spricht er Hebräisch. Man hört es an seinem ganz leichten Akzent. Weil seine Frau in München arbeitet und nach Hessen pendelt, kümmert Mendel sich neben der Arbeit um seine Kinder. „Wenn sie im Bett sind, setze ich mich an den Computer und schreibe E-Mails.“ In Frankfurt fühlt Mendel sich inzwischen zu Hause, sagt er. „Es würde mir sehr, sehr schwer fallen, Frankfurt zu verlassen.“

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