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Annalisa Weyel ist Tochter von gehörlosen Eltern und wurde schon früh mit Vorurteilen konfrontiert. Foto: STPG
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Annalisa Weyel ist Tochter von gehörlosen Eltern und wurde schon früh mit Vorurteilen konfrontiert.

Frankfurt

Annalisa Weyel: „Viele glauben, dass Gehörlose nicht so klug sind“

  • Judith Gratza
    VonJudith Gratza
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Stadtteilbotschafterin Annalisa Weyel will mit Workshops Vorurteile gegenüber gehörlosen Menschen abbauen und Einblicke in die Gebärdensprache geben. Das Interesse ist groß. Auf ihrem Instagram-Account hat sie 35 000 Follower.

Frau Weyel, Ihr Instagram-Account, auf dem Sie unter anderem zeigen, wie Gebärdensprache von Gehörlosen funktoniert, hat 35 000 Follower. Woher kommt das große Interesse?

Weil Gebärdensprache unglaublich faszinierend ist. Und weil sie in letzter Zeit sichtbarer geworden ist. Man sieht sie in Netflix-Serien oder bei verschiedenen Veranstaltungen. Es ist eine ganz andere Form sich auszudrücken, zugleich aber eine vollwertige Sprache mit Vokabular und Grammatik. Man muss sich im Vergleich zur Lautsprache umstellen, da man viel über Mimik und Körperhaltung kommuniziert. Sich also viel mehr bewusst werden, was man spricht beziehungsweise gebärdet.

Wie kommt es, dass Sie selbst diese Sprache beherrschen?

Meine Eltern sind gehörlos.

Ist es schwer, Gebärden zu lernen?

Das kommt auf den Menschen an. Es gibt Leute, die finden leicht rein, weil sie ohnehin offen kommunizieren. Anderen fällt es total schwer, weil sie nicht so aktiv agieren und es nicht sofort schaffen, den Schalter umzulegen, also die ganze Kommunikation in den Körper reinzulegen. Man muss sich durchweg konzentrieren, Augenkontakt halten, das ist für manche erstmal schwierig oder unangenehm.

Als Stadtteil-Botschafterin möchten Sie vor allem einen Eindruck in die Sprache und Kultur von Gehörlosen vermitteln. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil es viele Vorurteile gegenüber Gehörlosen und der Gebärdensprache gibt, die ich mit meinem Projekt abbauen möchte.

Woher kommen diese Vorurteile?

Aus Unwissenheit. Gebärdensprache ist erst seit 2002 eine anerkannte Sprache und war vorher teilweise sogar verboten. Viele wissen nichts darüber. Sie denken noch heute, das ist nur eine Zeichensprache oder gar „Affensprache“.

Haben Sie das selbst erlebt?

Ja. Als Kind von gehörlosen Eltern wurde ich früh mit diesen Vorurteilen konfrontiertert. Da fragten mich die Leute, ob meine Eltern lesen, schreiben oder Auto fahren können. Denn oft wird Gehörlosigkeit mit geistiger Behinderung gleichgesetzt. Viele glauben auch, dass Gehörlose nicht so klug sind, was in keinem Fall stimmt!

Wie klären Sie als Stadtteil-Botschafterin auf?

Ich gebe mit Maisaa Al Dubai, die bereits 2019 mit dem Gehörlosenprojekt als Stadtteil-Botschafterin angefangen hat, kostenlose Gebärdensprach- und Sensibilisierungsworkshops. Wegen Corona machen wir das online, auf Zoom. Es geht aber nicht nur darum, Gebärden zu vermitteln. Wir wollen auch für das Thema Gehörlosigkeit sensibilisieren. Wir reden darüber, wo es Barrieren gibt und wie sie abgebaut werden können. Wie es ist, mit einem gehörlosen Bruder aufzuwachsen. Oder wie es mit Inklusion an Schulen steht.

Wer nimmt an Ihren Workshops teil?

Alle möglichen Menschen. Es sind oft auch ein paar Ältere dabei, die immer schlechter hören; Leute, die in sozialen Berufen arbeiten, oder Menschen, die mit der Thematik in Kontakt kommen, weil die beste Freundin oder die Nichte gehörlos oder hörbehindert ist. Wir haben die Teilnehmerzahl auf 20 begrenzt, um auf die Bedürfnisse individuell eingehen zu können. Es gibt aber eine lange Warteliste.

Heißt das, Sie werden auch nach dem Stipendium weitermachen?

Auf jeden Fall. Wir wissen aber noch nicht in welchem Rahmen. Ich möchte gerne meine Eltern und andere Gehörlose stärker in die Workshops einbinden, wenn wir die Kurse wieder in Präsenz halten können. Das schafft Nähe und Verständnis. Denn für mich war das immer ein komisches Gefühl, dass meine Eltern so benachteiligt behandelt werden. Das hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich finde das sehr ungerecht und frage mich, warum muss das so sein. Es geht doch auch anders.

Interview: Judith Gratza

Wer sich für die Workshops interessiert und mehr zu Gebärdensprache und Gehörlosigkeit erfahren möchte, kann sich per Mail an die beiden Stadtteil-Botschafterinnen wenden: maisaa.al-dubai@stadtteilbotschafter.de oder annalisa-weyel@web.de. Kontakt auch über info@stadtteilbotschafter.de

Zur Person

Annalisa Weyel (20)

wohnt in Bockenheim und studiert Germanistik und Anglistik an der Goethe-Uni.

Auf Instagram

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