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Am Wochenmarkt in Bornheim am Uhrtürmchen ist es am Samstag voll, aber nicht eng. Foto: Monika Müller
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Am Wochenmarkt in Bornheim am Uhrtürmchen ist es am Samstag voll, aber nicht eng.

Frankfurt

Annabelle, die Allzweckkartoffel

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Wochenmärkte in Frankfurt bieten in außergewöhnlichen Zeiten eine kleine Flucht. Auch wenn die Maske überall Pflicht ist.

Man könnte glauben, in diesen risikoreichen Zeiten richte sich der Verbrauchermarkt auf der Konstablerwache an all jene Mühseligen und Beladenen, die des Lebens müde geworden sind. Aber man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der Marktstand, der seine Kunden auf einem Hinweisschild auffordert: „Verweilen Sie nach Erhalt Ihrer Waren bitte nicht an der Theke. Verteilen Sie sich großzügig über den Platz.“ Das wäre nun in der Tat eine Riesensauerei, welche die ohnehin ästhetisch fragwürdige Konstablerwache auch nicht gerade verschönern würde.

Allerdings: Platz genug wäre da. Es ist nicht ganz so viel los wie an Markttagen zu normalen Zeiten, aber im Vergleich zur ansonsten recht leeren Zeil ist die Hölle los. Die Besuchermassen verhalten sich am frühen Samstagnachmittag ein bisschen wie die Luftmassen bei einem Tornado: Sie kreisen um ein Zentrum, in dem nichts los ist. Vielleicht handelt es sich bei diesem Zentrum ja auch um einen der legendären „markierten Verzehrbereiche“, in denen laut Info das Schnabulieren von Weck und Worscht gestattet ist. Nach den Markierungen glotzt sich Otto Normalverbrauchermarktbesucher nämlich die Augen aus. Vielleicht hat der kleine Prinz ja recht, und man sieht nur mit dem Herzen gut, während die wichtigen Dinge dem Auge verborgen bleiben.

Manchmal hilft es aber auch, einfach mal nachzufragen. „Was ist denn in dem ,Gesundheitsbrot‘ drin?“, will ein Kunde vom Bäcker, der „Gesundheitsbrot“ feilbietet, wissen. „Hauptsächlich Roggen“, antwortet der Bäcker. „Dann könnte man es ja auch ,Roggenbrot‘ nennen“, analysiert der Kunde. „Könnte man“, gibt der Bäcker zu, „müsse man aber nicht.“ Ob er dabei lächelt, ist wegen seiner Schutzmaske nicht zu erkennen. Apropos Können und Müssen: Besucher ohne Masken, so ist an beinahe jedem Stand zu lesen, „können nicht bedient werden“. Sie könnten wohl schon, müssen aber nicht, weil man die Maskendisziplin der Marktbesucher und –beschicker als vorbildlich loben muss.

Liebgewonnene Beratungsgesprächsorgie

Das gilt auch für den Wochenmarkt in Bornheim Mitte. Hier geht es eigentlich zu wie an allen anderen Markttagen auch. Das alles ein bisschen anders ist als sonst, merkt man aber bereits vor Erreichen des Marktes: Das gute alte Berger Kino ist jetzt Corona-Teststation, und die fliegende Verkäuferin, die normalerweise selbst gestrickte Socken verkauft, hat jetzt auch Schutzmasken mit Weihnachtsmotiven im Portfolio. Manche Sachen aber ändern sich nie. „Verzichten Sie auf längere Beratungsgespräche“, bitten die überall ausgehängten, gut sichtbaren „Hygieneregeln für Wochenmärkte“ fast schon flehentlich – und ignorieren dabei das natürliche Grundbedürfnis der Frankfurter Kundschaft, die hinter ihnen Anstehenden in den Wahnsinn zu treiben.

„Für was eignen die sich denn?“, will eine Kundin wissen und zeigt mit dem Finger auf Annabelle aus dem Rodgau. Die eigne sich für viele Dinge, gibt der Verkäufer Auskunft und beginnt die Aufzählung: „Salzkartoffeln, Kartoffelsalat …“ Das ist wenig überraschend, da es sich bei Annabelle um eine Kartoffelsorte handelt. Und bevor der Verkäufer irgendwann zu „… Bratkartoffeln, Kartoffelgratin – und natürlich Kartoffelsupp’!“ kommen wird, da wendet sich der in der anwachsenden Schlange wartende Kunde mit Grausen und begibt sich lieber zum benachbarten Bonbonstand, um dorten eine „Hustenmischung“ zu erwerben. Denn der einzige Weg, Frankfurter Kundschaft von der liebgewonnen Beratungsgesprächsorgie abzuhalten, scheint ein rechtschaffener Hustenanfall in deren Nacken zu sein.

Nein, die Beratung vor Ort lässt sich die Frankfurter Bevölkerung nicht nehmen. Bei der Arbeit ist man da liberaler. „Ich hätte dich mit der Maske fast nicht erkannt“, begrüßt eine Marktbesucherin einen Arbeitskollegen, um sich gleich darauf wieder zu verabschieden: „Vielleicht sieht man sich ja im kommenden Jahr mal wieder.“ „Ja – aber nur auf dem Bildschirm“, antwortet der Kollege knochentrocken. Da muss man realistisch sein.

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