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Die neue Dauerausstellung der Bildungsstätte Anne Frank.

Bildungsstätte Anne Frank

Bildungsstätte wird modernes Lernlabor

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Die Bildungsstätte Anne Frank ersetzt ihre alte Dauerausstellung durch ein modernes "Lernlabor" zu Rassismus und Ausgrenzung.

Das Bild an der Wand zeigt eine Frau mit Kopftuch und langem Rock. Ihr Gesicht und ihre Gestalt sind nur angedeutet, mit raschen Strichen wie mit Bleistift gezeichnet. Wenn man allerdings die „Racist Glasses“ aufsetzt, die rassistische Brille, die ein bisschen aussieht wie eine 3D-Brille im Kino, verändert sich das Bild. Plötzlich tanzt die Frau lasziv, trägt Goldschmuck, ein knappes Oberteil und ein Tambourin. Mit einem Mal wird sie begleitet von einem Geigenspieler und einem bettelnden Kind. Nur durch die Brille, durch den rassistischen Blick, ist aus der unscheinbaren Frau das jahrhundertealte Klischeebild der „schönen Zigeunerin“ geworden.

Die „Racist Glasses“, die aus anderen Schwarz-Weiß-Zeichnungen ebenso schnell üble Zerrbilder von Juden, Muslimen oder Lesben zaubern, sollen einen simplen Gedankengang verdeutlichen, erklärt Deborah Krieg von der Bildungsstätte Anne Frank im Dornbusch. Beim feindseligen Blick auf Minderheiten komme es nicht auf die betrachteten Individuen, sondern vor allem auf die Ressentiments des Betrachters an.

Nach derselben Logik arbeitet der interaktive Spiegel direkt daneben: Wenn man hineinblickt, erscheint im Spiegel ein 3D-Modell des eigenen Körpers, man sieht Ladebalken wie in einem Computerprogramm. Und dann liest man angeblich errechnete Eigenschaften: „Du bist unsportlich“ etwa oder „Du bist schlecht in Mathe“. Was wie ein futuristischer Körperscanner daherkommt, spielt in Wirklichkeit nur mit Gefühlen und Gewohnheiten: Wie ist es, aufgrund des Körpers kategorisiert zu werden?

Die „Racist Glasses“ und der unheimliche Spiegel sind zwei der speziell angefertigten Exponate, die in der brandneuen Dauerausstellung der Bildungsstätte Anne Frank gezeigt werden. Die Schau, von den Machern mit einigem Stolz „Lernlabor“ genannt, wurde in mehrjähriger Kleinarbeit auf neustem pädagogischen und technischen Stand entworfen und hat rund 1,5 Millionen Euro an Förder- und Spendengeld verschlungen. In der kommenden Woche wird „Anne Frank – Morgen mehr“ feierlich eröffnet und löst dann die in die Jahre gekommene alte Dauerausstellung der Bildungsstätte ab. Wo es früher vor allem um die Person Anne Frank und ihr weltberühmtes Tagebuch ging, sollen sich Schüler und Jugendliche nun breiter und selbstbestimmt mit dem Umgang mit der Geschichte, mit Rassismus und Homophobie, Globalisierung, Flucht und Migration auseinandersetzen.

Nicht erst der aktuelle Streit um Äußerungen des AfD-Bundessprechers Alexander Gauland, der die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnet hatte, zeige, was für turbulente Zeiten angebrochen seien, sagt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte. „Der ganze Bezug zur deutschen Geschichte wird neu verhandelt, es gibt Versuche der Verharmlosung und Relativierung.“ Rassismus und Antisemitismus würden wieder sichtbarer in Deutschland, es gebe immer weniger Zeitzeugen und Holocaust-Überlebende, junge Leute hätten einen anderen Zugang zur deutschen Geschichte. Die politische Bildungsarbeit brauche daher neue Konzepte. „Es soll nicht darum gehen, ein Gefühl der Trauer zu erzeugen“, sagt Mendel. „Wir wollen jungen Menschen den Glauben geben, dass sie etwas verändern können.“ Deshalb spreche man die Jugendlichen in der Ausstellung auf Augenhöhe und mit Themen aus ihrer Lebenswelt an. Man fordere sie auf, sich eine Meinung zu bilden, anstatt ihnen fertige Antworten von Experten vorzusetzen.

„Deine Meinung zählt“ ist das Motto des „Lernlabors“. Passend dazu gibt es keine klassische Museums-Führung mit vorgefertigten Informationshäppchen. Die jungen Besucher ab 13 Jahren bekommen stattdessen ein Tablet in die Hand, mit dem sie sich frei in der Ausstellung bewegen und unterschiedliche Stationen aktivieren können. Die „Trainer“ genannten Mitarbeiter der Bildungsstätte, speziell geschulte junge Leute zwischen Anfang und Mitte 20, moderieren eher, als den Besuchern etwas zu erklären.

Einige der Stationen handeln von Anne Frank, von ihrem Tagebuch und ihrem Leben im Versteck in Amsterdam, andere thematisieren dagegen mit starkem Gegenwartsbezug Rassismus und Antisemitismus, Hass im Internet, Fluchtgeschichten, Zivilcourage oder Gerechtigkeitsfragen. Alle Stationen sind auf Interaktion angelegt und sollen dazu anregen, sich zu positionieren. Bereits vorhandenes Wissen wird abgefragt, irritierende Informationen eingefügt, nach der Einschätzung der Besucher gefragt.

An vielen Stationen kann man die eigene Meinung zu den behandelten Themen sogar in sein Tablet tippen – die Vielfalt der Ansichten aus der Besuchergruppe wird am Ende des Besuchs automatisch auf einer Schautafel angezeigt, um weitere Diskussionen in der Gruppe anzuregen. Die hellen Räume und die speziell angefertigten bunten Ausstellungsstücke sollen einladen, anstatt zu bedrücken.

„Es soll ein Ort sein, wo man sich sicher fühlen kann und gerne in die Auseinandersetzung geht“, sagt Kuratorin Deborah Krieg. Überhaupt sollten drängende Fragen der deutschen Geschichte und der Gegenwart vor allem darauf abgeklopft werden, was sie mit dem Leben der Jugendlichen zu tun haben – und was sie für ihre eigene Zukunft aus ihnen lernen können.

In eineinhalb bis maximal vier Stunden – so lange dauert ein Besuch im „Lernlabor“ – sollen so neue Gedanken zu der Frage entstehen, in was für einer Gesellschaft die Jugendlichen leben wollen. Ein ganzes Jahr läuft „Anne Frank – Morgen mehr“ jetzt zunächst im Testbetrieb; danach soll die Ausstellung evaluiert und, falls nötig, umgebaut und inhaltlich überarbeitet werden. Die neue Ausstellung bedeute einen großen Schritt für die Bildungsstätte, sagt Direktor Meron Mendel. Endlich werde die ganze Breite der Arbeit, die man schon seit Jahren mit Workshops, Kongressen und Antidiskriminierungsberatung leiste, auch in der Dauerausstellung richtig sichtbar.

„Hier findet so viel mehr statt als Anne Frank und die Geschichte des Tagebuchs“, sagt Mendel. Er hoffe, dass das neu konzipierte „Lernlabor“ auch weit über Frankfurt hinaus Impulse für zeitgemäße politische Bildungsarbeit setzen könne.

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